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14. — 20. Dezember 2019

Perfekte Tableaus

Am Gelsenkirchener „Musiktheater im Revier“ wagte Dietrich W. Hilsdorf einst seine ersten Schritte in der Opernregie mit Tschaikowskis „Eugen Onegin“. Der früher gern als Abonnentenschreck titulierte Regisseur bescherte dem Haus mit der atemberaubenden, nach wie vor ästhetisch taufrischen Architektur mit ihrem offenen Glasfoyer und den riesigen, tiefblauen Reliefs von Yves Klein viele große Arbeiten, vor allem sein Mozart-da-Ponte-Zyklus aus den 1980er-Jahren ist Legende. An diesem Wochenende feiert das Haus seinen sechzigsten Geburtstag und dazu passt nicht nur ausgezeichnet, Hilsdorf wieder einzuladen, sondern ganz besonders das Sujet von Leoš Janáčeks „Die Sache Makropulos“: Geht es doch in der als sperrig geltenden Oper um das Phänomen des Alterns und den uralten Menschheitstraum der Unsterblichkeit.
Die Operndiva Emilia Marty hat bereits viele Leben gelebt und viele Namen benutzt, die alle mit den Initialen E.M. beginnen. Eigentlich ist es aber nur ein einziges, ermüdend langes Leben, das sie bereits seit über 300 Jahren lebt. Denn sie diente als Versuchskaninchen für ein geheimnisvolles Ewige-Jugend-Serum, das seine Wirkung tat, die nun aber spürbar nachlässt. Daher sucht sie fieberhaft nach der Rezeptur, die sich jedoch in einer Erbmasse befindet, die wiederum Gegenstand eines nunmehr hundert Jahre andauernden Prozesses ist.
Dietrich Hilsdorf und sein Team (Bühne: Hilsdorfs Stamm-Bühnenbildner Dieter Richter, Kostüme: Nicola Reichert) belassen die Handlung zunächst in der vorgesehenen Zeit in den 1920er-Jahren, der Entstehungszeit der Oper in Prag. Der erste Akt spielt in der schummrigen Kanzlei des Anwalts Dr. Kolenaty, in der sich die Archivschränke wie in einem Albtraum in schwindelnde Höhe übereinanderstapeln. Für den zweiten Akt wird die Kanzlei-Kulisse für alle sichtbar um 180 Grad auf ihre Rückseite gedreht, so dass eine leere Bühne mit heutigen Bühnenarbeitern sichtbar wird, im dritten Akt schließlich springt die Handlung wieder zurück in ein gediegenes Hotelzimmer aus den 1920er-Jahren.

Jeder Blick, jede Geste ist durchdacht

Dem Anwalt Kolenaty, ausgestattet mit Buckel, Hinkefuß und Ärmelschonern, gibt Joachim G. Maaß die grotesk überzeichneten Züge eines alternden, widerkäuenden Aktenwälzers, auch stimmlich gelingt dem Bassisten ein Kabinettstück. Petra Schmidt als Emilia Marty rauscht als kühle Blondine im glamourösen Charleston-Dress herein und verströmt gleißenden Sopran-Glanz. Die verworrene Handlung mit den Prozessgegnern Albert Gregor (Martin Homrich mit heldisch getöntem, durchschlagskräftigem Tenor) und Jaroslav Prus (Urban Malmberg mit markantem Bariton), dessen Sohn Janek (Khanyiso Gwenxane mit charmantem, noch etwas unsicherem Tenor), seiner Geliebten Krista (Lina Hoffmann mit lyrischem Glanz) und dem senilen Grafen Hauk-Schendorf (der 83-Jährige Mario Brell legt eine Galavorstellung hin mit frisch gebliebenem, bombenfest sitzendem Tenor und herrlich selbstironischem Spiel) ist schwer zu entwirren. Daher konzentriert Hilsdorf sich auf scharf gezeichnete Charaktere und eine penibel austarierte Personenführung. Die kleinteilige Psychologie Janáčeks macht Hilsdorf evident durch klug komponierte Tableaus, die Konstellationen sichtbar machen, die sich sonst im Strudel der Janáček’schen Schnelligkeit verlieren würden. Es gibt keinerlei Stillstand an diesem Abend, ohne dass Hilsdorfs Regie in leeren Aktionismus abrutscht, jeder Gang, jeder Blick, jede Geste und jede karikierende Überzeichnung sind durchdacht und motiviert von Janáčeks ausgeklügelter, wenngleich nicht eben leicht zugänglicher Partitur, die irrlichtert zwischen mechanischer Kühle und großen emotionalen Ausbrüchen.
Im Orchestergraben animiert Rasmus Baumann die Neue Philharmonie Westfalen zu musikantisch packendem Zugriff und opulent ausgreifenden, gleichwohl niemals zu dicken Klängen. Die anspruchsvollen Bläser-Soli gelingen vorzüglich, insgesamt fehlt vielleicht noch eine Spur mehr Sicherheit mit dem Janáček’schen Idiom. Insgesamt aber ein famoser Abend mit einer grandiosen Ensembleleistung.

Regine Müller

(Fotos: Monika und Karl Forster)


07. — 13. Dezember 2019

Schuld und Unschuld

Es ist die zentrale Frage dieses Stücks: Was hat der Fischer Peter Grimes, Titelheld aus Benjamin Brittens gleichnamiger Oper, nun getan: Hat er seinen Lehrling umgebracht, zum wiederholten Male? Oder toben die Bewohner des englischen Fischerdorfes zu Unrecht? Schließlich wurde Grimes vom Richter zunächst freigesprochen, wenn auch unter merkwürdigen Umständen. Und auch nach dem Urteil liegt ein Schatten auf dieser rätselhaften Figur. Doch an „Peter Grimes“ fasziniert nicht nur die Geschichte mit ihrem tollen Libretto von Montagu Slater. In dieser Oper wird das Meer wie in kaum einer anderen mit orchestralen Mitteln zum Leben erweckt. Hier kommt beides zusammen: Innenschau und moralische Fragen, mit denen sich das Publikum auseinandersetzen muss, auf der einen Seite. Bildgewalt und musikalische Ausdruckskraft auf der anderen.
In der neuen Inszenierung am Mannheimer Nationaltheater hat man die Bühne gar mit Wasser geflutet. „Murderer“ wird dort in Großbuchstaben an die Wand geschrieben, es ist eines der stärksten Bilder dieser Inszenierung. Der fackeltragende Mob ist sich jedenfalls sicher: Peter Grimes ist schuldig. Nur Ellen Orfold (Astrid Kessler) steht an der Seite des gesellschaftlichen Außenseiters. Das famose Rollendebüt von Roy Cornelius Smith als Peter Grimes ist nur ein Grund, warum man sich diese Inszenierung nicht entgehen lassen sollte. Ein anderer: Mit Alexander Soddy steht ein versierter Dirigent am Pult des Nationaltheater-Orchesters, Brite wohlgemerkt, der den musikalischen Stoff mit seinen zum Teil stürmisch aufbrausenden Zwischenspielen dramatisch und packend zu gestalten weiß. So schön tönt das Meer selten.

„Peter Grimes“ ist bis zum 15. März am Nationaltheater Mannheim zu sehen.

(Fotos: Hans Jörg Michel)


30. November — 06. Dezember 2019

Allein zuhause

Warum setzen sich eigentlich nur so wenige Opern von französischen Komponisten auf den heutigen Spielplänen durch? Gounods „Faust“ wird manchmal gegeben, seltener noch Saint-Saëns` „Samson et Dalila“ (wie derzeit immerhin in einer Neuproduktion an der Berliner Staatsoper). An der Oper Frankfurt feiert am 1. Dezember „Pénélope“ von Gabriel Fauré Premiere, und man darf wirklich gespannt sein. Denn mit Joana Mallwitz hat eine der aufregendsten jungen Dirigentinnen unserer Zeit die musikalische Leitung übernommen, und die Inszenierung von Corinna Tetzel verspricht ein intensives Kammerspiel über die schwierigen Dynamiken in der Liebe und über alte Rollenklischees zu werden. Fauré stibitze sich die Handlung für seine Oper aus der griechischen Mythologie: Die treue Penelope wartet auch zwanzig Jahre, nachdem ihr Odysseus in den Krieg gezogen ist, noch hoffnungsvoll auf seine Rückkehr. Odysseus allerdings hat sie längst vergessen und lässt sich von Abenteuer zu Abenteuer treiben. Fauré konzentrierte sich in seiner Oper nicht auf den vermeintlichen Helden, sondern auf die Zurückgebliebene, eine Frau gefangen in Erinnerungen und Hoffnungen. Was passiert mit der Liebe über eine so lange Zeit? Als Odysseus schließlich doch zurück kehrt, erkennt ihn Penelope nicht mehr. Hat Liebe ein Haltbarkeitsdatum? In Faurés Poème lyrique hört man die Einflüsse von Richard Wagner, aber natürlich auch das für Fauré so typische französische Esprit: eine eindrucksvolle Melange.
Die Frankfurter Erstaufführung ist noch bis 23. Januar an der Frankfurter Oper zu erleben.

(Fotos: Barbara Aumüller)


23. — 29. November 2019

Sing-along!

Der erste Advent nähert sich in eiligen Schritten. Und gerade in den Wochen vor Weihnachten besinnen sich viele Menschen auf die Kraft der Musik und auf das besondere Erlebnis, gemeinsam zu musizieren. So lässt sich erklären, dass die sog. „Sing-alongs“ seit Jahren immer mehr boomen. Musik als Massen-Erlebnis: Das hat schon Händels Zeitgenossen fasziniert. Über dessen Musik meinte der britische Autor Edward Fitzgerald einst: „Seine Musik ist für ein großes, aktives Volk geschrieben.“ Diese Volk wollte nicht nur zuhören, sondern aktiv Teilhaben an Händels kraftvoller Musik. So bildete sich seit der Uraufführung des „Messiah“ schnell die Tradition des sog. „Scratch Messiah“ – riesige Laien-Chöre nahmen in der Vorweihnachtszeit an informellen Aufführungen des Oratoriums teil. Bis heute ist der „Messiah“ immer wieder in Sing-alongs zu hören – vor allem in Amerika, etwa beim „Do-It-Yourself Messiah“ im Harris Theater in Chicago oder im „Messiah Sing-In“ in der Avery Fisher Hall im New Yorker Lincoln Center, vor allem aber auch in der Royal Albert Hall in London, wo sich jeden Advent etwa 3000 begeisterte Sänger dem Werke widmen. Doch hierzulande wird der „Messiah“ längst getoppt von Bachs Weihnachtsoratorium. Wer Bachs Meisterwerk nicht nur hören, sondern auch selbst mitsingen möchte, hat in den nächsten Wochen reichlich Gelegenheit dazu, wie man etwa auf der Seite www.singalong.eu nachlesen kann: Geplant sind Sing-alongs dieses Werkes u.a. in Karlsruhe, Lübeck, Harleshausen, Köln, Hannover, Reutlingen und Hameln. Mögen die Singspiele beginnen!

(Foto: pixabay)


16. — 22. November 2019

Erkundung der Liebe

Neue Musiktheaterwerke werden noch immer oft in die kleinen Experimentierstudios der Opernhäuser oder aber in den Kreativpool der Freien Szene verlagert. Dass ein Großes Haus das Experiment – und das finanzielle Risiko – auf sich nimmt, eine neu komponierte Oper im Großen Saal zu präsentieren, ist schon eine Seltenheit. Im Fall der Deutschen Oper Berlin geht es immerhin um stolze 1859 Sitzplätze, die an den Vorstellungsabenden gefüllt werden wollen. Für zusätzliche Aufmerksamkeit der neuesten Uraufführung hat die Deutsche Oper rund um die Premiere des 90-Minüters am 15. November noch ein Symposium zum Thema „Neues Musiktheater“ initiiert. Vom 15. bis zum 17. November tauscht sich hier die Szene über Entwicklungen und Probleme des „Neuen Musiktheaters“ aus, und natürlich kommt auch die Komponistin zu Wort, Chaya Czernowin. Die Israelin wurde 1957 in Haifa geboren und zog mit 25 Jahren nach Berlin, um bei Dieter Schnebel zu studieren. Später lebte sie in den USA, in Japan und wieder in Deutschland und machte sich als Komponistin aufregender neuer Werke einen Namen.
Ihre neueste große Komposition, „Heart Chamber“, trägt den Untertitel „An Inquiry About Love“ und wurde an der Deutschen Oper von Claus Guth inszeniert. Die musikalische Leitung der Produktion hat Johannes Kalitzke. Das Werk ist eine musikalische Reise ins Innerste: Die „Erforschung der Liebe“, die Czernowin hier unternimmt, setzt sich mit der romantischen Liebeskonzeption auseinander, mit der Utopie der perfekten Lieben, die die Menschheit bis heute prägt, hier aber auch mit Zweifeln und Dekonstruktion konfrontiert wird. Zwei Protagonisten stehen im Zentrum dieses intensiven Kammerspiels, „Er“ und „Sie“. Die beiden verhandeln stellvertretend die großen Fragen, die in den meisten Liebesbeziehungen zwangsläufig auftauchen: das Changieren zwischen Anziehung und Abgrenzung. So erkundet „Heart Chamber“ die Sehnsucht – nach dem anderen, aber auch nach der eigenen Unabhängigkeit.

Die Produktion läuft noch bis 6.12. an der Deutschen Oper Berlin.

(Fotos: Michael Trippel/Deutsche Oper Berlin)


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