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19. — 25. Oktober 2019

Wie klingt jetzt?

Klanginstallationen, die über die ganze Stadt verteilt sind, zahlreiche Ur- und Erstaufführungen und ein Publikum, das sich mit den Besonderheiten der Neuen Musik auskennt: Das sind die Donaueschinger Musiktage. Jedes Jahr wieder wird im Herbst bei diesem Festival für Neue und Neueste Musik (17.-20. Oktober) eine Art kreative Bestandsaufnahme gemacht. Das älteste und traditionsreichste Festival für Neue Musik weltweit versteht sich vor allem auch als Experimentierfeld für neue Formate, die im Konzertsaal normalerweise nicht funktionieren würden: In diesem Jahr etwa wird ein Werk unter Wasser im Schwimmbad aufgeführt, ein anderes ist als Computerspiel konzipiert. Der SWR, der Mitveranstalter des Festivals ist, überträgt wieder einige Konzerte live. Nicht verpassen!

(Bild vom SWR Vokalensemble: Klaus J.A. Mellenthin)


12. — 18. Oktober 2019

Hund an der Macht!

Langsam, aber sicher geht es dem Ende zu, das Offenbach-Jahr. Aber Köln, wo der Begründer der modernen Operette vor hundert Jahren geboren wurde, hat so einiges aufgefahren in diesem Jubeljahr und tut es noch immer. Ein Offenbach-Wettbewerb für Schulen aus ganz NRW wurde veranstaltet, am 12. Oktober beginnt noch eine Wanderausstellung über Offenbachs bewegtes Leben von NRW nach Paris, und für den 16. Oktober ist eine Podiumsdiskussion geplant. Das Thema: „Duell der Rheinnixen – Offenbach vs. Wagner“.
Doch das eigentliche Highlight im Herbst dieses Offenbach-Jahres dürfte die Deutsche Erstaufführung von Offenbachs „Barkouf ou un chien au pouvoir“ an der Oper Köln sein, die am 12. Oktober Premiere feiert. Der Titel „Barkouf oder ein Hund an der Macht“ deutet schon auf ein tierisches Vergnügen hin. Und in der Tat ist die dreiaktige Opéra-bouffe aus dem Jahr 1860 voll von den für Offenbach so typischen Absurditäten und Komik. Ein ganzer Staat im Orient unterwirft sich hier dem herrischen Gebell des Vierbeiners, der sich als Willkürherrscher erweist. Zur Entstehungszeit konnte man dieses Stück durchaus auch als heftigen Seitenhieb gegen das Zweite Kaiserreich unter Napoleon III verstehen. Die Message hinter dieser Persiflage: Wenn die Politiker korrupt und inkompetent sind, dann ist ein Hund als Herrscher allemal die bessere Lösung. Die Oper Köln bringt das äußerst selten zu sehende Werk nun in Koproduktion mit der Opéra du Rhin auf die Bühne. Die Regie führt Mariame Clément, die musikalische Leitung hat Stefan Soltesz. Noch bis 3. November im Staatenhaus Saal 2.

(Fotos: Paul Leclaire)


05. — 11. Oktober 2019

„Jazz & The City“

5 Tage, 30 Locations und 70 Konzerte: So lautet die vielversprechende Ankündigung des Festivals „Jazz & The City“ in Salzburg, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Und das Beste: Das Ganze ist fürs Publikum kostenlos! Ermöglicht wird das durch den Altstadt Verband Salzburg, der das Festival gegründet hat und finanziell trägt. Dass Salzburg nicht nur seine legendären Oster- und Sommerfestspiele zu bieten hat, sondern auch ein wichtiger Treffpunkt der Jazz-Szene ist, wird in diesem Jahr wieder – vom 16. bis zum 20. Oktober – unter Beweis gestellt. In den vergangenen Jahren kamen meist um die 25.000 Besucher in die malerische Mozart-Stadt, um an unterschiedlichen Orten in der Altstadt den Jazz in seinen verschiedenen Spielarten zu erleben – Experimente erlaubt und erwünscht, denn traditionell versteht sich „Jazz & The City“ auch als Labor für den Zusammenschluss von Jazz mit elektronischer Musik, Pop oder auch World Music. So viel steht fest: Die 300 eingeladenen Künstler aus 19 Ländern, darunter etwa Rolf Kühn, James Brandon Lewis und Elliot Galvin, werden Salzburg im herbstlichen Oktober nochmal richtig einheizen.
Mehr Informationen und das ganze Programm gibt es auf der Festival-App und der Website.

(Foto von James Brandon Lewis: Diane Allford)


28. September — 04. Oktober 2019

Brodelnder Sub-Text

Das Bauhaus-Jubiläumsjahr leidet an einem Overkill. Jeder noch so unbedeutende Ort, den die Bauhaus-Bewegung auch nur streifte, richtet Ausstellungen und Veranstaltungen aus. Architektur und Design werden allerorten gefeiert. Bloß mit der Aufarbeitung der Musik dieser Zeit sieht es bislang eher mau aus, dafür fanden sich offenbar wenig Fürsprecher. Denn wie anders ist es zu erklären, dass Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ in diesem Jahr nicht auf den Spielplänen erscheint? Lediglich in Antwerpen, das mit dem Bauhaus sonst nichts am Hut hat, gab es dieses Jahr eine Neuproduktion. Hierzulande hat sich nur das Theater Hagen daran erinnert, dass die Uraufführung von „Cardillac“ 1926 in die Blütezeit des Bauhauses fiel und der Komponist auch intensive Beziehungen zum Bauhaus pflegte (z.B. zu Oskar Schlemmer).
Tatsächlich ist „Cardillac“ ein irritierendes Werk und erhellt diese bewegte Zeit auf besondere Weise. Spröde, aber ungemein konzis komponiert, oszilliert „Cardillac“ zwischen neusachlicher Formensprache, die mit ihren Anleihen an Fugen- und Passacaglia-Formen zu Recht auch als Bauhaus-Barock bezeichnet wurde, aber auch rotzigen Jazzanklängen und spätromantischen Ausbrüchen, die von Ferdinand Lions pathos-sattem Libretto noch überhöht werden. Ein Werk, das unter der neusachlichen Oberfläche auch den brodelnden Subtext erklingen lässt und exemplarisch einen entlarvenden Blick erlaubt in jene widersprüchliche Zeit zwischen aufgeklärtem Fortschritt und aufkeimenden Rückfall in die Barbarei.
Diesen Widerspruch nahm Hindemith intuitiv auf, indem er ein genuin romantisches Sujet – nämlich E.T.A. Hoffmans Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ von 1819 mit den Mitteln der neuen Sachlichkeit kurzschloss. In Hagen spielt man die kompakte erste Version von 1926 und mit Jochen Biganzoli ist ein Regisseur am Werk, der das sperrige Werk auf bezwingende Weise einer weiteren Abstraktion unterzieht und ihm damit eine alarmierende Brisanz verleiht. Biganzoli setzt konsequent auf Purismus und Ausnüchterung. Die Geschichte des Pariser Goldschmieds Cardillac, der seine als Kunstwerke verstandenen Schmuckstücke zwanghaft zurückholen muss und dabei zum Serien-Mörder wird, erzählt Biganzoli ohne historische Bezüge. Ein kahler, zeitlos abstrakter Raum (Bühne: Wolf Gutjahr) ist der Spielort, an die Prospekte werden Kunstmanifeste der Bauhaus-Zeit, des italienischen Futurismus, aber auch eine staatstragende Steinmeier-Rede projiziert. Widersprüchliche Thesen sind da mitunter zu lesen, Radikales wie „Wer Kultur schaffen will, muss Kultur zerstören“ (Künstlergruppe Spur Manifest) oder Beharrendes wie „Art must be beautiful“ (Marina Abramovic).
Cardillac ist im schwarzen Overall stets auf der Bühne präsent, hantiert mit Mikro und Notizblock, arrangiert die Szene und wirkt überhaupt als Regisseur seines eigenen, auf rigorose Subjektivität pochenden (Künstler)-Schicksals. Diese Idee ist gedeckt durch das Libretto, das außer Cardillac nur namenlose Figuren aufführt.
Statt gleißender Juwelen sind die Objekte der Begierde bei Biganzoli Shopping-Tüten mit aufgedruckten Luxus-Labels, ‚eine Dame‘ erscheint im Goldflitter-Jumpsuit, assistiert von einem kindlichen und greisen Alter-Ego, und das Schmuckstück, um das Offizier und Cardillac schließlich erbittert ringen, ist eine weiß geschminkte Statistin, deren Kopf in einer weißen Pappmaché-Kugel steckt.
Bestürzend aktuell ist an diesem Künstler-Diskurs um die ewigen Fragen, was Kunst soll und darf und ob der Künstler als Person zu entschulden ist, vor allem, wie sehr der schließlich Überführte dennoch messianisch verehrt wird vom schwarz gewandeten Chor. Je radikaler Cardillac agiert und sich äußert, desto größer ist die Faszination des nach Ereignis und Unterwerfung gierenden Volks.
Joseph Trafton meißelt im Graben die Kanten von Hindemiths Partitur scharf heraus, ermuntert das bestens aufgelegte Orchester aber auch zu kammermusikalischer Delikatesse, die besonders die Holzbläser detailreich und mit musikantischem Drive auskosten. Das famose Sängerensemble dominiert Bariton Thomas Berau in der Titelrolle, der plastisch und textverständlich formuliert und die stimmlichen Herausforderungen wohlklingend meistert. Angela Davis´ Sopran als Tochter ist durchschlagskräftig, in extremer Höhenlage mitunter etwas hart, Milen Bozhkov bewältigt die haarige Tenorpartie des Offiziers souverän, ebenso Thomas Paul als Kavalier, Veronika Haller als Dame, Ivo Stánchev als Goldhändler und Kenneth Mattice als Führer der Prévôté. Erneut glänzt Hagen mit mutiger Werkwahl, dramaturgischer Originalität und famoser Qualität.

Regine Müller

(Fotos: Klaus Lefebvre)


21. — 27. September 2019

Home-Stories

„Die Nachwelt soll uns ganz wie ein Herz und eine Seele betrachten und nicht erfahren, was
von Dir, was von mir ist“, soll Robert Schumann seiner Clara einst geschrieben haben. Dieses Vorhaben hat wohl nicht geklappt, denn in die Musikhistorie ist nur Robert als der große (wenn auch tragisch sensible) Komponist eingegangen, während Clara zwar als die perfekte Interpretin seiner Werke und als fürsorgliche und intelligente Partnerin galt, ihre eigenen Kompositionen aber meist in der Senke des Vergessens verschwanden. Das ändert sich in diesem Jahr spürbar, in dem der 200. Geburtstag dieser Powerfrau gefeiert wird. Unter dem Motto „CLARA19“ läuft schon seit Jahresbeginn in und um Claras Geburtsstadt Leipzig ein Veranstaltungsreigen, an dem sich rund 60 Institutionen beteiligen. Dazu kommt eine beachtliche Zahl von CD-Einspielungen, die Clara Schumanns Werke ins verdiente Rampenlicht rücken.
Der eigentliche Geburtstag war am 13. September, wenige Tage später öffnete nun in Leipzig das erste Museum, das beiden Schumanns und damit einem kongenialen Künstlerpaar gewidmet ist. In Leipzig verbrachte Clara die ersten 25 Lebensjahre, debütierte mit neun im Gewandhaus, heiratete als junge Frau ihren Robert und wohnte gemeinsam mit ihm vier Jahre lang in einem im klassizistischen Stil errichteten Haus in der Inselstraße 18. Genau hier, in der ersten Wohnung der Schumanns, befindet sich das neue Museum, das den Besuchern die Welt des Ehepaars Schumann aufschließen will. In der neuen Dauerausstellung „Experiment Künstlerehe“ stehen die Ehetagebücher, die hier entstanden, und der gemeinsam komponierte Liederzyklus „Liebesfrühling“ im Mittelpunkt. Aber es gibt auch – ganz zeitgemäß – multimediale Specials wie „visualisierte Features“, die den Besucher mit ausgewählten Zitaten der Schumanns und einer assoziativ darum kreisenden Bildwelt konfrontieren. Oder eine etwas skurrile Installation von Erwin Stache: einen Gipsabdruck von Clara Schumanns Hand, der bei Berührung eine Klaviermelodie von sich gibt. So nah war man Clara Schumann wohl noch nie.

(Foto: Matthias Knoch/Schumann-Haus Leipzig)


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