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15. — 21. Juni 2019

Der Sound des Sommers

Der Erholungs-Faktor: Auf ihn setzen auch die großen Musik-Festivals, die derzeit eins nach dem anderen Eröffnung feiern und dabei die besten Seiten ihrer jeweiligen Stadt oder Region präsentieren. Ob im hohen Norden die Gezeitenkonzerte (Start war am 14.6.), die Festspiele in Mecklenburg-Vorpommern (ab 15.6.) und Schleswig-Holstein (ab 6.7.) oder weiter im Süden das Rheingau Musik-Festival (ab 22.6.) und der Kissinger Sommer (ab 15.6.): Überall zelebriert man Musikgenuss naturnah. Denn bei den meisten Sommerfestivals finden die Konzerte über eine große Region verteilt in Parks und Gärten, in alten umgebauten Scheunen und kühlen Kirchen, aber auch in den etablierten Konzerthäusern der Gegend statt. Und wer schon auf dem Land unterwegs ist, will dort gern auch etwas verweilen, daher bieten viele Festival-Veranstalter auch Picknicks oder Dinners an … Genießen lässt sich eben am besten mit allen Sinnen und draußen. Es lebe der Sommer!

(c) pixabay


08. — 14. Juni 2019

Zeit der Musen

Was wäre die Welt der Kunst ohne Inspiration? Genau diesem Thema gehen vom 8. bis zum 23. Juni die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci nach – mit ihrem Festivalthema „Musen“. Gewohnt vielfältig, nun aber erstmals in der Intendanz von Flötistin Dorothee Oberlinger, gibt sich das Festival in diesem Sommer: Schlosskonzerte, Open Airs, Musiktheaterproduktionen, ein Flötentag, eine Commedia Nacht und das traditionelle Fahrradkonzert sind geplant. Und es zieht wieder viele renommierte Künstler zu diesem einzigartigen Festival, das in Potsdam mit seinen Schlössern, Parks und Gärten ganz besondere Orte bespielen kann. Vesselina Kasarova, Christine Schornsheim, Andreas Scholl, Nuria Rial und viele andere sind eingeladen, wenn in den nächsten beiden Wochen wieder vor allem die Alte Musik im Fokus stehen wird. Aber als reizvolle Kontrapunkte erwartet die Zuhörer auch Neue Musik und Jazz, so wie beim Eröffnungskonzert, bei dem Werke von Luciano Berio und Henry Purcell miteinander konfrontiert werden. Das Rahmenprogramm erkundet die Welt der Musen und die Kunst der Inspiration zudem u.a. mit einem Symposium, das den Blick auch über die Musik hinaus richtet auf die Architektur, Malerei und Geschichte.

(Foto: Stefan Gloede)


01. — 07. Juni 2019

Frauen im Fokus

Nicht nur Göttingen feierte in den letzten Wochen George Friedrich Händel, in diesen Tagen beginnen auch in Halle die Händel-Festspiele. Bereits seit 1922 kreist hier, an der Saale, regelmäßig alles um Händel und seine phänomenale Musik. In diesem Jahr stehen vom 31. Mai bis zum 16. Juni vor allem die Frauen im Mittelpunkt, etwa in der Oper „Giulio Cesare“, mit der die Festspiele in Händels Geburtsstadt eröffnet werden. Vanessa Waldhart kann man dabei in der fulminanten Rolle der Cleopatra erleben (die bei der Uraufführung keine Geringere als die berühmte Diva Francesca Cuzzoni verkörperte). Michael Hofstetter leitet das Festspielorchester Halle, und mit Peter Konwitschny hat man sich einen bekannten Altmeister der Regie geholt! Freuen darf man sich bei der diesjährigen Festival-Ausgabe auch auf das Pasticcio „Venceslao“ und auf Händels „Agrippina“ im Dirigat von Christophe Rousset. In dieser Oper wird die tragische Geschichte der Gattin von Nero, des römischen Kaisers also, erzählt. Unter dem Titel „Empfindsam, heroisch, erhaben – Händels Frauen“ wird somit in Halle die Figur der Agrippina ebenso ins Rampenlicht gerückt wie viele andere liebende und leidende Frauenfiguren, die durch Händels Opern geistern. Und so ist es sicherlich auch kein Zufall, dass die eingeladenen Künstlerinnen in diesem Jahr besonders namhaft sind: Anna Prohaska, Emmanuelle Haïm und Sandrine Piau werden in Halle erwartet, aber auch Vivica Genaux, Karina Gauvin und Christina Pluhar. Lohnenswert ist der Besuch in Halle in den nächsten beiden Wochen aber sicher geschlechterübergreifend für alle Musik-Enthusiasten und Händel-Fans.

(Foto von Sandrine Piau: Sandrine Expilly)


25. — 31. Mai 2019

Berückender Leerlauf

Dieser Salon hat schon bessere Tage gesehen: Wenn sich in Göttingen bei der Eröffnung der Händelfestspiele der Vorhang zur Premiere von „Rodrigo“ hebt, muss das Auge sich erst einmal zurecht finden auf Dorota Karolczaks üppig möblierter Bühne im noch schummrigen Licht (Susanne Reinhardt) der Ouvertüre. Den einst eleganten Salon mit zahlreichen Hinterzimmern hat es arg mitgenommen, wo nicht der Putz bröckelt, breitet sich großflächig Schimmel aus, Löcher in der Decke und heraushängende Kabel bieten pittoresken Trash, mittig vorne thront eine verwohnte Sitzlandschaft nebst Bar-Wagen, im Hintergrund sitzt jemand an einem Flügel und bewegt sich halbwegs synchron zu den knackig zugespitzten Rhythmen der Ouvertüre. Und die dauert außergewöhnlich lang und ist nicht – wie beim späteren Händel – eine straffe, zügig auf die Handlung zuführende Angelegenheit, sondern vielfach unterteilt in schnelle und langsame Sätze, die sich Suite-artig selbst zu genügen scheinen.
„Rodrigo“ ist Händels erste italienische Oper, entstanden im Auftrag des Principe Ferdinando de’ Medici und wohl im Sommer 1707 während seines Aufenthaltes beim Marchese Francesco Maria Ruspoli in Rom komponiert und in Florenz im November des gleichen Jahres uraufgeführt. Lange Zeit galt der dritte Akt von „Rodrigo“ als verschollen, das vervollständigte Werk wurde erst 1984 in Innsbruck erstmals wieder aufgeführt, und nun zum ersten Mal in Göttingen gegeben.
Die Handlung von „Rodrigo“ nimmt die historische Figur des Roderich, dem letzten König der Westgoten – von dessen Leben weite Teile im Dunkeln liegen, nur sein Untergang in Spanien um 711 scheint gesichert – zum Anlass für barockoperntypisch verzwickte Konstellationen. Der Titelheld (Sopran!) ist bei Händel eine amoralisch sprunghafte Figur, der in kinderloser Ehe mit Esilena (Sopran) lebt und eine gewisse Florinda (Sopran) geschwängert hat. Beide Frauen interessieren Rodrigo aber nicht sonderlich. Ferner gibt es noch den König Evanco von Aragon (Countertenor), den der Feldherr Giuliano (Tenor) gefangen nimmt. Evanco verbündet sich, nachdem er befreit wurde, mit der natürlich rachsüchtigen Florinda. Und dann gibt es noch einen weiteren Countertenor in der Nebenrolle des Fernando. Diese Macht- und Eifersuchtskonstellationen sind schnell erzählt, und über eine weite Strecke tritt Händels erste italienische Oper spürbar auf der Stelle. Ein Leerlauf, der allerdings musikalisch berückend ausgeschmückt ist. Am Ende gibt es eine halbherzige Läuterung, der Titelheld findet zur kinderlosen Gattin zurück, die ihrerseits schon der geschwängerten Florinda den Vortritt hatte lassen wollen, Nach allerlei Hin und Her und der schmählichen Niederlage Rodrigos zieht dieser sich ins Privatleben mit Esilena zurück, die mit der Einsicht, dass der größte Sieg in der Selbstüberwindung liege, schließlich den Schlusschor anführt.
Etwa dreieinhalb Stunden (mit Pause) dauert der Abend, Walter Sutcliffe inszeniert die schwerfällig sich bewegende Handlung schnörkellos und mit erkennbarem Willen zu Tempo, aber gegen die ariosen Fermaten kommt er auf Dauer nicht an. Zumal das trashige Einheitsbühnenbild nach einer Weile auch seinen Reiz verliert, auch wenn sich Details verändern – nach der Pause ist auch noch der Kronleuchter herunter gekracht. Der bewegendste Einfall ist noch buchstäblich der lebendige große Jagdhund, der immer wieder geschäftig über die Szene läuft, am Ende aber tot auf der Bühne liegt und eine Keule lassen muss, die genüsslich gegrillt wird.
Laurence Cummings hat das FestspielOrchester Göttingen zu einem famosen Klangkörper aufgebaut, der Göttinger Händel klingt stilsicher, nicht zu mager im Klang, tempofest und imponiert mit herrlichen Soli (besonders Oboe und Solo-Violine in einer schwerelosen Arie der Esilena!).
Gesungen wird insgesamt vortrefflich, Erica Eloff singt die Titelrolle mit etwas starrem, dennoch geläufigem Sopran und wirkt dank großartiger Maske verblüffend maskulin, die geschwängerte Florinda singt Anna Dennis (Sopran) mit flammendem Temperament, großer, spinto-artig anspringender Stimme und imponierender Bühnenpräsenz, Fflur Wyn punktet als sanfte Esilena mit duftigen Sopran-Höhen und glockig überwölbten Koloraturen, Jorge Navarro Coloradis Tenor (Giuliano) fliegt auch bei höchsten Tempi nicht aus der Koloratur-Spur, Russel Harcourt gibt der Partie des Evanco (Countertenor) muskulöse Töne, sein Stimmkollege Leandro Marziotte ist als Fernando deutlich leichtgewichtiger ausgestattet, wirft sich aber mit Verve in seine kleine Rolle. Insgesamt wieder ein Händel-Fest in Göttingen, trotz gewisser Schwächen des Werks und der Regie, die ihr Pulver schnell verschießt.

Regine Müller

(Fotos: Alciro Theodoro da Silva)


18. — 24. Mai 2019

„WIR!“

Dortmund darf sich zu Recht als eine Heimatstadt der Vokalmusik fühlen, denn bereits zum elften Mal findet hier ein Gipfeltreffen der Vokalmusik statt, und das einen ganzen Monat lang. Vom 16. Mai bis zum 16. Juni widmet sich KLANGVOKAL der ganzen Bandbreite von Stimme und Gesang: Klassik und Jazz haben hier ebenso ihren Platz wie Weltmusik und Experimentelles. Unter dem Festivalmotto „WIR!“ musizieren in 21 Veranstaltungen so unterschiedliche Künstler wie Anna Pirozzi und Teodor Ilincai (bei der Operngala zur Eröffnung des diesjährigen Festivals), der poetische Songwriter Musiker Blick Bassy, Jordi Savall mit einer „Hommage an Syrien“ und das Ensemble Orpheus XXI. Ganz besonders sollen diesmal die Möglichkeiten der Vokalmusik im Fokus stehen, Menschen und Kulturen zu vernetzen und ein „Wir-Gefühl“ entstehen zu lassen. In Zusammenarbeit mit der Universität zu Köln und der TU Dortmund gibt es zudem einen Workshop und Roundtable zum Thema „Rethinking (Im)material Heritage in the Age of Cultural Transfer“. Wem das zu abstrakt ist, für den gibt es Musik in allen Facetten und Genres: Michelle David & The Gospel Sessions etwa oder Arabisch-Andalusischer Jazz mit der Formation „NES“ (beide oben im Bild). Auch auf eine Opernproduktion darf man sich freuen: Christophe Rousset und Les Talens Lyriques präsentieren Händels „Agrippina“. Vokalmusik ist vielfältiger, als man denkt – das kann man in den nächsten vier Wochen in Dortmund zu Genüge erleben.

(Foto von Michelle David & The Gospel Sessions: M. David; Foto von NES: Nerea Coll)


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