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22. — 28. Februar 2020

Familienfeier


An sage und schreibe 19 – in Worten: neunzehn – verschiedenen Orten hat die Musikerfamilie Bach in Arnstadt gewirkt. Wenn das kein Grund für ein Fest ist! In der Liebfrauen- und Oberkirche arbeitete Heinrich Bach 51 Jahre als Organist, im Bachhaus ging der junge Johann Sebastian regelmäßig ein und aus und in der Bachkirche trat er im Jahr 1703 seine erste Stelle als Organist an – um statt üblicher Choralbegleitung mit seinem kühnen Spiel die Gemeinde zu erstaunen. Es bieten sich da also eine Fülle an Schauplätzen, die das Bach-Festival-Arnstadt mit musikalischem Leben füllen und für das Publikum genügend musikalische Spuren, denen es vom 19. bis 22. März in mehr als 25 Veranstaltungen folgen kann. In diesem Jahr steht ein besonderer Berufstand im Mittelpunkt: die Stadtpfeiferei. Die Stadtpfeifer waren damals für die musikalische Ausgestaltung der städtischen Feierangelegenheiten zuständig, sie sorgen etwa für die musikalische Umrahmung von Hochzeiten und Banketten. Auch Verwandte Bachs waren als Stadtpfeifer tätig. Passend dazu steht am 20. März das Konzert der Capella de la Torre unter dem Titel „Echte Stadtpfeifer“. Das Ensemble, Experte für die Musik des Mittelalters und der

Renaissance, spielt unter anderem Musik von Francesco Landini, Heinrich Scheidemann und Claudin de Sermisy. Für das mittlerweile 16. Festivaljahr kommt auch das Blechbläserensemble Ludwig Güttler in die thüringische Bachstadt. Den 335. Geburtstag begeht das Thüringer Bach Collegium mit Kantaten und einem Brandenburgischen Konzert. Ergänzt wird das Festivalprogramm durch Stadtrundgänge, Kinderkonzerte, Lesungen und Vorträge.





(Foto: Andreas Greiner-Napp)




15. — 21. Februar 2020

Schreck und Schreker


Ein Bühnenbild mit zwei Gesichtern: auf der einen Seite die Fratze eines Monsters, auf der anderen eine liebevoll gestaltete Häuserfassade. Der gefragte Theaterregisseur Ersan Mondtag hat für sein Operndebüt sichtlich Energie in diese imposante Drehbühnen-Kulisse gesteckt, vor der sich ein Theaterfeuerwerk abspielt. Franz Schrekers „Schmied von Gent“ an der Flämischen Oper in Antwerpen ist zunächst einmal ein optischer Hingucker. Die Geschichte um den Schmid Smee, der einen Handel mit dem Teufel eingeht, spinnt Schreker in Richtung eines märchenhaften Volkstheaters musikdramatisch weiter. Bei Ersan Mondtag wird der Stoff zum Politikum und mit der belgischen Kolonialgeschichte verknüpft. Die ist uns zwar auch recht fern, aber immerhin näher als die flämischen Geusen des 16. Jahrhunderts im Kampf gegen die Spanier, um die es hier ursprünglich einmal ging. Es ist alles in allem eine ungewöhnliche Kombination, besonders für ein Musiktheater-Regiedebüt. Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Franz Schrekers letztes Bühnenwerk, von den Nationalsozialisten verboten, musikalisch durchaus reizvoll ist. Versatzstücke alter Musik treffen hier auf Schrekers hörbar gut nachvollziehbare Leitmotivtechnik. Am Pult des Orchesters steuert der argentinische Dirigent Alejo Pérez merklich Grabenpower bei. Selbst wenn dieses eigenwillige Stück es in Deutschland mit Sicherheit nicht zum Dauerbrenner schaffen wird, diese kleine Renaissance in Antwerpen hat es sich allemal verdient.





(Foto: Annemie Augustijns)




08. — 14. Februar 2020

Da liegt sie nun


Was gibt „Carmen“, dieser Melodien-Schlager, eigentlich als Bühnenwerk her? Das ist eine gute und berechtigte Frage, schließlich ist Georges Bizets Oper nicht ohne Grund vor allem für seine Musik bekannt. Die Geschichte des titelgebenden Zigeunermädchens im Stierkampfmilieu müsste man wahrlich nicht auf die Bühne bringen, wäre ihr nicht diese Musik unterlegt. Umso mehr ist es daher schade, dass unter Mark Rohde am Pult des Mannheimer Nationaltheater-Orchesters die Nummern, auf die wohl ein Großteil des Publikums so sehnlichst wartet, merkwürdig schwanken und wanken. Und die Regie? Nun ja. Dafür, dass die auf den Bühnen gefragt Yona Kim die Geschichte abstrahiert und in einer würfelartigen Schwarz-Weiß-Optik präsentieren möchte, sieht das, was in diesem Setting passiert, doch eher erwartbar aus. Carmen im roten Kleidchen, Stierkampf mit Torrero, und am Ende liegt die Protagonistin da, erstochen auf der Bühne. Neu und überraschend hingegen ist die Wendung zum Spanischen, mit einer Erzählerin, die doch eigentlich so gar nicht vorgesehen ist. Dass auf Gesangsseite ebenso mehr die Nebendarsteller als Carmen als Titelfigur überzeugen – das passt leider zu diesem Premierenabend.





„Carmen“ ist am Nationaltheater Mannheim zum letzten Mal am 25. April zu sehen.




01. — 07. Februar 2020

Odyssee nach Delphi


Nach dreitausendjähriger Reise strandet Odysseus in Berlin, im ehemaligen Stummfilmkino „Theater im Delphi“. Dort hat das Künstlerensemble Opera Lab Berlin ein multimediales Musiktheaterprojekt auf die Beine gestellt, das die Geschichte des griechischen Helden neu schreibt – auf Grundlage von Homer und James Joyce, aber auch mit neuen Texten. Die Musik kommt von Evan Gardner, es inszeniert Michael Höppner, der künstlerische Leiter von Opera Lab Berlin. In der „ODYSSEY: Dead Men Die“ betitelten, apokalyptischen Irrfahrt wird der Held für die Verbrechen der patriarchalen Ordnung verantwortlich gemacht und als Vertreter stereotyper Männlichkeit bestraft. Klingt ziemlich bunt und wild und besonders. Es sind die Schlagworte, mit denen sich freie Musiktheaterszene trefflich charakterisieren lässt. In Berlin blüht sie wie nirgendwo sonst, das konnte man zuletzt beim zweiten Berliner Festival für aktuelles Musiktheater „BAM!“ erleben. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass diese kleine, zur Blasen-Bildung neigende Kreativszene seit jeher ein prekäres Geschäft ist, mit dem auch ein Ringen um die Fördertöpfe einhergeht. Dabei sind es doch gerade solche ungewöhnlichen Produktionen, die die Musiktheaterwelt beleben und bereichern, selbst wenn nicht immer alles bis ins letzte Detail ausgereift ist. Work in progress ist hier erlaubt, irgendwie ja sogar erwünscht.





Weitere Aufführungen von „ODYSSEY: Dead Men Die“ im „Theater im Delphi“ am 2., 3. und 4. Februar.





(Fotos: Martin Koos und Christian Striboll)




25. — 31. Januar 2020

Vier gewinnt


Sieben junge Streichquartette waren für den Wettbewerb der Irene Steels-Wilsing Stiftung nach Heidelberg gekommen, der im Rahmen des Streichquartettfests ausgetragen wurde. Wie hoch die Qualität und wie schwierig die Entscheidung am Ende war, zeigte schon das Voting des Publikumspreises. Gleich drei Quartett lagen hier gleichauf: das Barbican Quartet aus England (zugleich dritter Preisträger), das Quatuor Agate aus Frankreich und das Javus Quartett aus Österreich. Den ersten Preis und 12.000 Euro nahm schlussendlich jedoch das Adelphi Quartett mit nach Salzburg, wo es zu Hause ist. Das Ensemble hatte mit einer filigranen Haydn-Interpretation Eindruck hinterlassen. Jetzt steht eine erste professionelle Aufnahme an, die Finanzspritze kommt da gerade recht. Den zweiten Preis erspielte sich das Baum Quartett aus Südkorea, das in Hannover studiert. Ihm ist ein Brückenschlag in die Heimat wichtig. Eine Tour durch Korea mit zeitgenössischer Musik ist geplant; und ein Streichoktett zu spielen, gemeinsam mit Musikern aus Nordkorea, das wäre die Krönung. Dass das Publikum überhaupt so viel über die jungen Quartette erfahren konnte, lag an einer Besonderheit des Wettbewerbs. Nach dem Vorspiel mussten sich die Musiker und Musikerinnen den Fragen der Jury stellen. Was sind die Pläne für die Zukunft? Warum gerade dieses Stück? Und wieso eigentlich Quartett spielen statt der Solistenkarriere? Für Jury wie Publikum eine gute Gelegenheit, die Nachwuchsensembles besser kennenzulernen. Und Wettbewerb hin oder her, bei der Bekanntgabe der Ergebnisse betonte Christoph Poppen aus der Wettbewerbsjury, dass er es allen Quartetten zutraue, ihren Weg zu gehen. In diesem Fall kann es also nicht nur einen geben.





(Fotos: studio visuell)




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