Startseite · CD zum Sonntag

19. — 25. Mai 2018

Auf so eine Idee muss man erst mal kommen: Darius Milhauds 14. und 15. Streichquartett lassen sich einzeln oder aber gleichzeitig spielen – als Streichoktett. Dieses absurd anmutende Pasticcio-Projekt kann man auf dieser Milhaud-CD des Quatuor Parisii nachhören, das sich für die Oktett-Version Verstärkung durch das Quatuor Manfred geholt hat. Zunächst spielen die Musiker das Octuor à cordes op. 291, danach einzeln die Quatuors Nr. 14 und 15, die ebenfalls die Opuszahl 291 tragen. Ein faszinierendes wie irritierendes Erlebnis! Milhaud schrieb mehr als 400 Werke, darunter sage und schreibe 18 Streichquartette. Er wollte schließlich Beethoven übertreffen, der es „nur“ auf 17 solcher Werke gebracht hatte. Was für ein skurriler Typ muss Milhaud gewesen sein, der das Pariser Kulturleben des frühen 20. Jahrhunderts prägte! Er selbst war auch hervorragender Violinist und verlegte sich erst nach einigen Jahren des Geigestudiums ganz auf das Komponieren. Mit „La création du monde“ wurde er berühmt, aber auch seine 18 Streichquartette haben es keineswegs verdient, ignoriert zu werden, wie das heute meist der Fall ist. Polytonale Experimente, rhythmisches Feuer, südländisches Temperament: Diese Quartette sind ambitioniert und dabei zugleich oft eingängig und heiter. Nicht alle Sätze sind Meisterwerke, wer könnte das bei 18 Quartetten auch erwarten. Doch diese CD (ein Teil der Gesamtaufnahme der Milhaud-Quartette durch das Quatuor Parisii) bietet in jedem Fall eine interessante (Wieder-)Begegnung mit einem Komponisten, der nicht nur über ein sonniges Gemüt verfügt haben muss, sondern auch über jede Menge Witz.

12. — 18. Mai 2018

Im Frühsommer 1718, also vor genau 300 Jahren, führte Händel in den Gärten von Cannons die Englische Pastorale „Acis and Galatea“ auf, ein perfekter Moment: Wir müssen uns die üppig grünende Landschaft an den Gartenterrassen dazu vorstellen, die den Blick auf große Wasserbassins freigaben. Mit sieben Instrumenten war die Serenata gartentauglich konzipiert, fünf Sänger teilten sich die Rollen und bildeten zugleich den Chor. Auch das Sujet war nicht zufällig gewählt, schließlich wird am Ende der erschlagene Acis in einen Quell verwandelt und gab Gelegenheit, die neue Fontäne des Hauptbeckens spektakulär in die Aufführung zu integrieren.
Es sind glückliche Tage, die Georg Friedrich Händel als composer-in-residence auf Cannons verbringt, dem Landsitz des Duke of Chandos. Der hatte sich als Zahlmeister der Auslandsarmeen wie damals üblich kräftig bereichert und verprasste sein Geld in einer Hofhaltung, die ihm den Beinamen „der fürstliche Chandos“ einbrachte. Seinen neuen Landsitz veredelte eine 24-köpfige Hofkapelle. Die Selbstdarstellung in der Förderung von Kunst und Kultur die Händel an die Kardinäle in Rom erinnert haben dürfte, die er gerade für den Umzug nach England verlassen hatte, währte allerdings nicht lange. Zwei Jahre nach dem sommerlichen Intermezzo verlor Chandos sein Geld bei Aktienspekulation und musste seinen Landsitz Cannons verkaufen. Der wurde abgetragen und als Baumaterial verkauft. Geblieben sind nur Bauzeichnungen – und das Zeugnis jener glanzvollen Tage in Dichtung und Musik, wie Händels Pastorale.
Natürlich gibt das 13. Kapitel aus Ovids „Metamorphosen“, in der Sphäre der Hirten angesiedelt, dem Librettisten John Gay reichlich Gelegenheit, das Loblied des einfachen und erquickenden Landlebens anzustimmen: „Oh, the Pleasure of the plains!“ – ein Lob, in das die privilegierten Bewohner von Cannons im Gegensatz zum Hauspersonal sicher gerne einstimmten. Liebe zwischen jungem Hirt und der von einem Schwarm Blockflöten umzwitscherten Nymphe („Hush, Ye pretty warbling choir“), dazu ein etwas eitler Schäfer-Kollege und ein eifersüchtiger, grober Zyklop, die für genügend Ironie und Lacher sorgten – nicht umsonst gilt „Acis und Galatea“ als die wohl beste englischen Pastorale. Auch wenn die später erfolgte Umarbeitung zum Oratorium das Werk unter Konkurrenzdruck noch einmal auf die Londoner Bühne zurückholte, kommt doch nichts an die Frische und Unverbrauchtheit heran, mit der Händel jenen Sommer in Musik eingefangen hat.

05. — 11. Mai 2018

Auf in den Wald! Der (romantisch verklärte) Wald war für Komponisten des 19. Jahrhunderts ein musikalisches Eldorado. Verwunschene Lichtungen, die eigentümliche Stimmung inmitten der Bäume, der Jäger auf der Lauer: All das wurde wieder und wieder mit musikalischen Mitteln und mal mehr, mal weniger präzisen Titeln vor Ohren geführt. So auch in Schumanns „Waldszenen“ für Klavier op. 82, mit denen er an Heiligabend 1848 begann. Diese neun Charakterstücke erscheinen wie ein Streifzug durch die Natur: Eintritt – Jäger auf der Lauer – Einsame Blumen – Verrufene Stelle – Freundliche Landschaft – Herberge – Vogel als Prophet – Jagdlied – Abschied. Am Anfang des vierten Charakterstücks, „Verrufene Stelle“, vermerkte Schumann als eine Art Motto einige Gedichtverse von Friedrich Hebbel: „Die Blumen, so hoch sie gewachsen, / Sind blass hier, wie der Tod; / Nur eine in der Mitte / Steht da, im dunklen Roth. / Die hat es nicht von der Sonne: / Nie traf sie deren Gluth; / Sie hat es von der Erde, / Und die trank Menschenblut.“ Wie diese Klavier-Szene scheinen auch die anderen Charakterstücke dieses Zyklus bei all ihrer Schönheit oft etwas unheimlich und abgründig. Denn der Tod und das Leben, das Entstehen und Vergehen liegen bisweilen sehr nah beieinander – in der Natur ebenso wie in unserer menschlichen Existenz. Auch die anderen „Waldszenen“ wurden von Schumann mit literarischen Mottos versehen; allerdings strich der Komponist für die Publikation im Jahr 1850 alle diese Verweise bis auf den oben zitierten wieder. Die „Waldszenen“ sollten wohl nicht allzu deutlich an Programmmusik erinnern, der Schumann durchaus skeptisch gegenüberstand. Stattdessen bewegen sie sich genau an jener schönen Grenze zwischen absoluter und programmatischer Musik, zwischen Ahnung, Andeutung und inhaltlicher Referenz, die beim Hörer bis heute Gefühl und Intellekt gleichermaßen anspricht.

28. April — 04. Mai 2018

Geschwisterliebe: 21 Jahre alt ist Wolfgang Amadeus Mozart und gerade dabei, das Tasten-Wunderkind hinter sich zu lassen und sich den Ruf eines ernst zu nehmenden Jungkomponisten zu erarbeiten, da verschlägt es ihn auf der Reise nach Paris in die Residenzstadt Mannheim. Man weiß es nicht, was die Zeilen des jungen Briefeschreibers mehr beflügelt – das Mannheimer Hoforchester, das tatsächlich als eines der besten seiner Zeit gilt, virtuos, agil und sprechend in der Wirkung und noch dazu mit den äußerst modernen Klarinetten klangversüßt, oder die Töchter von Cäcilie Weber. Wie die drei Grazien müssen dem Salzburger Aloysia, Constanze und Josepha erschienen sein, denn alle drei sind musikalisch überdurchschnittlich begabt. Die alleinerziehende Mutter indes hat sich in den Kopf gesetzt, ihren Kindern vor allem eine gute Partie zu verschaffen, viel mehr blieb einer Frau des 18. Jahrhunderts ohne Mitgift kaum übrig. Ein hoffnungsvoller, aber insgesamt doch recht mittelloser, dazu noch ziemlich verspielt wirkender Feuerkopf wie Wolfgang Amadeus liegt da sicher nicht auf ihrer Strecke. So entspinnt sich ein ziemlich erotisch befeuertes Kuddelmuddel im Hause Weber, denn Aloysia, die Mozart anhimmelt und der er atemberaubende Arien in die Kehle komponiert, kriegt er nicht. Und Constanze, die er schlussendlich heiraten wird, muss damit leben, zweite Wahl gewesen zu sein.
Drei Stimmen, eine Interpretin: Ein ebenso kluges wie fesselndes Konzeptalbum hat die Sopranistin Sabine Devieilhe aus diesem Kapitel Musik-Geschichte entwickelt. Ein Musiktheaterstück, das jedem weiblichen Konterpart Mozarts einen Akt widmet, und die Persönlichkeit in den Werken widerspiegelt, zu denen die jeweilige Weber-Tochter den Komponisten inspirierte. Das umfasst im Falle Aloysias die atemberaubende Konzertarie „Popoli di Tessaglia“ mit dem dreigestrichenen G die höchste, je für die menschliche Stimme gesetzte Note. Und im Falle Josephas den kalten Stimmstahl der „Königin der Nacht“. Weniger nach den Sternen greift die Rolle Constanzes, der er die etwas schlichteren Sopranpartien der c-Moll-Messe anvertraut. Hinter diesen so unterschiedlichen Frauengestalten steckt auf dem Album aber immer Sabine Devieilhe, die so neben ihrer Virtuosität auch eine enorme Wandlungsfähigkeit beweist. Begleitet wird sie bei ihren amourösen Anverwandlungen übrigens durch das glänzend aufgestellte Ensemble Pygmalion unter Raphaël Pichon, der auch privat Devieilhes Puls in Musik verwandelt. Ein echtes Herzensprojekt also.

14. — 20. April 2018

Variationenwerke sind oft gähnend langweilig. Es ist eine Kunst, das immer Gleiche mit etwas immer Neuem so zu verquicken, dass das Thema, auf dem alles basiert, stets subtil präsent ist, aber in den einzelnen Variationen dennoch überraschend neue, wunderbare Welten entstehen. Wohl kaum jemand beherrschte diese Kunst so gut wie Johann Sebastian Bach. Seine Goldberg-Variationen, im Original für Cembalo entstanden, sind ein unbestrittener Höhepunkt der Variationenkunst des Barock. In der beliebten Bearbeitung für Streichtrio kommen die einzelnen Stimmen aber vielleicht noch deutlicher hervor und einzelne Passagen können mit sparsamem Vibrato besonders ausgekostet werden – wie man schön in dieser empfindsam musizierten Aufnahme der Camerata RCO, bestehend aus Mitgliedern des Amsterdamer Concertgebouw, hört. Die drei Musiker spielen die eröffnende Aria mit großer Ruhe und spannen zugleich einen stringenten Bogen über die weiten Melodielinien, so verleihen sie dem langsamen Fluss Form und Struktur. In den folgenden Variationen mit ihren Kanons und Fugen, mit ihren Sarabanden, Menuetten und Gigues offenbart sich ein ganzer Kosmos an Ausdrucksmöglichkeiten, in denen Technik und Emotion eine perfekte Symbiose eingehen. Kein Wunder, dass viele dieses Werk zu ihren liebsten Kompositionen zählen.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

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