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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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14. — 20. August 2021

Verrücktes Festival


Verrückte Zeiten, verrückte Festivals. Verrückt ist alles, was sich jenseits der Normalität bewegt, argumentiert das Lucerne Festival. Nun, da an Normalität lange kaum zu denken war und sich ersatzweise gar der Terminus einer „neuen Normalität“ ausgebildet hatte, scheint der Weg von der Corona-Pandemie zur Verrücktheit (tatsächlich ist dieses Virus ja auch zum Verrücktwerden!) nicht mehr weit. Ein schönes Motto ist es in jedem Fall für die Sommerausgabe des Lucerne-Festivals und sein vielfältiges Konzertprogramm. Das führt vom „geistig umnachteten“ Robert Schumann über die Zweite Wiener Schule bis hin zu Pierre Boulez und der Gegenwart. Doppeldeutig: Es geht um Werke, die ästhetische Maßstäbe verrückt haben. Noch bis zum 12. September können bis zu 1.000 Besucher im Luzerner Kultur- und Kongresszentrum KKL Konzerte erleben – ganz ohne die fast obligatorisch gewordene 3-G-Regel. Auch das ist verrückt. Es gelten aber Abstandsregeln und Maskenpflicht. Zu erleben waren mit dem Russian National Youth Symphony Orchestra und dem Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester zunächst Nachwuchsklangkörper. Zur Festivaleröffnung kommt dann das Lucerne Festival Orchestra unter der Leitung von Riccardo Chailly zu seinem ersten Auftritt, das sich in diesem Sommer ausführlich Schumann widmet. Zudem gastieren die Berliner Philharmoniker, das Royal Concertgebouworkest und das London Symphony Orchestra. Weitere Konstanten: Yuja Wang als „artiste étoile“ und Rebecca Saunders als Composer-in-Residence. Hier geht’s zum gesamten Festivalprogramm.

(Bild der Woche: Lucerne Festival/Manuela Jans, Fotos im Slider: Lucerne Festival/Priska Ketterer)




07. — 13. August 2021

Materialschlacht


Der Salzburger Festspiel-Intendant Markus Hinterhäuser verlässt sich seit seinem Amtsantritt 2017 für die wichtigsten Produktionen auf eine Handvoll Namen. Dazu zählt der Regisseur Romeo Castellucci, dem 2018 mit seiner ritualisierten „Salome“-Inszenierung ein Sensationserfolg glückte. Ebenso dabei: der heiß umstrittene Dirigent Teodor Currentzis, er ist in Salzburg seither für aufgeraute, gegen den Strich gebürstete Mozart-Interpretationen zuständig. So war der diesjährige „Don Giovanni“ schon vorab als Sensation angekündigt, denn das versprach die Begegnung eben dieser beider Künstler von Ausnahme-Rang.

Doch leider müssen sich in der Kunst wie im Leben zwei Alphatiere nicht unbedingt zum Ereignis addieren, denn sie können sich erstens auch im Weg stehen oder – was noch schlimmer ist – sich gegenseitig in ihren Allüren bestärken. Im Hang zu Grenzgängen sehr ähnlich, neigen sowohl Castellucci als auch Currentzis bekanntlich zu Übertreibungen und gewissen Manierismen. Das führt in Salzburg zu maßloser Bedeutungs-Überfütterung, prasselnder Materialschlacht und bisweilen auch zu schlichtem Kitsch.

Durch stumme Aktionen, gedehnte Tempi, musikalische Einschübe und eitel ausufernde Rezitativ-Improvisationen am Hammerklavier schwillt die Aufführung zudem auf sagenhafte vier Stunden und 15 Minuten an. Das Ganze geschieht hinter einem Gazevorhang, der garantiert keine Aerosole durchlässt, während das Publikum im voll besetzten Saal ohne Abstände sitzt.

Vor der Ouvertüre wird ein klassizistischer, blütenweißer Kirchenraum langwierig seiner christlichen Symbolik entledigt – erst tragen dienstbare Geister die Bänke, dann die Heiligen-Statuen, zuletzt das Kreuz hinaus. Aha! Die christlichen Konnotationen des Geschehens, das den Wüstling am Ende in die Hölle fahren lässt, werden damit außer Kraft gesetzt.

Dann kracht aus dem Schnürboden ein Sportwagen auf die Bühne, später ein Konzertflügel und ein Rollstuhl. Eine veritable Ziege läuft quer über die Bühne, beim Duett von Don Giovanni und Zerlina schwebt eine riesige Kutsche vom Bühnenhimmel, zu Leporellos Registerarie fährt ein Kopiergerät herein und scannt vor sich hin, bevor sich vom Schnürboden ein zweiter Kopierer lüstern nähert.

So geht es munter weiter mit der Material- und Symbol-Schlacht, unablässig gibt Castellucci neue Bilderrätsel auf und ordnet die Personen häufig in Form lebender Bilder. Nach der Pause wird dann das Element des Bewegungschors inflationär eingesetzt. Die Choreografin Cindy Van Acker bewegt einen stummen Frauenchor von 150 Salzburgerinnen, sie wallen in wehenden Gewändern über die Bühne, am Ende bildet eine Schar schwarzer Burka-Frauen den Friedhof, auf dem Don Giovanni dem Komtur begegnet, nach dieser Szene verdichten die schwarzen Frauen sich unter verzückten Schreien zu einem ekstatischen Gewusel.

So folgen auf durchaus starke Bilder Szenen, die eher an Wasserballett erinnern. Alles ächzt unter schwerster Bedeutungslast und über der Stapelei der Chiffren vergisst Castellucci seine Figuren, die er zwar heftig bewegt, aber nicht als plausible Charaktere beglaubigt. Mozarts Menschentheater, das von der Interaktion und vom hitzigen Tempo der Leidenschaften lebt, gerinnt in seinem plastischen Theaterverständnis zur Erstarrung. Man liest Bilder, statt Theater zu erleben.

Zumal Teodor Currentzis im Graben den Manierismus auf die Spitze treibt, permanent auf die Bremse tritt, das Ensemble jede Verzierung langwierig ausschmücken lässt und so den Fluss immer wieder unterbricht. Das hat durchaus seine Momente, oft aber wirkt es wie bloß ausgestellt und zelebriert. Daneben gibt es auch Phasen der Raserei, die Ouvertüre kracht mächtig herein, auch die Gastmahl-Szene gelingt in abgründiger Schwärze, seine Ensembles – der musicAeterna-Chor und das gleichnamige Orchester – sind ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Sie sind Currentzis ein perfektes Instrument, wie auch das SolistInnen-Ensemble: Nadezhda Pavlovas Donna Anna singt ihre ersten Arien fulminant, ihre letzte Arie dagegen zerfasert in artifizielle Piano-Kunststücke und seltsame Höhenexkursionen. Federica Lombardis Donna Elvira bleibt bodenständiger, ihr Sopran ist angenehm warm temperiert, Anna Lucia Richter singt eine kräftige, lyrisch angelegte Zerlina mit interessanten Untertönen, Michael Spyresʼ cremig timbrierter Tenor wagt atemberaubende Piani, muss seine erste Arie aber leider in Gesellschaft eines weißen Königspudels singen, der desinteressiert wirkt und dem Sänger die Wirkung raubt. David Steffensʼ Masetto klingt sonor und wendig, umwerfend mächtig und präsent ist Mika Karesʼ Komtur, Vito Priante ist ein agiler Leporello und Davide Lucianos strahlender Bariton kennt als Don Giovanni keine Höhenängste; er spielt den Wüstling als ganz heutige Figur, weder sympathisch noch unsympathisch. Am Schluss wälzt er sich splitternackt in weißer Farbe. Großer Jubel für einen Abend, der betäubt, aber kalt zurücklässt.

Regine Müller

(Fotos: Salzburger Festspiele/Ruth Walz)




31. Juli — 06. August 2021

Trauma statt Fluch


Nach dem wegen der Pandemie komplett abgesagten letzten Festspiel-Jahrgang geht in Bayreuth der Vorhang endlich wieder hoch für ein modifiziertes Programm. Statt der „Ring“-Neuinszenierung, die ins kommende Jahr verschoben wurde, gibt es eine konzertante „Walküre“ vor einer gigantischen Malaktion von Hermann Nitsch, im Festspielpark eine „Rheingold“-Fortschreibung von Gordon Kampe mit Puppenspiel von Nikolaus Habjahn, Jay Scheib inszeniert Siegfrieds Drachenkampf in virtual reality und Chiharu Shiota steuert eine Installation zur „Götterdämmerung“ bei. Und neben den üblichen Wiederaufnahmen, spielt man zur Eröffnungspremiere einen neuen „Holländer“, und zwar unter schärfsten, bayerisch ärgerlich überinterpretierten Pandemie-Regeln, vor halbiertem Publikum (exakt 911 Plätze) und wegen der Polit-Prominenz auch unter lächerlich aufgerüstetem, zur Schikane neigendem Polizei-Aufgebot.

Beschwerlich ist unter mehrfachen Taschenkontrollen der Weg zum Hügel herauf, viele Wege sind versperrt, dafür darf man sich nur in die penibel nach Sitzplatz kanalisierte Wege einreihen. Statt der üblichen Gastronomie stehen Food-Trucks mit abgekordelten Wegen (nur in eine Richtung, wehe, man will etwa zurück!) neben dem Haus und ausgelagerte Sanitärhäuschen. Es gilt obendrein FFP2-Maskenpflicht und die Karten sind natürlich personalisiert und taugen nur gegen kontrollierten 3-G-Nachweis zum Eintritt. Diese bizarre Hygiene-Hysterie – angesichts des Altersdurchschnitts dürfte das Publikum durchgeimpft sein – wird vollends ad absurdum geführt, als sich dann die Polit-Prominenz zeigt und die Gaffer sich unbehelligt dicht an dicht drängen, um der Noch-Kanzlerin freundlich zu applaudieren.

Dann aber geht es endlich los, das Schachbrettmuster fühlt sich sehr voll an, man kann sich gar nicht mehr vorstellen, wie das früher in dieser Enge war mit vollständig besetzten Plätzen? Die Spannung richtet sich vor allem auf ein historisches Debüt, denn mit der Ukrainerin Oksana Lyniv steht zum ersten Mal in der 145-jährigen Festspielgeschichte eine Frau im magischen Bayreuther Graben, der bekanntlich durch seine Besonderheiten wie dem Deckel und der Sitzordnung seine Tücken hat. Lyniv hat darüber hinaus mit den Pandemie-Regeln zu kämpfen, denn in Bayreuth gilt noch immer Chorgesang als hoch gefährlich. Deshalb ist der Chor, der im „Holländer“ eine tragende Rolle spielt, via Glasfaserkabel in Echtzeit aus dem Chorsaal zugeschaltet wird, wo die Sänger:innen einzeln in Plexiglas-Kabinen mit Kopfhörern sitzen.

Das bringt nicht nur atmosphärisch Probleme mit sich, denn die furiosen Sturm-Chöre und erst recht das stimmliche Gefecht zwischen Seefahrern und Geistern sind in diesem indirekten Setting kaum mit der erforderlichen Dramatik zu verzahnen. Außerdem fehlt die physische Präsenz des Chors auf der Bühne, die stattdessen nur von stummen Chorist:innen bevölkert ist, die quasi playback agieren. Kein Wunder also, dass es immer wieder mal klappert und in diesen zentralen Szenen eine echte Intensität und Dramatik nicht recht entstehen will. Neben diesen kaum steuerbaren und nicht von Oksana Lyniv zu verantwortbaren Problemen wirkt ihr Dirigat souverän und zupackend, das Dramatische liegt ihre keineswegs fern, aber daneben bemüht sie sich hörbar um eine schlanke, von der Spieloper inspirierte Interpretation, die rhetorisch und gestisch denkt und weniger auf Überwältigungseffekte setzt. Das gelingt stellenweise hervorragend, an anderen Stellen fehlen aber dank der widrigen Umstände einfach Wucht und Fallhöhe.

Das gilt leider insbesondere für die Regie von Dmitri Tcherniakov, der die Geschichte des verfluchten Untoten, der alle sieben Jahr an Land darf, um durch die bedingungslose Liebe einer Frau zum Sterben erlöst zu werden, umdeutet in die Geschichte eines traumatisierten Rächers.

Während der Ouvertüre erzählt Tcherniakov hinter dem Gazevorhang in stummen Bildern die Vorgeschichte seiner Deutung: Der Holländer ist noch ein kleiner Junge, als seine Mutter mit dem Seefahrer Daland ein Verhältnis eingeht. Als dieser sie sitzenlässt und sie von der Gesellschaft ausgegrenzt wird, erhängt sie sich und lässt ihren traumatisierten Sohn zurück. Der kehrt nun, man ahnt es schon, als Erwachsener in sein Heimatstädtchen zurück – Tcherniakov zeigt sterile Klinkerhäuschen, die an der englischen oder holländischen Küste stehen könnten – und macht sich an Dalands Tochter Senta heran. Daland lebt inzwischen mit Mary – eigentlich die Amme – zusammen, die Eheanbahnung zwischen Senta und dem Holländer kommt nicht recht in Gang und am Schluss ballert der Holländer wild in die Menge, seine Leute haben die Klinkerhäuschen angesteckt und Mary erschießt den Holländer. Neben einigen Ungereimtheiten dieser (Vor)-Geschichte ist die Grundidee der Traumatisierung durchaus plausibel und Tcherniakovs Idee könnte sogar aufgehen, würde er das Ganze nicht so steif und uninspiriert arrangieren und die Personenführung in Stereotypen ersticken. Senta, die mit Asmik Grigorian in jeder Hinsicht ideal besetzt ist, muss als rebellisch pubertierendes Töchterlein mit schlecht gefärbtem Haar im Hoody ständig fuchtelnd überagieren. Zudem ist sie sichtbar desinteressiert am Holländer, sondern will einfach nur raus aus der kleinbürgerlichen Enge. Beim großen Duett ist das Paar hier nicht allein, sondern sitzt im Mini-Wintergarten mit Daland und Mary beim 1960er-Jahre-Horror-Spießer-Mahl.

Streckenweise kommt tatsächlich Langeweile auf, technische und handwerkliche Pannen – der erste Pistolenschuss des Holländers platzt heraus, als er die Pistole noch in der Tasche hat – lassen den Abend zusätzlich holpern. Dass Tcherniakovs Lesart den Aspekt der Erlösung und überhaupt jede metaphysische Dimension ganz ausblendet, ist zwar nur logisch, verkleinert den „Holländer“ aber auf Krimi-Niveau.

Sängerisch aber hat der Abend durchaus Festspiel-Klasse: Das Ensemble wird überstrahlt von Asmik Grigorians durchschlagendem Sopran und ihrer souverän differenzierten Gestaltung, sonor fließend und mit klarer Diktion Georg Zeppenfelds Daland, John Lundgrens Holländer klingt massig, gelegentlich rau und etwas unbeteiligt, Eric Cutlers Erik ist kraftvoll tenoral und klingt fast übermotorisiert. Am Ende löst sich dann aber doch großer Jubel im Saal, es gibt sogar Getrampel, einige törichte Buhs für den unschuldigen Chor und gerechte für die Regie.

Regine Müller

(Bild der Woche: Bayreuth-Marketing-Tourismus-GmbH-Kratzer, Fotos Inszenierung: Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath)




24. — 30. Juli 2021

Mahler, magisch!


Toblach in Südtirol, auf Italienisch Dobbiaco, ist heute vor allem ein Reiseziel für Aktiv-Touristen. Häufig verbissen dreinschauende Mountain-Biker beherrschen die Straßen und Wege, Wanderlustige und Bergsteiger, im Winter herrscht Skitourismus. Der alte Ortskern hat sich längst krakenartig ausgebreitet in der üblichen Bauweise, die es pragmatisch allen recht machen will: den Sportlichen, den Familien, den Rentnern. So weit, so trist. Aber rund um diese touristisch zugerichtete Langeweile erhebt sich eine Landschaft, wie sie kaum grandioser sein könnte. Toblach liegt in der Region der Drei Zinnen und fungiert sozusagen als Tor in die Dolomiten, ein verschwiegener See ist nach einer halben Stunde Fußmarsch zu erreichen. Und vor dem alten Ortskern thront nahe an dem kleinen Bahnhof das alte Grand Hotel, das von den Zeiten des gediegenen Reisens erzählt, als man nicht in Urlaub, sondern in die Sommerfrische fuhr und der Hotelaufenthalt ein gesellschaftliches Ereignis war.

Heute ist der Komplex des Grand Hotels ein Kulturzentrum mit Gästehaus, Spiegel- und Konzertsaal und der Schauplatz der Gustav Mahler Musikwochen, die in diesem Jahr ihren 40. Geburtstag feiern.

Denn auch Gustav Mahler verbrachte seine Sommerfrischen in Toblach, allerdings nicht im Grand Hotel, das er mied, weil dort die Wiener Gesellschaft residierte, sondern auf einem Hof im Ortsteil Altschluderbach. Von 1908 bis 1910 war Mahler im Sommer in Toblach. Dort in einem eigens gebauten, einsam gelegenen Komponierhäuschen schrieb er seine letzten drei Orchesterwerke, „Das Lied von der Erde“, die 9. und das Fragment der 10. Sinfonie. Seit 1999 finden die Mahler-Musikwochen im Kulturzentrum im Grand Hotel statt, in dem sich ein neu gebauter Konzertsaal mit exzellenter Akustik befindet. Das Festival bietet Orchester- und Kammerkonzerte, Ausstellungen und Fach-Vorträge über Mahlers Werk.

Am zweiten Festival-Tag läuft im Spiegelsaal des Kulturzentrums für geladene Gäste der Dokumentarfilm „40 Jahre Gustav Mahler Musikwochen“ von Stefan Nicolini, der im August im TV-Sender RAI Südtirol ausgestrahlt werden wird. Nach Ausblicken in die atemberaubende Toblacher Dolomitenlandschaft kommt in dem Film Marina Mahler zu Wort, Gustav Mahlers Enkelin, die im italienischen Spoleto lebt: „Ich denke, mein Großvater hat immer nach dem gesucht, was er brauchte. Einen Ort, eingebettet in der Natur, der ihn inspiriert. Weit weg vom Lärm der großen Städte. Alle Komponierhäuschen, die er bauen ließ, waren zwar unterschiedlich in ihrer Art, hatten aber eine Gemeinsamkeit: die Ruhe, die Einsamkeit, das Wasser. Er hat dieses Gefühl von Freiheit des Geistes gepriesen, um arbeiten zu können. Deshalb hat er Toblach ausgewählt, denn Toblach hat außergewöhnliche Berge.“

Seit der ersten Ausgabe der Musikwochen im Jahr 1981 ist Josef Lanz dabei, zunächst als Gast. Zu Toblach hat er aber eine besondere Beziehung, denn er wurde in Aufkirchen bei Toblach geboren, direkt vis-à-vis von Mahlers Komponierhäuschen. Im Sommer trafen Lanzʼ Vorfahren Mahler regelmäßig bei seinen einsamen Wanderungen am frühen Morgen. Der studierte Musikwissenschaftler ist seit 1994 der künstlerische Leiter des Festivals und hat programmatisch ein paar neue Akzente gesetzt: „Mehr lokale Künstler und auch vor allem: Mahler und Jazz! Ich habe Uri Caine nach Toblach geholt, das hat damals schwer für Furore gesorgt. Mit unserem kleinen Budget hat es sich so konsolidiert, dass wir maximal zwei Sinfonien, dann a bissel Uraufführungen von lokalen Komponisten und viel gute Kammermusik spielen.“

Insgesamt ist das Programm unkonventionell gestaltet, auch die Neue Musik kommt ausgiebig vor. Wie etwa am zweiten Konzertabend beim Auftritt des superben Ensembles Klangforum Wien mit einer Uraufführung des Südtiroler Komponisten Simon Öggl.

Sybille Werner ist Dirigentin und Mahler-Forscherin, sie wird das Abschlusskonzert des Festivals dirigieren. Sie lebte und arbeitete lange Jahre in den USA, wo sie ihre Mahler-Initial-Zündung erlebte. „Das war in Los Angeles mit Zubin Mehta. Die Erste hat mich schon beeindruckt, und dann die Dritte, der letzte Satz! Sowas hatte ich noch nie erlebt, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Das war mein Mahler-Moment. Also Mahler ergreift einen irgendwie entweder gleich oder gar nicht.“

Es ist aber vor allem die grandiose Natur, die für Sybille Werner Toblach zu einem magischen Ort macht: „Für mich ist es der ganze Ort und der Blick in die Dolomiten. Man nennt das ja hier das Tor zu den Dolomiten, und wenn man dann hier steht am Toblacher See und schaut so auf die Berge, die dann in die Dolomiten reingehen, oder auch, wenn man auf den Wegen Mahlers wandert – das ist schon einmalig.“

Beim Konzert mit dem Klangforum Wien gibt es natürlich nicht nur Neutöner, sondern auch Mahler. „Der Abschied“ aus dem „Lied von der Erde“ erklingt hier – Pandemie-konform – in der Kammerfassung von Reinbert de Leeuw. Im Saal sitzt eine erfreulich bunte Mischung aus Alt und Jung. Josef Lanz erzählt, dass sich das Publikum gewandelt hat: „Es war viele, viele Jahre ein Stammpublikum, aber es kommt jetzt ein anderes Publikum dazu. Wir haben doch auch junge Leute jetzt, auch im Komitee haben wir junge Leute. Das funktioniert sehr gut. Ich glaube schon, dass Mahler eine Sprache hat, die die Jugend anspricht. Diese Zerrissenheit, die Sehnsucht, auch die Liebe. Es ist eigentlich alles drin, was einen jungen Menschen interessieren kann.“

Es hat schon einen besonderen Charme, in der direkten Nachbarschaft dieser imposanten Landschaft Mahlers Musik im intimen Konzertsaal des ehrwürdigen Grand Hotels und in exquisiten Besetzungen zu erleben und danach den Sonnenuntergang in der grandiosen Bergkulisse zu bestaunen, von der Mahler zu Bruno Walter gesagt haben soll, er habe das alles schon wegkomponiert. Man spürt, dass Mahler hier einfach anders klingt. Das bestätigt Josef Lanz: „Wenn ich in Toblach Mahler höre, das ist für mich etwas ganz anderes, als wenn ich es irgendwo anders höre, in einem neutralen Konzertsaal.“

Regine Müller

(Bild der Woche: M. Schoenegger, Fotos im Slider: Max Verdoes)




17. — 23. Juli 2021

Neueste Lieder


Für einen Abstecher in das unterfränkische Bad Kissingen gibt es mindestens zwei gute Gründe: Der erste hat mit dem Status als nachweislich bekanntester deutscher Kurort zu tun – mit Grand Hotels, Wasserspielen und allerlei dem Seelenwohl Dienlichem, der zweite mit dem Kissinger Sommer im Allgemeinen und dessen Liederwerkstatt im Besonderen. Neben reichlich Klassikprominenz, die zum Festivalbesuch im holzvertäfelten Max-Littmann-Saal zu Gast ist, einem der schönsten und bestklingenden Konzertsäle Deutschlands, lädt ein paar Meter weiter im Rossini-Saal – auch der italienische Komponist weilte hier einst zum Kurbesuch – seit Jahren die Liederwerkstatt mit Programmen am Puls der Zeit. In diesem Jahr waren fünf Uraufführungen zu hören: von Manfred Trojahn, Alexandra Filonenko, José María Sánchez-Verdú, Ann Cleare und Steffen Schleiermacher. Als roter Faden diente Ludwig van Beethoven und seinem Verhältnis zur Natur. Mit den Liederwerkstatt-Urgesteinen Axel Bauni, der die kunstvollen komponierten Programme verantwortet, und Jan Philip Schulze am Klavier sowie den jungen Sängern Sarah Aristidou, Ekaterina Chayka-Rubinstein und Julian Freibott wurden aufgeschlossene Hörer hier kundig auf den aktuellen Stand zeitgenössischer Liedkunst gebracht. Keine Kur, aber für das musikalische Wohlbefinden dennoch nur zu empfehlen.

(Fotos: Julia Milberger)




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Im Mondschatten: Während Neil Armstrong und Buzz Aldrin den Mond erkundeten, verbrachte Michael Collins, der dritte Astronaut im Bunde, pro Umrundung je 46:38 Minuten allein im Funkschatten des Erdtrabanten. Exakt so lang dauert auch dieses Album des Jazzpianisten Michael Wollny, der Parallelen zieht zwischen jenen historischen Ereignissen aus dem Jahr 1969 und der Corona-Pandemie. Die Einsamkeit ist hier der Konnex. So nahm Wollny, als die Welt aus den Fugen geriet, in Pandemie-bedingter, […] mehr


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