Startseite · CD zum Sonntag

19. — 25. Januar 2019

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Johannes Brahms, dass er sich aus notorischem Selbstzweifel mit manchen Gattungen seiner Zeit so schwer getan hat. Andererseits war dadurch auch seine Kreativität herausgefordert, eigene Wege zu beschreiten. Am 18. Februar 1869, also vor fast genau 150 Jahren, wurde nach langen Umstellungen und Ergänzungen sein „Deutsches Requiem“ uraufgeführt. Erst auf den zweiten Blick offenbart das Werk, das dem 33-jährigen den Durchbruch verschaffte und bis heute auch zu seinen meist Aufgeführten gehört, einen merkwürdigen Zwittercharakter. Eine katholische Totenmesse wollte der Hamburger Protestant sicher nicht schreiben, und die lutherische Liturgie bot keine Parallel an – wohl aber eine lange Tradition der Vertonung von Bibelsprüchen. So ergab sich für den gewieften Chorleiter Brahms, dessen geliebte Mutter 1865 gestorben war, ein Sonderweg, sein Verständnis dessen, was den Menschen im Angesicht des Todes bewegt, in Musik zu übersetzen. Schon Zeitgenossen zeigten sich angesichts der Spruchsammlung irritiert, denn bei Brahms stand nicht die Verabschiedung der Verstorbenen im Mittelpunkt, sondern der Trost der Hinterbliebenen. Als ihn der Dirigent der Uraufführung bei der Vorbereitung darauf ansprach, dass jeglicher Christus-Bezug fehle, antwortete Brahms, das habe er „mit allem Wissen und Willen“ getan, und er charakterisierte seine Textauswahl selbst nicht ohne Spott als „heidnisch“. Zwar gibt es Parallelen zur Totenmesse, etwa den der Vergänglichkeit gewidmeten zweiten Satz, furchterregend vom Marschrhythmus der Paukenwirbel durchsetzt, aber insgesamt steht Brahms „Deutsches Requiem“ der Motette oder dem Oratorium näher als der streng der Liturgie unterworfenen Messe. Daraus speist sich aber gerade seine Beliebtheit, da der persönliche, wenig konfessionelle geprägte Tonfall der Texte, der sparsame Einsatz der beiden Solisten und die weitschwingenden Melodiebögen des Chores sanfte, tröstliche Farben tragen. In der neuen Aufnahme unter Daniel Reuss gilt das umso mehr, da der Chor, begleitet von einem historisch informierten Orchester, weniger auf Lautstärke setzen muss und mehr Spielraum zur Gestaltung behält. André Morsch ist ein passabler, wenn auch zuweilen etwas zu aufgewühlt flackernder Bariton, während Carolyn Sampson ihr Solo mit reinem Himmelsgold überschüttet.

12. — 18. Januar 2019

Klavier ist gleich Klavier? Von wegen! In der Geschichte dieses Tasteninstruments gibt es Kapitel und Unterkapitel wie bei kaum einem anderen Instrument. Dass sich heutzutage vieles auf einem modernen Flügel abspielt, überlagert leider die Tatsache, dass es in den vergangenen Jahrhunderten die unterschiedlichsten Typologien des Klaviers und seiner Vorformen gab. Pianist Alexander Melnikov ist daher vor einiger Zeit auf die naheliegende (und doch bis dahin von kaum einen Pianisten verwirklichte Idee) gekommen, auf einer einzigen CD verschiedene Instrumente dem Hörer vor Ohren zu führen, passend natürlich zu den ausgewählten Werken. Drei historische Instrumente kommen zum Einsatz: Schuberts Wanderer-Fantasie erklingt auf einem Wiener Alois-Graff-Flügel aus dem Jahr 1828, Chopins Etüden op. 10 werden auf einem Pariser Érard von 1837 gespielt und Liszts „Réminiscences de Don Juan“ auf einem Bösendorfer von 1875. Auch ein moderner Steinway darf nicht fehlen: Er wird zu Melnikovs Spielplatz für Strawinskis „Pétrouchka“. Im Beiheft erklärt der Pianist Spieltechniken und Besonderheiten der Instrumente, doch wer einfach konzentriert zuhört, der braucht diese Erläuterungen gar nicht, um zu merken: Die Welt der Klaviere ist ein Universum für sich. Mit ungeahnten Farben und Klängen, Texturen und Lautstärken. Faszinierend!

05. — 11. Januar 2019

Neue Zeit: Mit Carl Friedrich Abel, der 1759 „zu Fuß, mit drei Talern und sechs Symphonien“ in London eintrifft, erreicht erstmals ein Bach-Schüler die Themse. Und damit ein Komponist, dem – mit einem Bein im Barock und dem anderen in der frühen Klassik – dort Erstaunliches gelingen wird. Abel ist ein herausragender Gambenvirtuose und aus dem von Preußen zerbombten Dresden geflohen, wo er lange Jahre in der Kapelle des Kurfürsten und polnischen Königs als Solist musizierte. Seine Wanderung führte ihn durch verschiedene Städte Süddeutschlands und nach Paris, bevor er sich für London entscheidet. Als parlamentarische Monarchie ist die britische Gesellschaft liberaler und bürgerlicher als die alten Königreiche auf dem Festland. Er hat Erfolg mit seinen Konzerten, wird Kammermusiker der Königin Charlotte. Bald gesellt sich Johann Christian Bach zu ihm, und gemeinsam gründen sie die ersten öffentlichen Abonnement-Konzerte. Für knapp zwanzig Jahre prägen die beiden das musikalische Leben der Weltstadt mit.
Die neue Zeit bildet Carl Friedrich Abel auch auf seinem Instrument ab, der Viola da gamba. Eigentlich ist dessen Zeit abgelaufen, sein feiner sanglicher Ton stammt aus Fürstenkammern und füllt nicht mehr die größer werdenden Konzertsäle. Für diese schreibt Abel daher Sinfonien, Konzerte und Quartette – die Gambe bleibt seine intime Stimme. In seinen Solokompositionen, die sich in der New York Public Library im so genannten „Drexel-Manuskript“ erhalten haben, balanciert er auf der flexiblen Grenze zwischen den Epochen, wie auf einem Hochseil. Was wir hören, ist kein Barock mehr, keine stilisierten Allemanden und Couranten, sondern italienisch behauchte Sonatensätze ohne Begleitung. So stellt sich als Glück heraus, dass Paolo Pandolfo seit jeher ein besonderes Augenmerk auf die alte Kunst der Improvisation gelegt hat, denn so gelingt es ihm auf seinem Album, in den notierten Stücken Abels das Momenthafte des Musizierens spürbar werden zu lassen, den Verlauf aufregend und überraschend zu gestalten. Das Ergebnis: Bewegliche, feine, in gewisser Weise schon fast klassisch-heitere Musik für ein altes Instrument.

29. Dezember 2018 — 04. Januar 2019

Böse Zungen behaupten gern: Zu Unrecht in Vergessenheit geratene Komponisten gibt es nicht. Aber hat es wirklich immer einen guten und gerechten Grund, warum Werke von der Bildfläche verschwinden? Von Bach würde man das heute wohl kaum behaupten wollen, dessen Musik ja erst seit der großen Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Mendelssohn ihren wichtigen Platz im Repertoire und in unseren Herzen gefunden hat. Nun gut, mit Bach wollen wir die Komponisten Ernst Naumann und Wilhelm Berger nicht vergleichen, und doch ist es angesichts der auf dieser CD vom Dresdner Streichtrio dokumentierten Kammermusik-Schätze erstaunlich und auch bitter, dass man diese Werke eigentlich nie zu hören bekommt. Auch über ihre Schöpfer ist so gut wie nichts herauszufinden. Seinerzeit war zumindest Ernst Naumann (1832-1910) als Organist, Komponist, Dirigent, Arrangeur und Musikwissenschaftler durchaus anerkannt. Außerdem war er mit Brahms und Schumann befreundet und dirigierte sogar die Uraufführung der Alt-Rhapsodie von Brahms im Jahr 1870. Diese Komponisten sind es auch, die – neben Mendelssohn – als Seelenverwandten aus Naumanns Musik sprechen. Wie klassisch perfekt ausbalanciert sind hier die Formen, wie wunderbar belebt von romantischem Geist! Vor allem der dritte Satz dieses Streichtrios ist ein Instrumentalgesang, wie er auch von Mendelssohn stammen könnte: beseelt und traurig-süß. Wer an Weihnachten ein Mußestündchen übrig hat, dem sei diese Aufnahme (die augenscheinlich einzige der beiden Werke) dringend ans Herz gelegt.

22. — 28. Dezember 2018

Böse Zungen behaupten gern: Zu Unrecht in Vergessenheit geratene Komponisten gibt es nicht. Aber hat es wirklich immer einen guten und gerechten Grund, warum Werke von der Bildfläche verschwinden? Von Bach würde man das heute wohl kaum behaupten wollen, dessen Musik ja erst seit der großen Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert mit Hilfe von Mendelssohn ihren wichtigen Platz im Repertoire und in unseren Herzen gefunden hat. Nun gut, mit Bach wollen wir die Komponisten Ernst Naumann und Wilhelm Berger nicht vergleichen, und doch ist es angesichts der auf dieser CD vom Dresdner Streichtrio dokumentierten Kammermusik-Schätze erstaunlich und auch bitter, dass man diese Werke eigentlich nie zu hören bekommt. Auch über ihre Schöpfer ist so gut wie nichts herauszufinden. Seinerzeit war zumindest Ernst Naumann (1832-1910) als Organist, Komponist, Dirigent, Arrangeur und Musikwissenschaftler durchaus anerkannt. Außerdem war er mit Brahms und Schumann befreundet und dirigierte sogar die Uraufführung der Alt-Rhapsodie von Brahms im Jahr 1870. Diese Komponisten sind es auch, die – neben Mendelssohn – als Seelenverwandten aus Naumanns Musik sprechen. Wie klassisch perfekt ausbalanciert sind hier die Formen, wie wunderbar belebt von romantischem Geist! Vor allem der dritte Satz dieses Streichtrios ist ein Instrumentalgesang, wie er auch von Mendelssohn stammen könnte: beseelt und traurig-süß. Wer an Weihnachten ein Mußestündchen übrig hat, dem sei diese Aufnahme (die augenscheinlich einzige der beiden Werke) dringend ans Herz gelegt.

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten von Johannes Brahms, dass er sich aus notorischem Selbstzweifel mit manchen Gattungen seiner Zeit so schwer getan hat. Andererseits war dadurch auch seine Kreativität herausgefordert, eigene Wege zu beschreiten. Am 18. Februar 1869, also vor fast genau 150 Jahren, wurde nach langen Umstellungen und Ergänzungen sein „Deutsches Requiem“ uraufgeführt. Erst auf den zweiten Blick offenbart das Werk, das dem 33-jährigen den Durchbruch verschaffte und bis […] mehr »


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