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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

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am 04.12.2021



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27. November — 03. Dezember 2021

„Sleepless“ in Berlin


„Meine Musik ist Theatermusik“, hat Peter Eötvös immer gesagt. Und es stimmt auch. Der heute neben dem greisen Doyen György Kurtág wirkungsmächtigste ungarische Komponist wird vielleicht deshalb auch so viel gespielt im heutigen Musikbetrieb. Denn anders als Kurtág hat er nicht nur offensiv für die große Form komponiert, die Klänge, die der 77-Jährige zu Papier bringt, sie sind immer dramatisch, bildkräftig, plastisch und ja, eben theatralisch. Ganz besonders in seinen Bühnenwerken, 13 hat Eötvös bisher geschaffen. Die werden gern von den Theatern genommen, ja sogar nachgespielt – weil sie meist eine Geschichte erzählen und weil sie nicht selten schlagkräftige Vorlagen haben: ob von Jean, Genet, Tony Kushner, Anton Tschechow, Gabríel Garcia Marquéz oder den deutschen Dramatikern Albert Ostermeier oder Roland Schimmelpfennig.

Seine neueste Oper „Sleepless“, die am 28. November an der Berliner Staatsoper uraufgeführt und 2022 auch vom Grand Théâtre de Génève koproduziert wird, hat sich eine kurze Novelle des norwegischen Theaterstars Jon Fosse aus dem Jahr 2008 vorgenommen, Eötvös‘ Frau Mari Mezei hat sie auf Englisch dramatisiert. Zwei junge Leute, Alida und Asle, irren durch einen norwegischen Küstenort. Es ist Spätherbst, es ist kalt, und Alida ist hochschwanger. Bei sich haben sie nichts als die zwei Bündel und einen Geigenkasten Niemand will den beiden Unterschlupf gewähren. Während sie müde durch den Regen gehen, wird ihre Verzweiflung immer größer. Immerhin, Erinnerungen begleiten sie – an glücklichere Zeiten, als sie sich kennengelernt haben und sofort von ihrer Bestimmung füreinander wussten, aber auch an Trauriges und Dunkles. Schließlich verschaffen sie sich Zugang zu einem fremden Haus. Eine Serie mysteriöser Begegnungen, in denen Vergangenes lebendig wird, erweist sich als verhängnisvoller Lauf gegen die Zeit.

Hier geht es um schuldlose Schuld, eine Liebesgeschichte und die biblische Geschichte von der Suche nach Herberge. Buch wie auch die vom Komponisten selbst dirigierte Oper sind ein unversöhnliches, traumdunkles Kabinettstück über die rauen Bedingungen menschlicher Existenz. Und für Peter Eötvös inszenierenden Landsmann Kornél Mundruczó ist klar: „Das Stück handelt von Liebe, vom Bruch in der Gesellschaft, davon wie wir unsere Menschlichkeit verlieren können. „Das scheint mir eine drängend zeitgemäße Frage zu sein.“

Matthias Siehler

Fotos: © Gianmarco Bresadola




20. — 26. November 2021

Vom gesprochenen Wort gedacht


Die seriösen Vertreter der historischen Aufführungspraxis verstehen ihre Schürfarbeiten in den Tiefen der Rezeption vor allem als eine Schule des Denkens, die ausnahmslos jede Spiel- und Interpretations-Tradition infrage stellt und nichts als gegeben hinnimmt. Diese Haltung beschert im Glücksfall erhellende Neubegegnungen mit sattsam bekanntem Repertoire, erfrischende Perspektiven, aber auch produktive Verunsicherungen, wenn lieb gewordene Hör-oder Sehgewohnheiten auf den Kopf gestellt werden.

Das Werk Richard Wagners wurde bislang nur vereinzelt und gewissermaßen mit spitzen Fingern von der Alte-Musik-Bewegung betrachtet. Und gar an den „Ring“ traute sich niemand heran. Bis vor bald fünf Jahren das Projekt „Wagner-Lesarten“ eine erste systematische Beschäftigung mit diesem 16 Stunden (in heutiger Aufführungspraxis, historisch wird es sicher weniger) dauernden Riesen-Zyklus ankündigte, flankiert von umfassender Forschung zu Aufführungstraditionen, Wagners originalen Regie-Anweisungen, der Suche nach originalen Instrumenten und der Frage nach historisch informiertem Wagner-Gesang. Das Originalklang-Ensemble Concerto Köln konnte mit dieser kühnen, aber eigentlich auch überfälligen Idee den erfahrenen Wagner-Exegeten Kent Nagano begeistern und potente Förderer und Forscher an Bord holen.





Verzögert durch die Pandemie war nun der erste Streich dieses Vorhabens in der von Wagner- und Originalklang-Enthusiasten fast gänzlich gefüllten Kölner Philharmonie zu erleben. Ein Wechselbad der Eindrücke.





In Block F, Reihe 24 ist die voll besetzte Bühne relativ weit entfernt, was in der transparenten Akustik der Philharmonie kein Problem ist. Aber der Anfang, das berühmte Es-Dur-Brodeln des Vorspiels befremdet zunächst: Das sonst aus der Tiefe eines Orchestergrabens hervorwabernde Grummeln tiefer Blech- und Holzbläser klingt knackig präsent, etwas matter und dunkler als gewohnt, die einsetzenden Streicherbewegungen sind erst mehr zu sehen als zu hören, den mit Darmsaiten bespannten Instrumenten fehlt die Stahl-Brillanz, sie klingen warm und gedeckt und setzen sich zunächst kaum durch, die Bläser dominieren, wodurch der Eindruck des unendlichen Fließens sich nicht recht einstellen will.





Aber das ist vermutlich eine Frage der Balance, die im Verlauf besser und besser und den ganzen langen Abend über Kent Naganos wichtigste Aufgabe bleiben wird.

Immer wieder überraschend sind die nie gehörten Klangfarben, die das Spektrum keineswegs verengen, sondern sogar ausweiten: der meist dunklere Streicherklang, der sich aber auch unglaublich aufhellen und damit versüßen kann, sich schlank und licht durch den Raum tastet. Dann die Bläser, die sehr hell timbrierte Oboe, die schnarrenden tieferen Oboeninstrumente, die sonor-warme Wagner-Tuba, die silbrig klingelnden Nibelheim-Ambosse, die scharf akzentuierten, trockenen Pauken. Nagano spitzt auch die Tempi zu, meistens geht es sehr flott, moussierend voran, Strukturen blitzen auf, die sonst untergehen in pompösen Dehnungen. Ein nervöser Puls treibt das Ganze voran, den Nagano aber an dramaturgischen Gelenkstellen auch radikal anzuhalten versteht, etwa bei Erdas spätem Mahn-Auftritt oder Alberichs Fluch.

Womit wir beim Sänger-Ensemble wären, das durchweg vom gesprochenen Wort her denkt und – trotz eingeblendeter Übertitel – auf maximale Textverständlichkeit setzt. Selbst bei den Rheintöchtern, die häufig als reines Vokalisen-Trio zu hören sind, frappieren Passagen, die dem Melodram näher sind als dem Operngesang. Für Wagner stand der dramatische Ausdruck im Vordergrund, sich selbst genügender Wohlklang war ihm verhasst. In Köln wird dies mit spürbarem Elan beherzigt, es wird deklamiert, Silben gespuckt, gerufen und geschrien, das Ganze äußerst glaubhaft zudem halb-szenisch dargeboten. Aber es gibt auch betörende Piani und strömende Legati, triumphale und gebieterische Spitzentöne. Kurzum, die ganze Palette stimmlicher Ausdrucksmöglichkeiten wird ausgereizt, das Ensemble agiert in jeder Hinsicht auf Augenhöhe. Herausragend: Thomas Mohrs grandioser Loge, souverän gestaltend, textverständlich und stimmlich makellos, gefolgt von Daniel Schmutzhards präzis und differenziert gestaltetem Alberich und Derek Weltons bestürzend ahnungsvollem Wotan. Bleibt die Frage, wie sich diese Original-Klänge unter authentischen Bedingungen bewähren? Also in einem richtigen Opernhaus, womöglich mit gedeckeltem Graben und mit ungleich größerer Distanz zu den oben auf der Bühne agierenden Sängern? Die Klänge würden sich, unten angerührt, sicher ganz anders mischen und verteilen. Das wäre dann aber der nächste Schritt. Zunächst erst einmal großer Jubel für den ersten Streich der „Wagner-Lesarten“.





Regine Müller





(Foto: Heike Fischer – Kammler, Akzeybek, Romberger, Schmutzhard, Mohr, Ebenstein, Welton, Irányi, Faveyts, Wegener, Seidl, Vogel, Adrian, Vegry, Nagano)




13. — 19. November 2021

Deutsche Oper:


„Zu neuen Taten, teure Helde!“ So beginnt zwar die „Götterdämmerung“ und wir sind an der Deutschen Oper Berlin bei der Vollendung des neuen „Ring des Nibelungen“ (Regieschmied: Stefan Herheim) angelangt. Aber da dort ja die ganze Produktion terminlich coronadurcheinander geriert, folgt hier nun nach eben dem letzten Originalteil zum Finale der vorletzte: der „Siegfried“.





Diese neue Tetralogie, Nachfolgerin der legendären von Götz Friedrich mit dem Zeittunnel, enttäuschte aber bisher sehr. Wir sahen zu Beginn die Geburt der Welt aus einem Flüchtlingsstrom und einem Es-Dur-Akkord. Es hub an mit dem tiefen „Rheingold“-Es, das zunächst stumm auf der leeren Bühne im Arbeitslicht auf einem Piano-Requisit angetippt von einer Figur, die sich später als Wotan erwies. Der Göttervater als Spielstarter. Ganz hinten in der Reihe stand sein Gegner Alberich, der hatte eine Trompete dabei, die später das Motiv für das Edelmetall am Flussgrund intonieren wird.





Warum aber muss sich der schnell zum Joker geschminkte, später in Nibelheim als Wehrmachtssoldat mit Nazi-Gruß marschierende Zwerg wiederrechtlich aneignen, was er sowieso schon mit sich führt? Eine der vielen Ungereimten in Herheims enttäuschend konfusem, mal läppischen, mal im Spiel intensiven „Ring des Nibelungen“ zwischen Ringelpietz und Raffinesse, härener, manchmal auch nur alberne Konzeptstrenge.





Was die koffertragenden, später Gepäckberge schichtenden Unbehausten bei der Wagnerschen Weltschöpfung sollen, man weiß es nicht wirklich. Sie müssen, ihrer Kleidung ledig, allzu oft in Feinripp Liebemachen faken. Es wird viel aus dem Konzertflügel auf die Bühne gehoben. Es wird am Klavier präludiert und die Partitur studiert. Buntes wird auf wogende Tücher projiziert. Etwas inhaltlich Rundes gab das bisher nicht. Dafür stand am „Götterdämmerung“-Ende eine Putzfrau im Arbeitslicht.





Dazu aber knallte es immerhin schön im Graben, denn Donald Runnicles dirigiert rustikal eng am Stück. Das Metaphysische ist nicht so seins, das Orchester tönt gesund. Im Siegfried ist einmal mehr Nina Stemma als Brünnhilde am Start, Clay Hilley soll der neue Super-Siegfried als dicker Wagnerheld im Bärenfell sein. Iain Patterson gibt bewährt den Wanderer. Aber wirklich opernfroh stimmte diese mutwillige Kindergarten-Collage bisher nicht…





Fotos: (c) Bernd Uhlig




06. — 12. November 2021

Tatort: Dreams


Der 87. Fall des deutschen Quotenrenners „Tatort“ begibt sich in die faszinierende und harte Welt klassischer Orchestermusiker. Dabei gelingt es ihm, das Porträt einer Musikerin zu zeichnen, die sich im Konkurrenzkampf um eine der begehrten Orchesterstellen in psychologischen Abgründen verliert.

Unter der Regie von Boris Kunz stehen die Münchner Kommissare Franz Leitmayr (gespielt von Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) in „Dreams“ vor einer ungewöhnlichen Herausforderung: die junge Geigerin Marina (Jara Bihler) gesteht den Mord an ihrer besten Freundin und größten Konkurrentin, die seit Tagen als vermisst gemeldet gilt. Da Marina jedoch die Kunst des luziden Träumens beherrscht, bei der geträumte Handlungen bewusst gesteuert werden können, ist sie sich nicht sicher, ob der Mord nur im Traum oder in der tatsächlichen Realität passiert ist.

Stets getrieben von innerer Unruhe und der wachsenden Angst, am Leistungsdruck des Orchestermilieus zu zerbrechen, verschwimmen für Marina Wach- und Traumerleben ineinander, sodass die beiden Kommissare auf der Suche nach der Wahrheit tief in die Welt des Klarträumens eintauchen müssen, um diesen mysteriösen Fall letztendlich zu lösen.

Musikalisch wird der Film umrahmt von der vielschichtigen Partitur des Münchner Komponisten David Reichelt, dessen Klangsynthese aus traditionellen Orchesterklängen und elektronisch veränderten oder gesampelten Versatzstücken der gleichen Musik die unterschiedlichen Ebenen der Filmhandlung sehr subtil voneinander absetzt. Reichelt versteht es, sowohl klar definierte Motive als auch sphärische, schwebende Klänge einzusetzen, sodass die Musik eine Verschmelzung von Traum und Realität bewusst widerspiegelt. Zudem sind in der Partitur organische Übergänge zwischen konzertanter Musik (sichtbar im Szenenbild mit Orchester) und der zu hörenden Filmmusik vermerkt, um die ineinanderfließenden Ebenen des Films zu unterstützen.

Eingespielt wurde die orchestrale Filmmusik vom Münchner Rundfunkorchester unter der Leitung von Andreas Kowalewitz und wird nun als CD veröffentlicht mit einem spektakulären Bonustrack: der berühmten „Tatort-Melodie“ von Klaus Doldinger in einer sinfonischen Bearbeitung.

Für alle Krimi-Fans mit Affinität zu klassischer Musik gilt also, einschalten, miträtseln und vor allem ganz genau hinhören!

(Fotos: NeueSuper Gmbh, Hendrik Heiden)




30. Oktober — 05. November 2021

Aus der Ferne


Noch immer kann Kirill Serebrennikow nur per Videoschalte inszenieren. Zwar befindet sich der russische Regisseur nicht mehr im Hausarrest, das Land darf er aber weiterhin nicht verlassen. Folglich konnte Serebrennikow auch für seine Inszenierung von Dmitri Schostakowitschs Oper „Die Nase“ nur zum Schlussapplaus zugeschaltet werden. Dort begann an der Bayerischen Staatsoper die Intendantenära Serge Dorny mit ebenjener „Nase“. Düster, aktuell, politisch. Neben Dorny feierte auch der neue Orchesterchef Vladimir Jurowski seine erste Opernpremiere als Generalmusikdirektor. Kurswechsel derweil in der Corona-Frage: In München führte man nach Rücksprache mit Experten die neue Regelung „3G+“ ein, bei der geimpfte, genesene und PCR-getestete (!) Zuschauer an den Veranstaltungen des Hauses teilhaben können. Man empfiehlt, Maske zu tragen. Die Hamburger Elbphilharmonie hingegeben gab nun bekannt, dass man wie auch die Staatsoper Hamburg überwiegend auf die 2G-Regel setzen wolle. Auch hier entfalle die Maskenpflicht und die Säle könnten wieder voll belegt werden. Einzelne 3G-Veranstaltungen soll es allerdings weiterhin geben. Wie immer gilt: Weitere Entwicklungen bleiben abzuwarten.

(Fotos: Wilfried Hösl)




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