Startseite · CD zum Sonntag

10. — 16. November 2018

Todestage zu zelebrieren, ist eigentlich makaber. Aber irgendwie auch schön, denn so verliert das Ableben ein wenig von seiner Tragik: Wir fokussieren uns auf das, was der Nachwelt erhalten bleibt – bei Komponisten die Musik, die weiterlebt. Am 13. November 1868 und damit vor 150 Jahren starb Giachino Rossini in Paris, einer der größten Opernkomponisten seiner Zeit. Die Münchner Musikerin Raphaela Gromes legt bei Sony zu diesem Anlass eine „Hommage à Rossini“ vor – auf dem Cello! Auf der neu erschienenen CD sind, zum Teil gemeinsam mit Pianist Julian Riem, zum Teil mit dem WDR Funkhausorchester unter der Leitung von Enrico Delamboye, allerdings nicht nur Rossini-Transkriptionen zu hören sowie das einzige Originalwerk von Rossini für Cello und Klavier: „Une larme“ („Eine Träne“). Denn Werke von Martinů („Variationen über ein Thema von Rossini“) und Jacques Offenbach („Hommage à Rossini“) ergänzen dieses klingende Porträt eines großen Ausdrucks- und nicht zuletzt auch Unterhaltungskünstlers. Und das alles mit dem für das Rossini-Oeuvre natürlich ungewöhnlichen, aber der Stimme ja nicht unähnlichen Timbre des Cellos. Mit dem Offenbach-Stück gibt es zudem eine wahre Rarität zu hören, die nur dank des Forschungseifers der jungen Musikerin nun an die Öffentlichkeit gelangt. Denn die Originalseiten von Offenbachs „Hommage à Rossini“ wurden beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs 2009 zerstört und mussten erst durch den Kontakt mit verschiedenen Nachfahren-Familien und durch das genaue Studium diverser überlieferter Orchesterstimmen aufwändig rekonstruiert werden. Dass Offenbach selbst ein großer Cellovirtuose war, hört man diesem Stück an, denn seine „Hommage“ ist – wie diese ganze CD – ein Kunstwerk in Sachen Virtuosität, Melos und Klangfarben.

03. — 09. November 2018

Jäger-Meister: Von Hubertus von Lüttich, der um 655 herum nahe Toulouse geboren wurde, geht seit dem Mittelalter die Sage, er sei bei einer Jagd am Karfreitag einem besonders schönen Hirsch begegnet, der, als er sich ihm zum Speerwurf näherte, ein leuchtendes Kreuz zwischen seinem Geweih trug. Ob dabei eine größere Menge Kräuterlikör im Spiel war, ist nicht überliefert, jedenfalls habe sich durch dieses Erlebnis der Pfalzgraf zum christlichen Glauben bekehrt. Als Heiliger Sankt Hubertus ist er folgerichtig der Schutzpatron der Jäger, die alljährlich an seinem Festtag, dem heutigen 3. November, sein Andenken in der Feier prachtvoller Hubertus-Messen mit Parforcehörnern hochhalten. Eine solche steht auch im Zentrum eines Albums, das die Musiker des Deutschen Horn Ensembles letztes Jahr der Jagd in der Hornmusik der Romantik widmeten. Ihr Gruß an den Wald, „Salut à la forêt“, hallt echosatt zwischen den Kiefernstämmen der romantischen Volksseele, wie sie von Komponisten wie Carl August Hänsel, Robert Stark und Oliver Kersken erträumt wurde. Wer mit dem ungestopften und somit unkorrigierten Tonvorrat der nach oben gehaltenen Parforcehörner nicht vertraut ist, könnte sich über die „schiefen“ Klänge in der Messe vielleicht wundern, doch könnte man diese im Verständnis der heutigen Zeit sogar als ganz besonders wertvoll anpreisen: Schließlich alles reine „Naturtöne“.

27. Oktober — 02. November 2018

Nicht nur Vivaldi und Haydn haben die Jahreszeiten kompositorisch verarbeitet, sondern auch Peter Tschaikowski. Doch sein gut 40-minütiger Klavierzyklus über die 12 Monate des Jahres klingt überraschenderweise kaum nach seinem opulenten Klavierkonzert – sondern vielmehr nach den poetischen Charakterstücken eines Robert Schumann oder den „Liedern ohne Worte“ von Mendelssohn! Die Klavierminiaturen entstanden 1875 und 1876 als Auftragswerk für den Verleger Nikolaj Bernard. In dessen Zeitschrift „Nouvelliste“ wurde monatlich ein Stück veröffentlicht, garniert mit passenden Versen von großen russischen Poeten wie Tolstoi oder Puschkin. Diese kannte Tschaikowski zwar bei der Publikation noch nicht, die Titel allerdings für die einzelnen Stücke wurden ihm vom Verleger vorgegeben: von „Am Kamin“ (Januar) über „Karneval“ (Februar) und „Weiße Nächte“ (Juni) bis zur „Jagd“ im September und natürlich „Weihnachten“ im Dezember. Tschaikowski fing in jedem der Charakterstücke dementsprechend mit musikalischen Mitteln typische Bilder und Stimmungen ein – und zeichnete so ein klingendes Jahrespanorama seiner russischen Heimat, aber mit deutlichen Referenzen an die deutsch-romantische Tradition.

20. — 26. Oktober 2018

Kennen Sie William Sterndale Bennett? Wahrscheinlich nicht. Der Komponist, der Hans Christian Andersen nicht unähnlich sah, war der Sohn eines Organisten. Als Chorknabe bei der King’s College Chappell ausgebildet, studierte er an der Royal Academy of Music – eine durch und durch britische Verwurzelung. Doch seine heimliche Liebe gehört den deutschen Romantikern. So besucht er Deutschland, trifft Felix Mendelssohn Bartholdy, der ihn nach Leipzig und als Solist ins Gewandhaus einlädt. Dort wird er wie ein lange vermisster Bruder empfangen und begeistert gefeiert. Auch von Robert Schumann.
Sein Werk, das er nach seiner Rückkehr nach Großbritannien als berühmter Musiker und Professor komponiert, orientiert sich an Mendelssohn, kennt aber auch Schumanns dunklere, aufgewühlte Seiten. Zuletzt hatte sich das Villiers Quartett mit Elgar und Delius empfohlen, nun widmen sie Bennetts Kammermusik ein ganzes Album und ergänzen sich dazu um Jeremy Young am Klavier und Leon Bosch am Kontrabass. Und Bennet zeigt sich dieser Entdeckungstat würdig, sei es bei seinem leidenschaftlichen Klaviersextett fis-Moll oder dem sonnig-verspielten Klaviertrio A-Dur. Etwas konventioneller fällt da das vornehm gebremste Streichquartett G-Dur aus. Eine lobenswerte Repertoireerweiterung, die jeder Romantik-Freund mit Genuss hören wird.

13. — 19. Oktober 2018

Musik und Trauer: Das passt gut zusammen. Im Requiem oder Trauermarsch, in Klagegesängen und Friedhofsmusiken, in Elegien und Nänien fand die tiefe Emotion durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder wechselnden Ausdruck. Es ist daher wohl keine Überraschung, dass im gefühlsheißen Russland des 19. Jahrhunderts die Trauer besonders bittersüß in Kammermusikwerken ausgekostet wurde – und andere mit ihr infizierten. Als Peter Tschaikowski 1882 sein Klaviertrio in a-Moll im Gedenken an den Kollegen und Freund Artur Rubinstein schrieb, der kürzlich verstorben war, widmete er es diesem mit den Worten „à la memoire d`un grande artiste“ („dem Andenken eines großen Künstlers“). Elf Jahre später zierte diese Widmung ebenfalls ein opulentes, spätromantisches Klaviertrio, diesmal des 20-jährigen Rachmaninow, der damit Tschaikowski meinte. Der war mit 53 Jahren tragisch und sehr plötzlich vermutlich an der Cholera verstorben. Rachmaninow hatte sich noch am Todestag an die Arbeit seines zweiten „Trio élégiaque“ (dem Wortstamm nach „wehmütig“ oder „schwermütig“) gemacht, und der Name ist Programm: In drei Sätzen herrschen hier vor allem Düsternis und trotzige Gefühlswallungen; vor allem der Klavierpart schäumt dabei fast über vor Virtuosität und Klangfülle. Musik im Bannkreis des Todes: ein schaurig-schönes Kapitel Musikgeschichte.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

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