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13. — 19. Oktober 2018

33 x Geige

Unter Geigerinnen und Geigern gilt er als der wohl wichtigste Wettbewerb für ihr Fach: der Joseph Joachim Wettbewerb in Hannover, benannt nach einem der größten und einflussreichsten Geigern des 19. Jahrhunderts. In diesem Jahr wurden 33 Ausnahmetalente aus 15 Ländern zum Violin-Wettstreit zugelassen. Sie spielen um die beachtlichen Preisgelder in Höhe von 140.000 Euro – und natürlich um die Ehre und die Chancen, die ein solcher Wettbewerbserfolg mit sich bringt. Wer sich für Geigenmusik interessiert, der sollte also bis 27. Oktober mal in Hannover vorbeischauen, wo im Rahmen des Wettbewerbs 20 Konzerte stattfinden werden. Der Veranstalter ist die Stiftung Niedersachsen, die bei diesem Wettbewerb mit Partnern wie der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, dem NDR, der NDR Radiophilharmonie und der Fritz Behrens Stiftung zusammenarbeitet. Die Jury besteht aus neun Geigenexperten, die die Kandidaten in mehreren Durchgängen bewerten müssen: Die ersten drei Runden bestreiten die Instrumentalisten mit Solo- und Duorepertoire. Wer es ins Semifinale geschafft hat, muss hier u.a. das zeitgenössische Auftragswerk „Hauch“ von Rebecca Saunders interpretieren. Im Finale steht dann zunächst ein Streichquintett auf dem Programm, das die Semifinalisten gemeinsam mit dem renommierten Kuss Quartett spielen werden. Zu guter Letzt präsentieren sich im zweiten Teil der Finalrunden die Musiker mit einem großen Solokonzert, begleitet von der NDR Radiophilharmonie unter der Leitung von Andrew Manze.
Alle Konzerte werden unter www.jjv-hannover.de live gestreamt, die Finalkonzerte auch live aus dem Landesfunkhaus im NDR übertragen. Toi Toi Toi an alle Wettbewerbsteilnehmer!

(Foto: Ole Spata)


06. — 12. Oktober 2018

Im Traum verfangen

Doppel-Debüt in Berlin: Mit der ersten Premiere an der Komischen Oper gab am 30. September der kanadische Regisseur Robert Carsen sein dortiges Regie-Debüt. Zugleich feierte der neue GMD, Ainārs Rubiķis, seinen Einstand am Haus in der Behrenstraße. Große Erwartungen also, auch in Bezug auf die Darsteller: Mit Sara Jakubiak in der Doppelrolle der Marie (als Stimme aus dem Off) und Marietta hatte man eine schon bewährte Korngold-Interpretin geholt, die in der letzten Saison an der Deutschen Oper in „Das Wunder der Heliane“ triumphierte. Nun also „Die tote Stadt“, ein Psycho-Thriller mit bombastischen musikalischen Mitteln, den Korngold mit 20 Jahren komponierte. Uraufgeführt 1920 zeitgleich in Köln und Hamburg, sorgte er für einen ersten Riesen-Erfolg Korngolds, bevor der zweite Weltkrieg seiner vielversprechenden Karriere ein jähes Ende setzte.
Vorlage für die Oper war George Rodenbachs Roman „Bruges-la-Morte“, den Korngold gemeinsam mit seinem Vater in ein Libretto umarbeitete: Paul ist nach dem Tod seiner Frau Marie in der Erinnerung, der Vergangenheit gefangen. In seinem Haus hegt er eine „Kirche des Gewesenen“. Erst Marie, eine lebenslustige und sinnenfreudige Tänzerin, die seiner verstorbenen Frau zum Verwechseln ähnlich sieht, kann ihn aus dieser Starre befreien. Doch Marietta weigert sich, nur Projektionsfläche zu sein – und provoziert Paul, der sie schließlich mit Maries aufbewahrtem Haarschopf erdrosselt. Es ist eine Handlung voller Dunkelheit, Erotik, psychologischen Grautönen: prototypisch für das Fin de siècle, die Décadence. Bei Korngold war am Ende alles nur ein Traum, und Paul kann endlich von seiner Vergangenheit ablassen, als er erwacht: Happy End! In Carsens Lesart ist das weniger eindeutig. Er lässt die Oper mit einer Rückblende beginnen: Paul blickt auf das Setting seines einsamen Zuhauses, in dem er Marietta ermordete. Am Ende der Oper dann kommen die Haushälterin Brigitta und Pauls Freund Frank in weiße Kittel gekleidet, ihn abzuholen. Ist Paul ein Fall für die Psychiatrie?
Bei Carsen spielt die Handlung in dem klaustrophobischen Ambiente von Pauls Schlafzimmer, zur Zeit der Entstehung der Oper. Zwar wird dieser Raum in der Mitte aufgebrochen, die Wände öffnen sich zu einem glitzernden Zwischenbild, wenn Marietta und ihre Theater-Kollegen ihre Welt des Vergnügens zelebrieren. Doch verdichtet sich am Ende alles wieder im düsteren Innenraum von Pauls Leben, wo die unausweichliche Gewalttat sich anbahnt. Das ist ästhetisch passend, gerade aber an der Komischen Oper auch ungewohnt unspektakulär. Die Pailletten-Anzüge der Tänzer-Freunde, der Varietè-Auftritt Mariettas, die von oben auf einem Leuchter herunterschwebt: Das sind eigentlich Barrie Koskys Markenzeichen, die Mittel der an der Komischen Oper oft so erfrischend wiederbelebten Operetten. Bei Carsen sorgen sie zwar für die nötige optische Abwechslung, wirken aber doch seltsam „aufgesetzt“. Und am Ende bleiben allzu viele Fragen offen, zum Teil durch Korngolds verrätseltes Libretto, zum Teil aber auch durch Carsens Lesart: Warum ist Paul im 3. Bild überrascht, Marietta in seinem Schlafzimmer zu sehen, wenn sie sich doch zuvor schon hier getroffen haben? Warum weiß Frank als Pauls bester Freund am Anfang nichts von Maries Tod? Deuten die Video-Projektionen, in denen Marie mit zwei bedrohlichen Händen am Hals gezeigt wird, auf einen Mord hin? Hat Paul sie umgebracht, so wie er Marietta später erdrosseln wird? Warum begrüßt Paul im Epilog mimisch Marietta, die gleichzeitig tot auf dem Boden seines Schlafzimmers liegt? Zu viele Dimensionen des Stoffs werden angedeutet, aber innerhalb der 2 ½-stündigen Produktion nicht weiter abgehandelt. Diese künstliche Verrätselung hätte es vielleicht nicht gebraucht, denn die Inszenierung folgt sonst einem guten, zwingenden Rhythmus, der die einzelnen Episoden dieses Alptraums gestaltet und den Akteuren Raum zum Spiel gibt.
Sara Jakubiak und Aleš Briscein als Paul finden erst nach und nach in ihre Rollen und wirken als Paar nicht sonderlich glaubwürdig. Die opulente Musik, die im eher kleinen Raum der Komischen Oper schnell erdrückend wirkt (besetzt sind u.a. jede Menge Blechbläser, Celesta, Harmonium, Klavier, diverses Schlagwerk und zwei Harfen, die aus Platzgründen in den Publikumsraum ausgelagert wurden), macht es ihnen nicht leicht. Gerade Briscein muss immer wieder sehr forcieren oder ins Falsett wechseln. Die Kommunikation zwischen Graben und Bühne ist bei der Premiere noch nicht ideal, und man merkt allen Beteiligten die Mühe an, die Korngolds anspruchsvolle Partitur ihnen abverlangt. Vielleicht hätte es für die Sänger und den Raum eine noch genauere Dosierung der Mittel bedurft, wenngleich die Eruptionen des Orchesters unter der Leitung des neuen GMD durchaus eine Wirkung entfalten, einen Sog entwickeln. Korngolds schillernde Musik zwischen Spätromantik und Frühmoderne ist in jedem Fall eine (Wieder-)Entdeckung, die sich mehr als lohnt.

Die Premiere wurde live gestreamt und kann noch auf YouTube angeschaut werden.

Anna Vogt

(Fotos: Iko Freese/drama-berlin)


29. September — 05. Oktober 2018

„Mare nostrum“

Mauricio Kagels Todestag jährte sich am 18. September zum zehnten Mal. Der gebürtige Argentinier lebte ab Ende der 1950er Jahre in Köln und revolutionierte von hier aus das Musiktheater. Dass gerade die Oper Köln jenen Querdenker und Kreativgeist nun mit einer Produktion seiner avantgardistischen Kammeroper „Mare nostrum“ ehrt, ist daher nur folgerichtig. Dieses subversive Musiktheater-Stück stammt von 1975 und ist ein Meisterstück der kritischen Reflexion über unsere eurozentrische Sichtweise. Es geht um Stereotype und Voreingenommenheiten, um die jahrhundertealte Kolonialisierungsgeschichte und das, was bis heute davon nachwirkt. Kagel näherte sich dem Thema mit paradoxen und satirischen Mitteln an und lässt einen Bariton und ein Countertenor erzählen: Es geht um einen Stamm aus Amazonien, der den Mittelmeerraum erobern will und dort auf Müllberge, Zerstörung und Dekadenz stößt. Kolonialisierung im Umkehrmodus sozusagen; die Erkenntnisse sind so ehrlich wie bedrückend. An der Oper Köln inszenierte Valentin Schwarz die Neuproduktion, Arnaud Arbet hat die musikalische Leitung. Noch bis 3. Oktober im Kölner Staatenhaus.

(Fotos: Hans-Jörg Michel/Oper Köln)


22. — 28. September 2018

„Belcanto Georgia“

Schon lange taucht Georgien als Heimat großer Künstler immer wieder auf dem Radar der hiesigen Konzertlandschaft auf. Die Pianistin Khatia Buniatishvili und die Geigerin Lisa Batiashvili sind im internationalen Tourleben präsent, und auch der Komponist Giya Kancheli ist zumindest einigen Musikliebhabern sicher ein Begriff. Doch nun gibt es geballte georgische Musikpower gebündelt in zwei Konzerten zu den Feierlichkeiten des gerade stattfindenden Deutsch-Georgischen Jahres. Anlass dazu gibt das 25-jährige Jubiläum der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern. 1992 nahm Deutschland als erstes Land offiziell Kontakt zu Georgien auf. Im Oktober 2018 ist Georgien nun Ehren-Gastland der Frankfurter Buchmesse. Musikalisch besiegelt werden die Feierlichkeiten am 26. und 27. September mit den beiden Konzerten: Am 26. gibt es eine große Operngala in der Berliner Philharmonie mit Highlights aus italienischen Opern. Das Tbilisi Symphony Orchestra spielt unter der Leitung von Vakhtang Kakhidze, im Rampenlicht stehen die Sopranistinnen Nino Machaidze und Iano Tamar, außerdem sechs weitere Gesangs-Talente aus Georgien. Am 27. September dann wird im Nikolaisaal in Potsdam Antonín Dvořáks berühmte Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ sowie vor der Pause Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 aufgeführt (mit Dudana Mazmanishvili als Solistin). Eine bessere klingende Visitenkarte Georgiens kann man sich wohl kaum vorstellen.

Karten gibt es auf www.eventim.de.

(c) TSO


15. — 21. September 2018

BAM!

BAM! – Berliner Festival für aktuelles Musiktheater findet in diesem Jahr vom 20. bis 23. September statt. Es rückt die freie Musiktheaterszene in den Blick, die neben den drei Berliner Opernhäusern wichtige Impulse gibt in Sachen neues Musiktheater. Bespielt werden 13 ungewöhnliche Orte in Berlin-Mitte, von der Villa Elisabeth und dem Werkhaus Heckmann-Höfe über die Sophiensäle bis hin zum Club der Polnischen Versager. Unterstützt wird das viertägige Festival von zahlreichen Förderern und Stiftungen wie z.B. dem Hauptstadtkulturfonds, der Schering Stiftung und der Jakob Augstein Stiftung.
Mit 14 Uraufführungen, mehr als 30 Aufführungen und zwei Diskussionspanels zeigt BAM! im September eine große Bandbreite von Ensembles, Gruppen und Akteuren, von Formaten, neuen Ideen und Ansätzen. Denn neues Musiktheater ist vor allem eins: vielfältig. Peformance Art trifft auf immersive Formate, Dekonstruktion und Rekomposition begegnen interdisziplinären Projekten. Erleben kann man dabei u.a. das Ensemble Mosaik, glanz&krawall, Hauen und Stechen, gamut inc, Opera Lab Berlin, Katharina Haverich/Christopher Hotti Böhm und das Solistenensemble Kaleidoskop.
Weitere Informationen und das vollständige Programm gibt es auf www.bam-berlin.org
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(Fotos: Glanz&Krawall (c) Ralf Stiebing; Opera Lab (c) Jan Rasmus; Karen Power (c) John Godfrey)


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