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10. — 16. April 2021

Modell und Wirklichkeit


Das schmucke Rokokotheater des Schwetzinger Schlosses, es bleibt leer. Dabei würden wir an dieser Stelle gern anderes berichten, etwa von glückenden, schrittweisen Öffnungen der Kulturbetriebe. Das Berliner Pilotprojekt, bei dem 1000 getestete Zuschauer die Berliner Philharmoniker live erleben konnten, funktionierte jedenfalls. Weitere Veranstaltungen der Reihe mussten jedoch aufgeschoben werden, auch in Bayern sind Modell-Öffnungs-Projekte vorerst ausgesetzt. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters plädiert derweil für Öffnungen, erzählte sie der Neuen Osnabrücker Zeitung. Die Realität sieht anders aus: Die SWR Schwetzinger Festspiele mussten erneut verschoben werden; die Infektionszahlen und die unklaren Perspektiven ließen keine Festspiele zu, sagte die Intendantin Heike Hoffmann. Das Festival soll nun vom 15. bis 31. Oktober nachgeholt werden, geplant sind 21 Veranstaltungen. Weitere folgten: Die Händel-Festspiele Halle wurden abgesagt, die Musikwoche Hitzacker unter der Leitung von Albrecht Mayer zieht es ins Internet (7. bis 9. Mai). Und die Opernhäuser? In Leipzig bleibt die Oper bis Ende April geschlossen. In Saarbrücken steht Stand heute am 18. April noch die Deutsche Erstaufführung von Pascal Dusapins „Macbeth Underworld“ auf dem Spielplan (mit getestetem Publikum). Bei allen Optimismus stiftenden Modellprojekten – Kulturfreunde müssen sich weiter in Geduld üben.

(Bild der Woche: SWR/Monika Rittershaus, Foto Festival: SWR/Markus Palmer)




03. — 09. April 2021

Ideenfänger


Gute Ideen sind momentan gefragter denn je. Stichwort: Kreative Lösungen. Die braucht es bekanntlich in der Pandemiebewältigung, sagt auch die Bundeskanzlerin, besonders im Kulturbetrieb (ob sie denn auch berücksichtigt werden, ist dann die nächste Frage). Die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz schreibt nun Kreativität gewissermaßen aus, mit einem Ideenwettbewerb zum Thema Musik und Gesundheit. Das ist ein ohnehin wichtiges, gerne vergessenes und in Pandemie-Zeiten nochmal an Bedeutung gewinnendes Thema. Schließlich hat Musik eine Wirkung auf unseren Körper und kann die psychische Gesundheit verbessern. So hat das in Ludwigshafen am Rhein beheimatete Orchester denn auch eine musikalische Notfall-Apotheke, Philharmazie getauft, ins Leben gerufen und setzt sich nun die Frage, wie sich die Gesundheit mit Musik fördern lässt, genreübergreifend wohlgemerkt, auf die eigene Agenda. „Im Verlauf dieser Pandemie wurde immer wieder darüber diskutiert, welche wirtschaftlichen Auswirkungen die Krise haben wird. Wenig wurde aber darüber gesprochen, welchen Einfluss die ganzen Maßnahmen auf unsere psychische Gesundheit haben könnten. In dieser belastenden Zeit übernimmt die Musik eine wichtige Rolle, weswegen es vor allem auch für unsere Gesundheit wichtig ist, dass Musik nicht verschwindet“, bezieht Intendant Beat Fehlmann Stellung. Zum Erkenntnisgewinn hat man unter www.staatsphilharmonie.expert die eigens für die Staatsphilharmonie entwickelte Open-Innovation-Plattform „Gravity“ in Betrieb genommen, auf der noch bis zum 23. April Ideen eingereicht werden können. „Wir laden alle ein, mit neuen Ideen die Zukunft des Orchesters zu gestalten und gemeinsam Musik erlebbar zu machen“, sagt Fehlmann. Die Ideeneinreichungen werden dann von der Community bewertet, die Preisträger schließlich am 23. Mai bekanntgegeben. Eine Fortsetzung ist vorgesehen. Schön!

(Foto: Felix Bröde)




27. März — 02. April 2021

Cupido auf Zeitreise


Am letzten Sonntag ging ein Stück Theatergeschichte zu Ende: Die Bayerische Staatsoper streamte live die Premiere von Richards Straussʼ „Rosenkavalier“ (bis 19. April kostenlos abrufbar) und löste damit jene legendäre Inszenierung Otto Schenks von anno 1972 ab, die bis 2018 praktisch ohne nennenswerte Pause gespielt und besonders zu den Opernfestspielen regelmäßig in Luxusbesetzungen wiederbelebt wurde. So eine große Produktion ist in Corona-Zeiten an sich schon eine Herausforderung, aber in diesem Fall eben auch ein hohes künstlerisches Wagnis. Denn legendär war an der alten Produktion nicht nur Schenks virtuos pragmatische Personenführung, die sozusagen als „gültig“ gehandelt wurde, sondern auch Jürgen Roses delikates Rokoko-Bühnenbild und vor allem Carlos Kleibers furios klangseliges Dirigat. Die Produktion blieb auch mit zahllosen Neubesetzungen über bald fünf Jahrzehnte ein Kassenknüller und galt als „Klassiker“ – und damit als eigentlich unersetzbar.

So war es für Barrie Kosky eigentlich eine ziemlich undankbare Aufgabe, dieser Legende etwas entgegenzusetzen und die dringend gebotene Entrümpelung vorzunehmen, ohne die Kulinariker nachhaltig zu verstören. Tatsächlich aber glückt Kosky im lückenlosen Zusammenspiel mit dem designierten Münchener GMD Vladimir Jurowski und der kammermusikalisch klug ausgedünnten Orchesterfassung von Eberhard Kloke (mit Klavier und Harmonium!) eine zwischen Tiefsinn und Leichtigkeit virtuos tänzelnde Deutung, die dem gesamten Personal scharf zugeschnittene, heutige Züge verleiht, ohne die Aufführung an eine grobschlächtige Aktualisierung zu verraten: eine handwerklich und intellektuell rundum gelungene Deutung, die auch musikalisch keine Wünsche offenlässt. Kosky gelingt dieser Wurf, weil er die von Strauss und Hofmannsthal kalkuliert angelegte Künstlichkeit des Werks radikal modernisiert und auf die Spitze treibt, indem er rasant durch Zeitzonen eilt, quirlige Komik mit filmreifen Traumsequenzen verzahnt und sogar lupenreinen Kitsch riskiert. Aber gekonnt!

Mit zwei großen Metaphern verklammert Kosky die drei in unterschiedlichen Zeitzonen angelegten Akte: Zum einen die in verschiedenen Uhren bildgewordene Zeit, von der Marschallin bekanntlich besungen als „sonderbarʼ Ding“, und zum anderen mit der Figur eines alten, halbnackten Mannes mit Flügeln, der Liebesgott Cupido sein könnte, aber auch Chronos, der Gott der Zeit. Dieser Alte taucht immer wieder auf, ersetzt Arzt und Kutscher im zweiten Akt, streut Sternenflitter auf die Rosenüberreichung, gibt den Souffleur und nimmt der großen Standuhr, deren Zeiger am Anfang noch rückwärts rasen und durchdrehen, ganz am Ende – schwupps! – die Zeiger ab. Aus der wiederkehrenden Standuhr, aus der sich anfangs die Marschallin und Octavian statt aus einem Bett hervorschlängeln, wird im zweiten Akt ein schrillender Wecker, der Sophie zu ihrem großen Tag weckt und den dritten Beisel-Akt flötet eine putzige Kuckucksuhr ein. Bühnenbildner Rufus Didwiszus zitiert im ersten Akt dezent das von Strauss/Hofmannsthal avisierte künstliche Wiener Rokoko und zugleich auch Jürgen Roses silbrige Reminiszenz an das Nymphenburger Schloß Amalienburg, der zweite Akt im Hause der Faninals spielt in einer Art barocker Gemäldegalerie mit Petersburger Hängung, wo das teils bocksgehörnte Bacchanal-Personal aus Böcklin-Bildern heraussteigt. Zur Rosenüberreichung fährt eine silberne Styropor-Kutsche à la Märchen-Kini Ludwig II. herein und der Beisel-Akt spielt in einem 50er-Jahre Theater, wo vor zugezogenem Vorhang der übergriffige Ochs auf Lerchenau mit dem als Mariandl verkleideten Octavian speist, bevor der Vorhang aufreißt und der johlende Chor über Dummy-Publikum den Baron böse verhöhnt.


Den Rollen-Klischees rückt Kosky mit der gleichen Entschiedenheit zuleibe, wie Jurowski mit seiner famos aufgelegten Kammerbesetzung den lauernden Sentimentalitäten der Partitur: Sophie – die berückend mühelos singende, mit leuchtenden Höhen triumphierende Katharina Konradi – ist hier keine schüchterne Piepsmaus, sondern ein selbstbewusstes, geerdetes Geschöpf, Samantha Hankeys Octavian – mit hell timbrierten, beweglichen Mezzo – spielt gewitzt und ganz aktuell mit der fluiden Identität ihrer Hosen-Doppelrolle, die wunderbare Marlis Petersen – mit kernigem, schlank geführtem, gar nicht mütterlichem Sopran – erlaubt sich zwar melancholische Momente und leise Resignation, ist aber souverän in einer nüchternen Weise. Eine schillernde Charakterstudie, die auch deshalb derart luzide ausfällt, weil man jede Silbe versteht und Petersen höchst differenziert und liedhaft plastisch mit Hofmannsthals scharfzüngigem Text umgeht. Überhaupt ist die Textverständlichkeit insgesamt famos und rückt das sonst so oft in Klangmassen erstickende Werk in die Nähe eines gedankenschnellen Konversationsstücks. Ungemein glaubwürdig auch Christof Fischesser Ochs auf Lerchenau zwischen #MeToo-Schmierlappen und selbstzufriedenem Großkotz, mit öliger Spießer-Widerlichkeit und hektischem Übereifer stattet der großartige Johannes Martin Kränzle den aufstrebenden Faninal aus, auch das Intrigantenpaar Annina (Ursula Hesse von den Steinen) und Valzcacchi (Wolfgang Ablinger-Sperrhacke) ist fulminant. Vladimir Jurowski schlägt durchweg zügige Tempi an, vergisst aber auch das Schwelgen nicht und findet einen ganz neuen, kristallinen „Rosenkavalier“-Ton. Man darf gespannt sein, ob sich die Neuproduktion dann dereinst einmal unter „normalen“ Bedingungen mit Publikum und in originaler Orchester-Besetzung diesen Geist bewahrt.

Regine Müller

(Fotos: Wilfried Hösl)




20. — 26. März 2021

Am Puls der Zeit


Man trotzt der Absagenflut: „Wir werden da sein – und hoffen, dass auch Sie da sein werden!“. Heißt es auf der Seite von MaerzMusik. Während landauf, landab Festivals abgesagt und Premieren verschoben werden, findet das Festival für Zeitfragen, wie sich MaerzMusik selbst nennt, nach der kurzfristigen Absage 2020 in diesem Jahr wieder statt – mit einem Online-Programm vom 19. bis 28. März. Womöglich ist das für ein Festival, das sich das gemeinsame Nachdenken über unseren Umgang mit Zeit auf die Fahnen schreibt, auch nur konsequent. Das Programm präsentiert sich entsprechend vielfältig am Musikpuls der Zeit: In der Bühnenproduktion „Environment“ des Ensembles PHØNIX16 und des Orquesta Experimental de Instrumentos Nativos spiegeln sich Quarantäne-Erfahrungen. Zwei Porträtkonzerte widmen sich dem ägyptisch-amerikanischen Komponisten und Forscher Halim El-Dabh. Und das Ensemble Modern ermöglicht Einblicke in Afromodernismus. Außerdem stellt sich das Format „Thinking Together“ den großen diskursiven Fragen. Im Festivalstream sind täglich Uraufführungen zu sehen, zudem steht das Programm auch auf Abruf bereit. Ein Festivalpass kann mit Zahlung auf freiwilliger Basis erworben werden.

(Fotos im Slider v.l.n.r.: Jonathan Boudevin, Kiran Ridley (auch Bild der Woche), Martin Popeláo)




13. — 19. März 2021

Wie öffnen?


Bei zuletzt wieder steigenden Infektionszahlen steigt im Kulturbetrieb weiterhin der ohnehin allgegenwärtige Wunsch nach Öffnung. Doch welche Szenarien sind möglich, im April oder sogar noch im März? Die Resultate fallen unterschiedlich aus: Zunächst sagte das Musikfestival Heidelberger Frühling seinen Jubiläumsjahrgang 2021 mit knapp einhundert geplanten Veranstaltungen ausnahmslos ab. Man könne nicht länger warten, es fehle an Perspektiven und Planungssicherheit. In Bayern hingegen sollen Konzert- und Opernhäuser ab dem 22. März öffnen dürfen. Flexible Zuschauerobergrenzen sind dabei das Mittel der Wahl, die Inzidenz müsse mindestens 14 Tage unter 100 liegen, das Infektionsgeschehen stabil oder rückläufig sein. Währenddessen plant die Initiative „Aufstehen für die Kunst“ mit prominenten Unterstützern wie Christian Gerhaher und Anne-Sophie Mutter vor das Verfassungsgericht zu ziehen, um Grundsatzfragen in puncto Kunstfreiheit zu klären. In Berlin erprobt man derweil in einem Pilotprojekt den Konzertbesuch mit einem Corona-getestetem Publikum – so bei einem Sinfoniekonzert der Berliner Philharmoniker am 20. März. Es braucht unter anderem ein personalisiertes Ticket und einen tagesaktuellen negativen Testbescheid, wobei Konzertgäste in der Philharmonie kostenlos getestet werden können. Klingt nach einem Konzept. Das Konzert mit Musik von Pjotr Tschaikowski und Sergei Rachmaninow ist allerdings bereits ausverkauft, es wird zudem von Arte am 4. April um 17 Uhr ausgestrahlt. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters machte unterdessen Hoffnung auf einen Neustart. In einem von ihr mitentwickelten Eckpunkte-Papier des Umweltbundesamtes wird dargelegt, dass Kultureinrichtungen in der Pandemie unter bestimmten Gesichtspunkten geöffnet werden könnten. Es bleibt zu hoffen!

(Foto: Heribert Schindler)




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