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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



Startseite · Konzert · Café Imperial

(c) SF/Bernd Uhlig

Café Imperial

Unser Stammgast im Wiener Musiker-Wohnzimmer

Zum 100. Geburtstag der Salzburger Festspiele macht selbst Corona eine Ausnahme. „Elektra“ von Richard Strauss hat keine Pause, also wird bei voller Orchesterbesetzung in der Felsenreitschule durchgespielt. Die litauische Sopranistin Aušrinė Stundytė ist eine bubenhaft süße Titelheldin. Ihre nie spitze Stimme (die Töne manchmal zu sehr von oben angesetzt) bekommt der Atridentochter gut; allerdings kam Stundytė an den Erfolg von Asmik Grigorian als Salome letzthin nicht heran (diese singt hier eine mädchenhaft leichte Chrysothemis). Tanja Ariane Baumgartner als Klytämnestra ist eine Spur zu harmlos und lady next door. Die Inszenierungen von Krzysztof Warlikowski – auch diese mit verschiebbarer Blackbox – sind mehr Installation als Regietheater, das allerdings bei exzellent psychologischer Personenführung (die sich im Video besser erschließt als vor Ort). Franz Welser-Möst dirigiert weich und vollfleischig, dabei fruchtig transparent. Nehmen wir an, die Aufführung sei gesundheitspolitisch zu rechtfertigen. Künstlerisch jedenfalls gibt’s … nichts zu mäkeln. Im Café Imperial, dem Abstandshalter unter den Wiener Musikcafés, denken wir heute über alle Gräben hinweg. „Im Kaffeehaus sitzen Leute, die alleine sein wollen, aber dazu Gesellschaft brauchen“, diesen berühmten Satz schrieb Alfred Polgar. Auf Lücke eben. Kunst, keine Frage, braucht Distanz. Die Sängerin Christa Ludwig, im Parkett des Salzburger Festspielhauses angetroffen, antwortete auf die Frage, warum sie in der Pause auf ihrem Platz sitzen bleibt: „Ich käme keine drei Meter weit.“ Künstler dürfen nicht zu ansprechbar sein. Was zu Missverständnissen führt. Als die Burgtheater-Legende Raoul Aslan einmal direkt auf dem Neben-Sitz entdeckt wurde, versank der Platznachbar vor Bewunderung. „Herr Burgschauspieler! Sind Sie’s?!“ Aslan sackte tiefer. „I verehr’ Sie so, schon seit Jahrzehnten …“ So ging das noch eine Weile weiter, bis es dem Fan selber mulmig wurde und er den Mimen fragte, ob ihm nicht wohl sei? Darauf entrangen sich Aslan zwei, nurmehr gestöhnte Worte: „Mehr! Mehr!!“ – Was hat das mit uns zu tun? In der ersten Spielzeit von Staatsopern-Direktor Bogdan Roščić werden viele Übernahmen als Premieren ausgegeben. Die neue „Madame Butterfly“ schuf der vor 12 Jahren verstorbene Anthony Minghella (ab 7.9., mit Asmik Grigorian). Hans Neuenfels’ „Entführung aus dem Serail“ entstand vor 22 Jahren in Stuttgart (ab 12.10., mit Lisette Oropesa). Wir sagen: Mehr! Mehr!! – Wo das erste Opernhaus derart niedrig stapelt, hat es das zweite, das auf Distanz gehaltene Theater an der Wien, umso leichter. Mit Ruggero Leoncavallos (vor einigen Jahren schön auf CD aufgenommener) „Zazà“ inszeniert Christof Loy eine irrwitzige Verismo-Rarität (gut besetzt mit Svetlana Aksenova, ab 16.9.). Folgt „Porgy and Bess“ (mit Nicole Cabell, ab 14.10.). Die Volksoper prunkt innerhalb ihrer gern unterschätzten Musical-Strecke mit „Sweet Charity“ (daraus stammt „Big spender“, ab 13.9.). Wir ahnen: Die abgeschlagenen Zweiten werden die Ersten sein. – Auch der Musikverein, anders als man beim Platzhirsch erwartet, hat außer den Wiener Philharmonikern wenig zu bieten (diese unter Herbert Blomstedt, 1., 3. bis 5.10.). Sowie Cecilia Bartoli als Farinelli (4.10.). Umso einfacher, auch hier, hat es das nachrangige Wiener Konzerthaus. Was gibt es da nicht alles?! Von Elisabeth Leonskaja (14.9.) und Anne-Sophie Mutter (17.9.) bis zu Piotr Beczała (29.9.) und dem Antrittskonzert von Andrés Orozco-Estrada (10.10.). Genau darin – im qualitativen Abstandhalten – erscheinen die Wiener Hygiene- und Distanz-Bräuche geradezu bestechend. Ober, zahlen!

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 4 / 2020



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