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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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(c) Andreas Spechtl

Matthias Koch

Aufbruch in ein unbekanntes Land

Wie ein Hamburger der Welt mit seinem Indie-Label die Musik des Irans eröffnen will.

Verliebt hatte sich Matthias Koch damals im Jahr 2015 auf seiner Rucksack-Tour durch den Iran. Nicht in einen Menschen, sondern in das Land: „Während in den Bergen Schnee lag, brüteten unten 35 Grad, hier die Wüste, dort das subtropische Klima am Kaspischen Meer – diese unglaubliche Vielfalt hat mich fasziniert.“ Und bis heute nicht mehr losgelassen, zumal die Menschen dem Hamburger mit einer überwältigenden Offenheit und Gastfreundschaft begegnet seien: „An jeder Ecke wurde ich willkommen geheißen und gleich zum Essen eingeladen.“
Längst ist aus der Verliebtheit Liebe geworden, besucht der Norddeutsche zweimal im Jahr das historische Perserreich – und trägt inzwischen seine Faszination für Land, Leute und Kultur mit seinem eigenen Label 30M Records hinaus in die Welt. „Ich habe seinerzeit eine ganz neue Musik entdeckt, von der ich noch nie etwas gehört hatte“, erinnert sich der gebürtige Bremer. Traditioneller Folk und alte Baluchi-Rhythmen, klassische Instrumentierungen und experimentelle Sounds, Viertelton-Harmonien und moderner Pop: Wer wie Koch seit mehr als zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft, nicht zuletzt für Indie-Labels tätig ist und Grenzgänge zwischen Klassik und Moderne liebt, für den muss(te) sich da eine neue Welt eröffnen.

Schriftzeichen wie Kunstwerke

Was ihn dabei über die ganz anderen Tonalitäten und Strukturelemente hinaus noch beeindruckte und bis heute begeistert: „Jeder kann irgendein heimisches Instrument spielen, das auf Partys rausgeholt wird, um dann gemeinsam zu musizieren – und die Menschen sind stolz auf diese eigene Musikkultur und ihre eigenen Klänge.“ Klänge, die er in die Welt tragen wollte, ahnte doch bis dahin im Westen kaum jemand etwas von dieser vielfältigen Musikszene: die Geburtsidee für sein Label 30M Records – der Name bezieht sich auf die persische Fabel „Die Konferenz der Vögel“ aus dem 12. Jahrhundert, die vom Aufbruch zu neuen Ufern erzählt –, das 2020 zum Start dem Musikmarkt gleich mit drei Veröffentlichungen bislang unbekannte Klangfarben verpasste.
Wie auch ungewohnte Schriftzeichen, denn unverkennbar soll(te) ebenfalls das Artwork der Cover sein: „Das war und ist mir einfach sehr wichtig, habe ich doch so früher selbst meine Platten ausgewählt“, erzählt Koch. Entsprechend Raum bekommen die arabischen Schriftzeichen, die oft eher an Kunstwerke denn an Buchstaben erinnern, auf den Booklets und Plattenhüllen eingeräumt – von jeder Produktion erscheinen in der ersten Auflage 500 CD- und 300 Vinyl-Veröffentlichungen – und der Label-Chef hält die Grafiker an, sich vor dem ersten Entwurf unbedingt erst einmal in die Musik des Albums zu vertiefen. So wie bei der jüngsten Produktion der iranischen Komponistin Aftab Darvishi , deren Debüt „A Thousand Butterflies“ bei aller stilistischen und instrumentalen Vielfalt eine faszinierende symmetrische Strenge auf dem Cover offenbart. Und damit eben diese Grenzgänge und -überschreitungen widerspiegelt – die inzwischen in Großbritannien und den Niederlanden lebende Musikerin schreibt regelmäßig Werke für das Kronos Quartet –, die auch die Produktionen von 30M Records charakterisieren.

Keine Musik für den Iran

Dass es sich dabei um eine „Ultra-Nische“ handelt, ist sich Koch wohl bewusst – obendrein „einigermaßen gewagt in einem schwierigen politischen Umfeld“: Denn während im Iran jegliche Musik streng kontrolliert wird, ist das Land selbst nach der Aufkündigung des Atom-Abkommens im Jahr 2018 durch die US-Sanktionen nicht nur vom internationalen Finanzsystem abgekoppelt, es haben sich auch immer mehr Unternehmen in der Folge aus dem gemeinsamen Handel zurückgezogen – aus Angst vor wirtschaftlichen Nachteilen. So kämpft der Hamburger einerseits mit den Auswirkungen der westlichen Politik – alle Förderungen für deutsch-iranische Kulturprojekte sind derzeit auf Eis gelegt – andererseits mit denen der Sitten in der islamischen Republik: Wenn ein Album im Iran veröffentlicht wird, kann es nämlich schon einmal passieren, dass die strengen Religionswächter Anstoß nehmen – nicht an der Musik, aber am Cover. Mit der Konsequenz, dass etwa die unbedeckten Handgelenke einer Künstlerin für die persische Ausgabe „neutralisiert“ werden müssen.
Kein ganz einfacher Spagat – zumal der Produzent zwar für die Alben weltweit die Vertriebsrechte hat, nicht jedoch im Iran selbst. „Ich kann wegen der Sanktionen ausgerechnet den Heimatmarkt nicht bedienen.“ Aber rechnet sich solch ein Label dann überhaupt? „Gewinn auf finanzielle Art“ mache er derzeit nicht, räumt Koch ein. Für ihn sei es eine Investition in die Zukunft: „Ich möchte irgendwann die Künstler hier bei uns live spielen sehen.“

Neu erschienen:

Aftab Darvishi

A Thousand Butterflies

Stockholm Saxophone Quartet, Doelen Ensemble, Maarten van Veen u. a.

30M Records-Indigo/375 Media

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Weitere Infos zum Label

www.30m-records.com

Christoph Forsthoff, 03.09.2022, Online-Artikel



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