Startseite · CD zum Sonntag

22. — 28. September 2018

Abschiedsblicke: Der Umzug in das Landhaus Brinkwells fällt für den britischen Komponisten Edward Elgar mit einem ziemlich ungewöhnlichen Schaffensausbruch zusammen. Und das in zweierlei Hinsicht, denn Elgar beteiligt sich mit gleich drei Werken in der bis dahin verschmähten Kammermusik. Und vollendet mit dem Cellokonzert e-Moll anschließend seine letzte Komposition. Es sind Werke des Rückblicks: herb, von schmerzlichem Ernst und einer untrennbar damit verbundenen – und gerade deshalb besonders intensiven – Schönheit. Es scheint, als ob die dunkle Farbe des Violoncellos, seine Fähigkeit zum unversöhnlichen Grollen in den Saiten wie auch dem etwas näselnd-verhangenen Gesang, von Elgar so meisterhaft eingesetzt wurde, dass das Werk nach erstem Vergessen prädestiniert dazu war, von Jacqueline du Pré 1965 mit der ganzen Wucht der Legendenbildung neu entdeckt und okkupiert zu werden. Segen für das Werk, und Fluch für alle Musiker, an dieser Referenz vorbeizukommen und dennoch Gültiges beizutragen. Marie Hecker gelingt das, wenn sie der Bitterkeit von Elgars Konzert nicht mit dem Überschwang du Prés antwortet, sondern mit einem kühleren, dabei aber ebenso unerbittlichen Ansatz. Hier kippt nicht vibratogesättigte Leidenschaft in Verzweiflung, sondern vorsichtiger: erblühen Wehmut und Abschied aus unabänderlichem Verlust. Noch näher dran ist man beim Klavierquintett a-Moll, das Hecker mit einer hochkarätigen Auswahl an Musikerfreunden zum Ereignis werden lässt. Der sich unlösbar abarbeitende Zweikampf der Eröffnungsthemen macht im Adagio fast überraschend Platz für ein großes, ungebrochen romantisches Schwelgen. Kein Wunder, dass Elgar das Komponieren nach diesen zwischen 1917 und 1919 entstandenen Werken einstellte – das Zeitalter, das er darin betrauerte, war im Ersten Weltkrieg unwiederbinglich untergegangen.

15. — 21. September 2018

Sie kann sich durchsetzen gegen ein Orchester, kann technisch brillieren, aber auch engelsgleich singen – und sieht mit ihrem Goldglanz dabei auch noch hervorragend aus! Trotzdem ist die Trompete als Konzertsolistin bis heute eine totale Randerscheinung. Zwar gibt es derzeit eine erstklassige Trompetengeneration, die das zu ändern versucht, von Gábor Boldoczki, Håkan Hardenberger über Alison Balsom bis hin zur norwegischen Trompeterin Tine Thing Helseth. Dennoch: Man würde dem Blechblasinstrument mehr Aufmerksamkeit wünschen. Joseph Haydn wusste vom Potenzial dieses Instruments, er hat das erste, eindrucksvolle Solokonzert für die Trompete geliefert. Angefixt wurde er dazu von einer technischen Neuentwicklung durch seinen Freund und Kollegen Anton Weidinger: Der hatte 1796 eine Klappentrompete erfunden, auf der man erstmals mehr als nur die Naturtöne spielen konnte. Was taten sich da für Möglichkeiten auf! Und Haydn wusste sie zu nutzen, so dass seine Zeitgenossen bei der Uraufführung im Wiener Burgtheater ziemlich staunten. Chromatische Durchgänge, schnelle Triller, schwungvolle Aufgänge bis in oberste Lagen: Haydns Konzert ist ein Technikwunderwerk. Doch auch die lyrischen Qualitäten beeindruckten die Zuhörer, wie man in einer Rezension von Anton Gabmeyer lesen kann: „Wäre es nicht vollendete Musik, es würde die allerbeste ‚Studie‘ für eine neue Erfindung sein, was sich hinter dem Meisterwerk verbirgt. In einer nie da gewesenen Weise beginnt die Trompete zu singen als wäre sie ein Streichinstrument.“ Mit dieser CD richtet Tine Thing Helseth ein bisschen Scheinwerfer-Licht auf das unterschätzte Instrument – und auf die große Kunst von Haydn, Hummel und anderen Trompeten-Connaisseuren.

08. — 14. September 2018

Es ist so eine Sache mit dem Rückblick. Noch ist der Sommer nicht vorüber, aber ein paar Wolken und frische Nächte lassen einen an den letzten Sonnentagen umso inniger hängen. Der Rückschau haftet immer etwas Melancholisches, Intensivierendes an. So ist das auch in der Musik: Längst haben wir uns daran gewöhnt, etwa die Klavierwerke Johann Sebastian Bachs, befördert durch die Erkenntnisse und Instrumentenforschung der historischen Aufführungspraxis, in Blickrichtung ihrer Entstehung zu sehen und nicht mehr als die ebenso großartigen wie etwas umständlichen Zeugnisse einer zweifellos einzigartigen Sternstunde der Musikgeschichte mit Abstand zu bewundern. Bei den Pianisten des frühen 20. Jahrhunderts war das noch anders, die wenigsten hatten schon mal an einem Cembalo gesessen oder sich mit barocker Phrasierung beschäftigt. Umso erstaunlicher jedoch ist, dass fast alle, ob Emil Gilels, Wilhelm Kempff oder selbst der als Erz-Romantiker verrufene Sergei Rachmaninow ihre Liebe zu Bach mit aufs Podium nahmen, seltener als der Auftakt zum Tastendonner, eher als besonders erlesenes, kontrapunktisch gewürztes Nachspiel. Im Falle von Rachmaninow und Kempff schlug sich die Beschäftigung mit Bachs Musik auch in der Aneignung besetzungsfremder Kleinodien wie Choralsätzen oder Violinpartiten für ihr Instrument. Rachmaninow etwa lotete dabei selbstbewusst die Bachsche Gavotte für Violine solo mit romantisch verfremdeter Harmonik tiefer aus, ohne dem Original seinen tänzerischen Stil zu nehmen. Herausgekommen ist ein kleines Wunder an melancholisch-rückblickender Freude.
Der isländische Pianist Víkingur Ólafsson stellte ja bereits mit seinem Debüt-Album unter Beweis, das er einer gewissen Nostalgie, wie sie in den repetitiven Etüden von Philip Glass steckt, sehr zugetan ist. Sein Bach-Album scheint denn auch mehr dem Geist der späten Tastengötter als dem Cembalo oder der Stakkato-Ästhetik Glenn Goulds verpflichtet zu sein. Die Zusammenstellung der vornehmlich abseitigeren, aber umso entdeckerfreudigen Stücke hat ihn nach eigener Aussage sehr viel Zeit und Entscheidungskraft gekostet, weil er wie im Pop ein Album mit einer durchgängig erzählten Geschichte konzipieren wollte. Tatsächlich fügen sich die Werke ohne Brüche hintereinander, denn der sehr elaborierte, leicht romantische Stil Ólafssons legt sich über sie und verbindet sie zu einem Reigen inniger Momente.

01. — 07. September 2018

Anton Bruckner muss man für seine Hartnäckigkeit bewundern: Erst mit 60 Jahren erlebte er seinen Durchbruch als Komponist. Von den zum Teil drastischen Misserfolgen seiner früheren Werke (allen voran seiner dritten Sinfonie, die bei der Uraufführung zum Fiasko geriet), wurde sein Ego zwar ordentlich durchgerüttelt. Aber aufgeben wollte Bruckner das Komponieren nie. Und mit seiner 7. Sinfonie war er endlich am Ziel angekommen: Sie wurde schon bei ihrer Leipziger Uraufführung im Jahr 1884 mit Arthur Nikisch und dem Gewandhausorchester sehr wohlwollend aufgenommen und trat von dort aus ihren Siegeszug sogar bis nach Amerika an. Der Dirigent Andris Nelsons ist der neueste Nachfolger von Nikisch bei den Leipzigern, im Februar 2018 trat er sein Amt als Kapellmeister an. Bruckners Siebte wurde gleich auf eines der ersten Programme gesetzt, ein Festkonzert zum 275. Geburtstag des Traditionsorchesters. Im April 2018 wurde der Live-Mitschnitt veröffentlicht und bietet einen eindrucksvollen Einblick in die Zusammenarbeit des neuen Leipziger Dream Team, aber auch in die Qualität der Brucknerschen Komposition. Denn in den vier Sätzen breitete Bruckner sein ganzes Können aus und trat in einen Dialog mit der Vergangenheit. In gewohnt epischer Länge und mit Entwicklungsdimensionen, die in der heutigen, schnelllebigen Zeit von manch einem Geduld und Entschleunigung verlangen. Belohnt wird man mit intensiven Momenten der Spannung und Entspannung, mit berührenden Melodien und Stimmungen, mit Emphase und Innerlichkeit. Ein klangliches Highlight sind auch die vier Wagner-Tuben, die der Komponist im zweiten Satz als Trauermusik für den verehrten Richard Wagner einsetzte. Bruckner und Leipzig – ein schönes Kapitel Musikgeschichte.

25. — 31. August 2018

Wäre das 20. Jahrhundert musikalisch ärmer gewesen ohne Leonard Bernstein? Der charmante Junge aus einfachen Verhältnissen, der autodidaktisch mit dem Klavierspiel begann und 15 Jahre später als Einspringer vor dem weltberühmten New York Philharmonic in der Carnegie Hall stand, landesweit im Radio übertragen, war der New York Times eine Meldung auf der Titelseite wert. Und startete in eine Karriere, die die amerikanische Musik mit strahlenden Broadway-Melodien mit den Traditionen Europas zu klammern und zu versöhnen verstand. Bernstein war ein Musik-Begeisterter und –Begeisterer, der etwa Harvard-Studenten in 5 Minuten an ihrer Hymne 1000 Jahre Musikgeschichte und die Entstehung der komplizierten Harmonik erklären konnte. Doch so gewinnend, menschenfreundlich und lebensunersättlich Bernstein war, so sehr plagten ihn auch Ängste und Zweifel. Am meisten fürchtete er, der Nachwelt nur als Dirigent, nicht jedoch als Komponist in Erinnerung zu bleiben. Wir wollen beide Seiten würdigen und haben, nach der Bernstein-Sinfonie letzter Woche, nun den Dirigenten als Empfehlung. Nicht jedoch mit schmissigen Broadway-Titeln, auch nicht den leidenschaftlichen Apologeten Gustav Mahlers. Sondern jenen Bernstein, der sich für die Sinfonik der USA einsetzte, etwa mit der Uraufführung von Charles Ives‘ Zweiter Sinfonie 1951. Mehr als sieben Jahre hatte Ives an dem Werk gebastelt, da ihm sein Hauptberuf als Firmenchef nur wenig Zeit für seine Musik ließ. Das Anliegen, kompositorisch die Musiksprachen Amerikas und Europas in dieser Sinfonie zu vereinen, Beethoven-Zitate und Marching Band-Momente nebeneinander zu stellen, hat Leonard Bernstein durch die Uraufführung quasi unterzeichnet. Die fünf Sätze sind genau betrachtet nur drei, den erster und zweiter, sowie vierter und fünfter bilden streng genommen ein Paar aus Präludium und Marsch. Als Knalleffekt endet das an sich ziemlich spätromantische Werk mit einer gellenden Dissonanz – ganz so viel klassisches Wohlbefinden konnte und wollte Ives Mitte des 20. Jahrhunderts nicht stehen lassen.

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CD zum Sonntag:

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