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N° 1255
28.05. - 03.06.2022

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am 04.06.2022



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28. Mai — 03. Juni 2022

Don Pasquale


Der gefoppte Freier

Gaetano Donizetti hat David Bösch Opernglück gebracht. Als der durchstartende Schauspielregisseur 2009 erstmals im Münchner Nationaltheater mit dem Musiktheater zu flirten begann, wusste keiner, dass daraus eine dauerhaft stetige Affäre werden würde. Dabei wurde mit dem „Elisir d’amore“ gleich glückhaft, wenn auch melancholieselig begonnen. Den verlegte Bösch mit seinem immer noch im Regieboot sitzenden Ausstatterteam (Bühnenbild: Patrick Bannwart, Kostüme: Falko Herold) in eine fellininesk schillernde, grauschwarzblaue Mondlandschaft, in der Nemorino der heimlichen Träne als Charlie-Chaplin-Wiedergänger auf einer Laterne nachstieg. Und am Ende blinkte doch versöhnlich die Lichterkette; auch das inzwischen ein Bösch-Markenzeichen.

Mal sehen, ob die auch am 29. Mai in der Hamburgischen Staatsoper im Finale der gar nicht so lustigen Donizetti-Buffa „Don Pasquale“ glitzert. Mit diesem anderen, tragikomischen Donizetti, wo ein auf Freiersfüßen wandelnder Alter in hinlänglich bekannter Commedia-dell’-arte-Manier von seiner jungen Braut gefoppt wird, die eigentlich die vom Onkel nicht geduldete, weil arme Braut seines Neffen ist, trifft Bösch noch auf einen anderen alten Bekannten. Wie einst in München an der Isar als Quacksalber Dulcamara präsentiert auch jetzt an der Alster der längst weltberühmte Bassbariton Ambrogio Maestri in der Titelrolle seine bühnenfüllende Persönlichkeit.

Die nur drei weiteren wichtigen Rollen in dem intimen, mit einem kleinen, aber pointierten Dienerchor auskommenden Stück sind ebenfalls prominent besetzt: die mal schnurrige, mal schnippische Norina gibt Danielle De Niese, als Gattin des Besitzers auch heimliche Herrin über das englische Privatfestival Glyndebourne Opera. Der vielgefragte Tenor Levy Sekgapane ist mit honigsüßem Ton ihr einzig geliebter Ernesto. Und dessen Partner in Crime, den wohlig baritonalen Dottore Malatesta, singt Kartal Karagedik.

Der TV-Kultursender Arte überträgt die Premiere von „Don Pasquale“ im Rahmen der Europäischen Opernspielzeit um 18 Uhr live auf Arte Concert und zeitversetzt im TV. Er läutet damit seine 30-jährige Geburtstagswoche ein: Arte ging am 30. Mai 1992 an den Sendestart. NDR Kultur überträgt die Premiere ebenfalls zeitversetzt im Radio.

Matthias Siehler

Premiere: 29. Mai 2022

Fotos:Brinkhoff/Moegenburg




21. — 27. Mai 2022

28. Mai - 8. Juni


Europa als Orchester

Das Chamber Orchestra of Europe ist ein Kammerorchester, das sich aus 60 Musikern verschiedener europäischer Länder zusammensetzt. Seine Gründung reicht ins Jahr 1981 zurück. Da hatten einige Musiker des European Community Youth Orchestra (ECYO) die dort geltende Altersgrenze von 23 Jahren erreicht, wollten aber trotzdem noch weiter zusammen musizieren. So entstand der Plan, ein neues professionelles Kammerorchester zu gründen. Gesagt, getan. Der Klangkörper erhielt den Namen Chamber Orchestra of Europe (COE). Als Mentor für das COE konnte Claudio Abbado, der damalige künstlerische Leiter des ECYO, gewonnen werden. Im Verlauf der ersten Europatournee mit dem italienischen Stardirigenten gewann das Orchester rasch an Bekanntheit, die durch Schallplattenpreise für Aufnahmen von Rossini und Schubert mit Abbado noch gesteigert wurde.

Neben Abbado hatte das Orchester auch eine enge Verbindung zum österreichischen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt sowie zum Niederländer Bernard Haitink. Mit Harnoncourt spielte das Orchester unter anderem alle neun Beethoven-Sinfonien ein; diese Aufnahme erhielt zahlreiche internationale Schallplattenpreise. Insgesamt hat das COE über 250 Aufnahmen produziert mit Dirigenten wie Claudio Abbado, Paavo Berglund, Sir Roger Norrington und Yannick Nézet-Séguin. Mehrere Einspielungen des Orchesters gewannen Gramophone und Grammy Awards. Das COE war außerdem das erste Orchester, das mit „COE Records“, in Cooperation mit ASV Records, sein eigenes Label gegründet hat.

Eine wichtige Rolle spielen Residenzen für das COE, zumal das Orchester, dessen Mitglieder in vielen Spitzenorchestern Europas tätig sind, nicht ganzjährig an einem Ort versammelt ist. Das COE blickt im Verlauf seines über 40-jährigen Bestehens bereits auf eine ganze Reihe von Residenzen zurück: bei der Styriarte in Graz unter Nikolaus Harnoncourt, am Teatro Comunale in Ferrara unter Claudio Abbado sowie in Luzern unter der Leitung von Bernard Haitink, einem wichtigen künstlerischen Partner. In seinen Anfangsjahren war das COE zudem das erste Residenzorchester im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, wiederum auf Anregung Claudio Abbados. Seither kehrt das Orchester regelmäßig auf Einladung der Berliner Philharmoniker in die Philharmonie Berlin zurück. In Baden-Baden führte die intensive Zusammenarbeit mit Yannick Nézet-Séguin zu in Kürze erscheinenden Aufnahmen des Beethoven-Sinfonien-Zyklus’, dem Herzstück der Arbeit des COE. Außerdem vertieft das Chamber Orchestra seine Partnerschaft mit der Kronberg Academy; als „Orchestra in Residence“ im neuen Casals Forum zu Kronberg hat es einen weiteren musikalischen Hafen gefunden. Zu Beginn der Saison 2022/23 wird das Casals Forum mit dem COE eröffnet.

Doch zunächst geht das Chamber Orchestra of Europe auf Tour: Im Mai ist es mit der Cellistin Kate Gould und dem Oboisten François Leleux und Werken beim Mozartfest in Würzburg (26.5.) und in Augsburg (27.5.) zu Gast. Im Anschluss daran tritt das COE mit Sir Simon Rattle, Magdalena Kožená (Mezzosopran) und Andrew Staples (Tenor) beim Musikfest in Dresden (31.5.), in Luxemburg (1.6.), in Köln (3.6), im Wiener Musikverein (5.6.) und in der Elbphilharmonie Hamburg (7.6.) auf. Weitere Konzerte führen das Orchester mit Pianist Jan Lisiecki am Klavier mit einem Beethoven Klavierkonzerte-Zyklus nach Wuppertal (22.6.), Dortmund (23.6.) und Ludwigsburg (24.6) sowie nach Baden-Baden, wo sie mehrere Konzerte unter Yannick Nézet-Séguin spielen. Solisten sind die Pianistin Beatrice Rana (8./10.7) und ihr Klavierkollege Seong Jin Cho (15./17.7.). Es folgen Konzerte in Wiesbaden (28./29.7), ebenfalls mit Jan Lisiecki. Im Anschluss an das Konzert beim Musikfest in Bremen (9.9.) kehren die Musiker zu ihrer Residenz in Eisenstadt (15. und 18.9.) zurück, die dortigen Aufführungen werden auch von medici.tv übertragen.

Mario-Felix Vogt

Fotos: Julia Wesely, Werner Kmetitsch, Nick Eastop, Peter Fischli

COE-Website




14. — 20. Mai 2022

Bartók-Strauss-Doppel


Lange Zeit war Béla Bartóks Einakter auf den Spielplänen nur selten zu finden, verlangt er doch einen riesigen Orchesterapparat und für einen vollwertigen Opernabend ein zweites Stück an der Seite. Zudem gilt die symbolistische Rätseloper auch inhaltlich als sperrig. Doch derzeit liegt sie wieder im Trend: An der Düsseldorfer Rheinoper war das nur knapp einstündige Werk in einer Kammerfassung von Eberhard Kloke ohne Zweitstück im vergangenen Herbst zu sehen und auch das Essener Aalto-Theater zeigt die Oper für sich stehend. In Hagen dagegen verquickte Intendant Francis Hüsers Bartóks Werk – ebenfalls in der Kloke-Fassung - mit seiner Ballettpantomime „Der wunderbare Mandarin“ zu einem packenden Doppelabend. Im Sommer schließlich wird bei den Salzburger Festspielen Romeo Castellucci ebenfalls einen Doppelabend inszenieren, der den „Blaubart“ mit Carl Orffs „De temporum fine comoedia“ zusammensperrt.

Die Hochkonjunktur von Bartóks Oper ist dennoch verblüffend, zumal ihre Geschichte – ein Frauenmörder verbietet seiner von Neugier getriebenen jüngsten Geliebten, die Türen seiner hermetischen Burg zu öffnen, hinter deren letzter er ihre getöteten Vorgängerinnen versteckt hat – problematische Geschlechterrollen transportiert: Frauen als hingebungsvolle Opfer eines toxischen Mannes mit Erlösungssehnsucht. Dagegen scheint selbst Wagner harmlos.

In Wuppertal wagt man nun eine überraschende Kombination von Bartóks Opern-Ungetüm mit Richard Strauss’ Vorspiel zu „Ariadne auf Naxos“ und dazu auch gleich eine radikale Umdeutung der düsteren „Blaubart“-Geschichte. Am Anfang der Wuppertaler Dramaturgie stand zunächst jedoch die Idee, das komödiantische „Ariadne“-Vorspiel – erstmals in der Aufführungsgeschichte des Werks! - ohne den darauffolgenden Opernakt zu zeigen und mit einem möglichst gegensätzlichen Werk zu kombinieren. Tatsächlich haben beide Werke lediglich ihre Entstehungszeit Anfang der 1910er Jahre gemein. Zudem werden in Wuppertal zwei Regisseure beschäftigt: für das Strauss-Vorspiel der in der leichten Muse erfahrene Bernd Mottl und für Bartók der russische Regisseur Philipp Grigorian.

Für „Ariadne“ hat Friedrich Eggert eine trashig mit Flitter-Großbuchstaben und Blechbüchsen-Türmen zugemüllte Bühne gebaut, auch die bewusst zusammengesucht wirkenden Kostüme könnten aus dem Fundus einer abgewirtschafteten Zirkus-Truppe stammen. Bernd Mottl inszeniert das Spiel mit leichter Hand, manches wirkt wie improvisiert, aber niemals grob, sondern fein gezeichnet. Hofmannsthals geschliffener Text steht dabei im Vordergrund und kommt plastisch über die Rampe. Der neue GMD Patrick Hahn, der bereits mit seinem „Tannhäuser“-Debüt im Haus restlos überzeugte, hat im Graben hat die Zügel der diffizilen Partitur fest im Griff und ermuntert das Sinfonieorchester Wuppertal zu luzidem, elastischem und eloquentem Spiel. Famose Bläser-Soli lassen erkennen, wie sicher die Musiker sich unter seiner Stabführung fühlen. Das Sängerensemble zeigt eine geschlossene Leistung, erneut ist hörbar, wie genau Hahn mit dem Ensemble geprobt hat, alles klingt pointiert, mit Sinn erfüllt und musikalisch überaus präzise. Heraus ragen Catriona Morisons hell timbrierter Mezzo als Komponistin (wie es hier politisch korrekt im Programmheft heißt, bei Strauss/Hofmannsthal lautet der Rollentitel der Hosenrolle Komponist), Ralf Lukas’ imposanter Musiklehrer, Anne Martha Schuitenmakers höhenstarke Zerbinetta und Mark Bowman-Hesters herrlich maliziöser Tanzlehrer. Großer Jubel für einen großen Spaß.

Nach der Pause dann Bartóks finstere Gegenwelt. Regisseur Philipp Grigorian, der auch sein eigener Bühnenbildner ist, hat ein hyperrealistisches, muffig grüngraues Zimmer mit funzeligem Wohnzimmer-Lampen gebaut, das etwa auf die Mitte des 20. Jahrhunderts verweist. Die Grundkonstellation der Figuren deutet Grigorian radikal, aber ohne Substanzverlust um: Blaubart ist hier ein alter, unheilbar kranker Mann und Judith nicht seine neue Frau, sondern seine einzige Tochter. Ihre zermürbende Begegnung erzählt er als typischen Generationenkonflikt des heutigen Russlands, nämlich als erbitterten Streit zwischen Eltern, die mit ihrem Reichtum auch Geheimnisse angehäuft haben und ihren Kindern, die nach dem moralischen Preis des Komforts fragen. Damit verschiebt Grigorian auf elegante Weise die Gewichte, ohne sie aufzuheben. Der zwanghaft erotische Unterton und die Opferlogik werden so umgedeutet. Die Geheimnisse, die Judith hier ergründen will, kann Grigorian mit seinem Kniff sogar so stehen lassen, wie sie geschrieben stehen. Mit jeder Tür, die sich öffnet, werden Reichtümer, Besitz und Schönheiten offenbar, an denen Blut klebt. Zu den beiden singenden Protagonisten erfindet Grigorian noch drei überwiegend stumme Rollen hinzu, nämlich Blaubarts Frau, Judiths Mutter und Blaubarts Mutter. Mit dieser Konstellation schafft Grigorian eine Art Horror-Familienaufstellung, die er sparsam und eindrücklich inszeniert. Überhaupt lebt Grigorians Regie von Konzentration, Reduktion und hoher Binnenspannung.

Patrick Hahn führt den nun gewaltigen Orchesterapparat im Graben mit höchster Umsicht, leicht könnten die Klangmassen das Bühnengeschehen erschlagen, aber Hahn platziert die Entladungen kalkuliert. Unerhört farbig fächert er Bartóks Partitur auf, lässt es flirren und glitzern, drohend rumoren und ist auch hier wieder enorm klar. Ralf Lukas – eben noch Strauss’ Musiklehrer – singt und spielt jetzt einen zerrissenen Blaubart und meistert die gefährlichen Klippen seiner Partie souverän. Khatuna Mikaberidzes Mezzosopran ist mit einem schillernden Timbre ausgestattet: Dunkel grundiert, aber zugleich begabt mit Sopran-Metall ist ihre Judith enorm durchschlagskräftig. Erneut großer Jubel für einen faszinierenden Opernabend.

Regine Müller

Fotos: Bjoern Hickmann




07. — 13. Mai 2022

Dvořák: Rusalka


Ballerina an Krücken

Kaum zu glauben: Christof Loy, in Deutschland sowieso längst eine feste Regiegröße, besonders gern auch in Stockholm und Helsinki gesehen, hat noch nie an der Dresdner Semperoper inszeniert. Eine Koproduktion mit dem Teatro Real Madrid (wo die Inszenierung im sonstigen europaweiten Lockdown im Herbst 2020 herauskam), dem Teatro Comunale di Bologna, dem Gran Teatre del Liceu Barcelona und dem Palau de les Arts Reina Sofía, Valencia macht das jetzt möglich.

Das Objekt von Loys interpretierender Begierde ist diesmal – eine Nixe. So wie sie mit musikdramatischer Märchentristesse und tiefenpsychologischer Unterströmung Antonín Dvořák in seiner 1901 in Prag uraufgeführten „Rusalka“ schuf. Die gegensätzlichen Welten des geisterhaft fließenden Unterwasserreichs und des distanziert steifen Königshofes treffen hier aufeinander. Mit dem gleichnishaften Stoff über den Wert der eigenen Identität, die Bedeutung der menschlichen Seele und die Wandlung der Hauptfigur Rusalka von der romantischen Nixe zum leidensfähigen liebenden Menschen ohne wirkliche Heimat traf und trifft längst wieder das schillernde Stück den Nerv unserer Zeit: Wir lassen uns vom Schicksal einer verliebten Wassernymphe bannen, die ihre Sprache opfert, um auf die Beine zu kommen.

Christof Loy spitzt das in seiner kühlen, gar nicht romantisch naturseligen Inszenierung analytisch zu, indem er Rusalka als Ballerina an Krücken in einem altmodischen Theaterfoyer inszeniert. Märchenstimmung kommt da allerdings nicht auf, auch weil sich die symbolistische Oper so nur auf eine weitere problematische Paarbeziehung reduziert. Dazu tanzt der Bewegungschor als Hofgesellschaft orgiastisch halb nackt ohne jede Abstandsregel. Natürlich nimmt das ein schlimmes Ende. Doch nicht nur dank des „Liedes an den Mond“ stellen sich wenigstens musikalisch immer wieder auf neue Momente der alten, spätromantischen Schönheit und Sogkraft dieser Oper ein.

In Dresden hat jetzt die musikalische Leitung erstmals in der Semperoper Joana Mallwitz inne. Die gesuchte Dirigentin, die im Sommer 2023 in Nürnberg aufhört und dann an das Konzerthausorchester Berlin wechseln wird, soll im Juni 2023 eine weitere „Rusalka“- Produktion (Regie: Philipp Stölzl) an der Dutch National Opera und am Pult des Concertgebouw Orchest begleiten. In Dresden sind zudem Olesya Golovneva als Rusalka, Pavel Černoch als Prinz, Elena Guseva als fremde Fürstin, Alexandros Stavrakakis als Wassermann und Christa Mayer als Hexe zuhören.

Matthias Siehler

Fotos: Semperoper Dresden/Ludwig Olah




30. April — 06. Mai 2022

Im Zeichen des Mondes


Begegnung, Austausch und Dialog

Das belgische Mechelen ist noch ein Geheimtipp. In dem zwischen Brüssel und Antwerpen gelegenen Städtchen herrscht eine deutlich geruhsamere Gangart. Auf den einladenden Plätzen sitzen vor gepflegten historischen Fassaden aus der Renaissance- und Barockzeit nur wenige Individual-Touristen, die Zumutungen durch Horden von Gruppenreisenden gingen an dem pittoresken Mechelen bislang vorbei.

Ähnlich verhält es sich auch mit dem Lunalia-Festival, das unter der Leitung von Jelle Dierickx ein experimentierfreudiges und zugleich breit aufgestelltes Programm anbietet, das überwiegend flämisches Publikum aus der Stadt und ihrer Umgebung anzieht. Der Name des Festivals „Lunalia“ spielt auf eine alte Stadtlegende an: Ein gut mit dem heimischen Starkbier abgefüllter Kneipengänger torkelte einst nachts aus der Kneipe und sah den Turm der gewaltigen St. Romboutskathedrale in Flammen stehen. Panisch trommelte der Trunkene seine Mitbürger aus dem Schlaf, und alle schleppten Wasser herbei. Plötzlich aber klarte der Himmel auf, und das vermeintliche Feuer entpuppte sich als der orangefarbene Schein des Mondes. „Maneblusser“ werden die Bürger von Mechelen seitdem genannt: Mondlöscher.

Jelle Dierickx hat den wohlklingenden Festivalnamen eingeführt, mehr als dreißig Festivals hat er bereits in Deutschland, Belgien, in den Niederlanden und Tschechien betreut, unter anderem das Gent Flandern Festival und die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Hier in Mechelen fühlt er sich besonders wohl: „Weil ich hier alles ausprobieren kann, hier ist nichts festgeschrieben“.

Dierickx setzt auf persönliche Ansprache und Vermittlung, vor und nach den Konzerten steht er vor der Tür, empfängt und verabschiedet die Gäste und diskutiert. Beim spontanen Stadtrundgang wird er laufend begrüßt, jeder kennt ihn.

Dieser Festival-Jahrgang steht unter dem Motto „De rest is stilte“ – „Der Rest ist Schweigen“, und als Residenzkünstler hat Dierickx den iranisch-kanadischen Musiker und Komponisten Kiya Tabassian geladen, der mit seinem Ensemble Constantinople in verschiedenen Besetzungen und mit Gästen auftritt und Workshops veranstaltet.

Kiya Tabassian verließ mit 14 Jahren seine Heimat Iran und ging mit seiner Familie ins kanadische Québec. Im Gepäck das musikalische Erbe seiner Heimat und inspiriert von der alten Stadt am Bosporus, die schon immer den Osten und den Westen verbindet, gründete er das Ensemble Constantinople in Montreal. Gemeinsam experimentiert das Ensemble mit allen erdenklichen musikalischen Ausdrucksformen, von der Musik der kanadischen Aborigines über mittelalterliche Manuskripte, der Musik des Mittelmeerraums und des Nahen Ostens und der Barockmusik bis hin zur Musik der westlichen Avantgarde.

Beim zweiten Constantinople-Konzertauftritt haben sich auf der Bühne des Stadttheaters in Mechelen sieben Musikerinnen und Musiker zusammengefunden, die aus unterschiedlichen Kulturkreisen stammen und nun unter dem Konzerttitel „Breathings“ (zu Deutsch: „Atmungen“) miteinander musizieren und teils auch improvisieren. Klanglich dominieren die orientalische Zither Kanun und die persische Langhalslaute Setar, die der Ensemble-Leiter Kiya Tabassian spielt. Schon als Kind hat er sich für dieses Instrument seines Lebens entschieden, das er erstmals in Teheran in einem Konzert hörte: „Es war mit elf Jahren mein erster Kontakt aus der Nähe mit diesem Instrument. Ich war sofort fasziniert und gefesselt. Dieser intime Klang, diese Wärme!“

Bald nach dem Konzert begann Kiya Tabassian mit dem Unterricht an der Setar, aber das Spiel war ihm schnell nicht genug. Er fing an, zu komponieren. In Kanada setzte Tabassian seine Ausbildung in persischer Musik zunächst als Autodidakt fort und lernte dazu durch Begegnungen mit anderen Musikern. Parallel dazu studierte er Komposition am Musikkonservatorium Montréal. 2001 gründete er sein Ensemble Constantinople, das in den unterschiedlichsten Besetzungen auftritt.

Mit weich gespülten Weltmusik-Crossover-Klängen will Tabassian nichts zu tun haben: „Auf den ersten Blick kann es seltsam wirken: Warum stellen diese Leute die persische Setar mit der afrikanischen Kora und mit der westlichen Viola da Gamba zusammen? So etwas kann schnell kitschig oder oberflächlich werden! Aber als ich Constantinople vor 20 Jahren formte, wollte ich einen Raum schaffen, wo Musiker sich wirklich intensiv begegnen können. Ich wollte Projekte schaffen, die intensiv in diesen Dialog, in die musikalischen Begegnungen eintauchen.“

Wie auch bei dem Projekt „Traversées“ – zu Deutsch Überfahrten oder Querverbindungen - zu erleben, bei dem er mit dem senegalesischen Koraspieler Ablaye Cissoko konzertiert.

„Ablaye ist ein Griot, das ist eine afrikanische Spielart der Troubadoure. Ablaye stammt aus einer dieser Familien, die seit vielen Generationen Griots sind. Er spielt die Kora, eine Art afrikanischer Harfe mit 21 Saiten. Ein sehr altes Instrument etwa aus dem 13. Jahrhundert, das vor allem in ganz Westafrika gespielt wurde. Und er singt seine eigenen Texte. Griots sind Botschafter zwischen dem Volk und dem Herrscher.“

Wie bei allen Projekten Tabassians stehen Aufnahmen und Auftritte am Ende einer langen Forschungsarbeit und intensiven Probenprozessen. „Die Setar und die Kora sind sich möglicherweise in der Geschichte vorher noch nie begegnet. Aber wenn wir spielen, klingt es und sieht so aus, als hätten diese Instrumente schon immer zusammen gespielt…“

Tabassians Interesse an Musikkulturen geht weit über das rein Klangliche hinaus, denn „viele Musikkulturen haben eine ganz andere Ästhetik und ein anderes Konzept von Schönheit!“ Nach Mechelen geht es zu den Schwetzinger Festspielen und nach Köln zum Acht Brücken Festival, wo Tabassian sich mit dem französischen Avantgardisten Claude Vivier auseinandersetzen wird. Vertrautes Terrain: „Ich hatte das Glück, in Montreal der letzte Student von Claude Viviers Lehrer zu sein. Vivier war wie ich auch ein Reisender, er absorbierte viele verschiedene Klänge. Aber das Projekt hat mich ein Jahr Forschung gekostet.“ Auch in Köln leitet er wieder Workshops, diesmal mit einer Jazz- und einer Kompositionsklasse.

Als Tabassian mit 14 Jahren nach Kanada kam, sprach er kein Wort Französisch oder Englisch. Er musste alles neu lernen und fand alles im Austausch: „Im Austausch, in der Begegnung fühle ich mich reicher und die Wurzeln in mir selbst. Die DNA von Constantinople liegt genau in diesem Konzept: Begegnung, Austausch und Dialog.“

Regine Müller

Fotos: Frank Emmers




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