Startseite · CD zum Sonntag

14. — 20. Juli 2018

Zwei geniale Geiger auf einer CD vereint, die die Welt der Klassik und die des Jazz miteinander verbinden, als wäre es das natürlichste der Welt. Einfach toll! Stéphane Grappelli, der französische Geigenvirtuose, weitgehend Autodidakt, aber übersprudelnd vor musikalischen Ideen traf 1973 erstmals auf den acht Jahre jüngeren Yehudi Menuhin, ehemals Wunderkind und damals längst Geigen-Legende. Grappelli hatte mit dem Quintette du Hot Club de France die Clubs aufgemischt, Menuhin die großen Philharmonien und Konzertsäle der Welt. Was beide früh verband: das flammende Interesse für andere Stile, Genres, Musizierarten. Menuhin sorgte sich vor der ersten gemeinsamen CD, die von der BBC initiiert wurde, Grappelli könne sich durch „den nutzlosen Kollegen belastet fühlen, der nie Jazz gespielt und nur den rhythmischen Aspekt einer einzigen Melodie behalten hatte“. Grappelli dagegen war besorgt, was Menuhin zu seiner Technik sagen würde. Wie gut die beiden Musiker dann aber harmonierten und sich gegenseitig beflügelten, beweisen die sechs gemeinsamen CDs, die seit dem ersten Album „Jealousy“ entstanden. Klavier Bass und Schlagzeug bilden die flexible und zugleich solide Basis für die Stimmen der beiden Geiger – Grappelli improvisierte seine Soli, Menuhin griff auf ausgeschriebene Arrangements zurück. Das Ergebnis ist so unterhaltsam wie mitreißend, ein guter Soundtrack für den Sommer!

07. — 13. Juli 2018

Nicht ohne meine Orgel! Das ist der Leitspruch von Cameron Carpenter, seit er sich mit beträchtlichem Aufwand sein eigenes Instrument bauen ließ, eine „Touring Organ“, mit der er sich unabhängig macht von den sehr unterschiedlichen (und vor allem unterschiedlich guten) Instrumenten in Kirchen und Konzerthäusern. Der US-amerikanische Musiker ist eine wirkliche Ausnahmeerscheinung unter den Organisten, so hörens- wie sehenswert. Denn mit seiner exzentrischen Optik spielt er mit den traditionellen Erwartungen diese Musikszene. Mit Glitzerschuhen und Rocker-Outfit, aber auch mit konzentrierter Ruhe tritt er ein für die „Königin der Instrumente“ und für die Alte Musik, allen voran Bach. Dem ist auch das Album „All You Need Is Bach“ gewidmet, ein Querschnitt durch die Gattungen und Kompositionsformen des Barock. Von der Französischen Suite über die bewährten Kombinationen von Präludium oder Toccata mit anschließender Fuge bis hin zu vertrackten Contrapunctus-Kompositionen und Choralvorspielen, die Bach seiner Frau Anna Magdalena in ihr „Orgelbüchlein“ notierte. Es ist zugleich eine Wanderung durch verschiedenste Stimmungen und Emotionen, die uns auch heute berühren. So baut Cameron Carpenter Brücken zwischen damals und heute, zwischen Bach, den Beatles und dem 21. Jahrhundert, technisch brillant und ungeniert einzigartig.

30. Juni — 06. Juli 2018

Weltgewandt: Die Reisezeit beginnt, das öffentliche Leben dampft auf eine Minimalbesetzung ein. Wer jetzt kein Ticket in ferne Länder hat, kann sich auch Balkonien mit einer Klangreise verzaubern. Wir empfehlen dazu ein Album der Koloratursopranistin Sabine Devieilhe, das der Liebe zur Exotik im 19. Jahrhundert gewidmet ist. Wie aber macht eine Musik die Ferne erfahrbar? Für die Franzosen nach der Weltausstellung 1889 in Paris war das die Beschäftigung mit den fremdartigen Klängen javanischer Gamelanspieler, die zu diesem Anlass erstmals in Europa auftraten. Nicht nur das ziel- und zeitlose Kreisen des Zusammenspiels der Musiker, sondern vor allem die modalen, also nicht dem europäischen Dur-Moll-Schema unterworfenen Harmonien übten einen ungeheuren Reiz auf die Komponisten aus. Und lockten auch die Fantasie ins ferne Asien: André Messager erzählt in seiner beschwingten, doch melancholischen Arie von der schmerzlichen Erfahrung einer Beziehung auf Zeit zwischen der Geisha Madame Chrysanthème und einem Seemann. Kommt Ihnen bekannt vor? Mit demselben Libretto hat später auch Giacomo Puccini nach Japan gelockt. Auch die Nachtigall aus Igor Strawinskis gleichnamiger Mini-Oper zwitschert unverkennbar in orientalisch-asiatischem Kolorit. Die berühmteste Fernweh-Figur der Opernbühne ist aber sicher Lakmé, die Tochter eines Hindupriesters, für deren Geschichte Leo Délibes einen blumengeschmückten dampfenden Dschungel auf die Bühne der Pariser Opéra zauberte. Hört man die hell leuchtenden, sich schlängelnden Verzierungen Lakmés in der so genannten „Glöckchen-Arie“, einer Verführungsszene, oder lässt den zeitlosen Abendfrieden des berühmten Blumen-Duetts auf sich wirken, begreift man, dass es eben auch eine Koloratursopranistin braucht, um die Unwirklichkeit und Fremdartigkeit solch exotischer Figuren ihren Zauber entfalten zu lassen. Eine Stimme, die sich durch ihre klare Höhe und Beweglichkeit sogar auflösen kann bis in die Geisterwelt von Debussys „Ariel-Romanze“. Und Sabine Devieilhe, optimal gestützt durch Klangmagier François-Xavier Roth und sein Orchester „Les Siècles“, gelingt es mit ihrer entspannten Treffsicherheit, dem Schmelz und schillernden Perlmutt ihrer Stimme spielend, den Hörer auf eine Reise in ferne Länder mitzunehmen.

23. — 29. Juni 2018

Wanderpokal: Von Lübeck aus, wo er 39 Jahre Organist an der Marienkirche war und in nur hundert Schritten von seiner Wohnung zur Arbeit und wieder zurück kam, brachte Dietrich Buxtehude die ganze Musikwelt des Barock in Bewegung. Seine Abendmusiken hatte er aus einer schönen Lübecker Tradition weiterentwickelt: Bevor die Bürger zum Handeln in die Börse gingen, begaben sie sich noch einmal zur moralischen Entschuldung in die Marienkirche und wurden dort vom Organisten mit Musik unterhalten. Für ein fürstliches Entgelt. Buxtehude verlegte die Abendmusiken auf die Sonntagnachmittage vor Weihnachten und baute sie zu prachtvollen geistlichen Konzertveranstaltungen aus, die gegen Eintritt besucht und sogar in zeitgenössischen Reiseführern als Lübecker Sehenswürdigkeit erwähnt wurden. Auch er ein Erbe, der als Organist aus tiefer Quelle schöpfte, aus der Tastenfertigkeit jener englischen Musiker, die vor der Sinnenfeindlichkeit der Puritaner in die Niederlande geflohen waren und deren Kunst auf dem Virginal sich noch in der Musik Jan Pieterson Sweelincks spiegelt, dem Organistenmacher der Norddeutschen Orgelschule. Doch Buxtehude war auch ein Lehrer ohne Schüler, dessen Werke man studierte und zu dem die Besten der nächsten Generation pilgerten, um sein berühmtes Spiel an der Orgel zu erleben und mit ihm zu sprechen. Beerben wollte ihn davon keiner, denn damals war es üblich, dass der neue Organist die Tochter des Vorgängers heiratete und versorgte, und Buxtehudes Anna Margaretha scheint keine reizvolle Partie gewesen zu sein. Im Sommer 1705 kommen also Georg Friedrich Händel und Johann Mattheson mit der Kutsche aus Hamburg gereist, und im Herbst dann, zu Fuß, Johann Sebastian Bach aus Arnstadt. Anders als die Hitzköpfe von der Gänsemarktoper bleibt er drei Monate, viel länger, als sein Dienstherr ihm Urlaub gewährt hatte. Dass er viel gelernt hat, sieht man an seinem ganzen Werk. Die sprunghafte Toccata Buxtehudes wird er auf neuer Höhe pflegen, seine Sonaten atmen mehr norddeutschen als italienischen Geist, und auch seine Kantaten führen fort, was Buxtehude an genialischen Einfällen beisteuerte: den bei Bach mehrfach anzutreffenden instrumentalen Cantus firmus als Gegenspieler des Chorsatzes findet man schon in Buxtehudes Kantate „Gott hilf mir“. Mit einem dramatischen Basssolo beginnt sie einen Klageruf, der bald von prachtvoll gestimmter Gewissheit abgelöst wird: Israel, hoffe auf den Herren. Wendig, musikalisch abwechslungsreich und in den Instrumentalfarben stets neu und aufregend abgemischt präsentieren sich Buxtehudes Motetten. Und in der begeisternden und intonatorisch fast überirdisch scharf gestellten Einspielung des Ensembles Vox Luminis unter Lionel Meunier bekommen sie eine Strahlkraft, die einleuchtend macht, was Händel, Mattheson und Bach nach Lübeck zog – und was sie von dort mitnahmen.

16. — 22. Juni 2018

Gab es einen größeren Goethe-Verehrer unter den Komponisten als Ludwig van Beethoven? Den Poeten lernte Beethoven 1812 kennen, da hatte er sich von dessen Werken schon längst zu eigenen Kompositionen inspirieren lassen, vor allem zu einer ausgedehnten Bühnenmusik zum Trauerspiel „Egmont“. Eine geniale Mischung aus Poesie bzw. poetischer Andeutung und musikalischer Ausgestaltung, aus Worten und Klang. Diese Musik habe er „bloß aus Liebe zum Dichter geschrieben“, meinte Beethoven in einem Brief an seine Verleger Breitkopf & Härtel. Beethoven schickte 1811 den Klavierauszug zu seinem Trauerspiel an Goethe: „diesen herrlichen Egmont, den ich, indem ich ihn ebenso warm als ich ihn gelesen wieder durch Sie gedacht, gefühlt und in Musik gegeben habe – ich wünsche sehr Ihr Urteil darüber zu wissen.” Und Goethe war so begeistert, dass er höchstselbst eine Aufführung des Trauerspiels 1814 in Weimar in die Wege leitete. Oft kann man das Trauerspiel mit Beethovens Bühnenmusik heute leider nicht mehr erleben. Doch die Ouvertüre machte sich bald unabhängig von den anderen neun Nummern der Bühnenmusik – und eroberte sich ihren Platz im Konzertleben. In ihr „erzählt“ Beethoven die wichtigsten Kapitel der Märtyrer-Geschichte ohne Worte – vom düsteren Trauermarsch bis zu triumphalen Siegesmusik. Drama pur!

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CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

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