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N° 1291
04. - 10.02.2023

nächste Aktualisierung
am 11.02.2023



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Das Stadttheater (c) pixabay.com

Musikstadt

Košice

Die ostslowakische Metropole Košice überrascht mit dem östlichsten gotischen Dom und einem der schönsten Opernhäuser Europas.

Ja, es stimmt schon, ein wenig liegt man hier hinter den sieben Bergen. Aber im unbedingt besuchenswerten ostslowakischen Košice, 20 Kilometer von der ungarischen, 80 von der ukrainischen und 90 Kilometer von der polnischen Grenze weg, warten keine sieben Zwerge. Auch wenn die 239.000-Einwohner-Stadt, die zweitgrößte nach der Hauptstadt Bratislava des seit 1993 wieder unabhängigen Landes, in den letzten Monaten Schlagzeilen gemacht hatte, weil hier viele Menschen aus der Ukraine vor Vladimir Putins ungerechtfertigtem Angriffskrieg Zuflucht gesucht haben und freundlich aufgenommen wurden, hier gibt es auch sehr viel europäisches Kulturerbe zu sehen.
Über Wien kann man auch schnell direkt hinfliegen. Auch wenn heute die Slowaken in dem lieblich grünen Tal mit den Ausläufern des Slowakischen Erzgebirges, nicht weit weg vom Hochgebirge der Tatra (das man sich mit Polen teilt), die Bevölkerungsmehrheit stellen, hier leben und lebten auch Ungarn, Deutsche und Roma. Und deshalb hieß dieser seit der Jungbronzezeit besiedelte Ort am Fluss Hornád auf Deutsch Kaschau, auf Ungarisch Kassa, und in Romani Kascha.
Über Jahrhunderte war Kaschau eine der bedeutendsten und größten Städte des Königreichs Ungarn. Durch seine Lage an einem Handelsweg nach Polen und verschiedene Privilegien blühte der Handel, und die Bedeutung wuchs. 1369 erhielt die Stadt von König Ludwig dem Großen ihr Stadtwappen. Dabei handelte es sich um die erste landesfürstliche Verleihung eines Wappens an eine juristische Person in Europa.
Im 17. Jahrhundert wechselte Kaschau mehrmals seine Zugehörigkeit, vom habsburgisch kontrollierten „Königlichen Ungarn“ zum Fürstentum Siebenbürgen, und war Residenz des hier geborenen Widerständlers Franz II. Rákóczi sowie de facto Hauptstadt Oberungarns, damals die Bezeichnung für die heutige Ostslowakei und Teile des heutigen Nordostungarns. 1657 wurde hier im Zuge der Gegenreformation von Jesuiten die bis 1921 bestehende Universität gegründet. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts schwand die Bedeutung, die reiche mittelalterliche Stadt entwickelte sich in der Folge zu einer landwirtschaftlich geprägten Provinzstadt.
Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde in Kaschau am 11. Dezember 1918 die durch Ungarn unterstützte Ostslowakische Republik ausgerufen. im Sommer 1919 war es kurze Zeit Sitz der Slowakischen Räterepublik, eines ungarischen Marionettenstaats. Die tschechoslowakische Herrschaft wurde durch den Vertrag von Trianon bestätigt. Nach dem Ersten Wiener Schiedsspruch gehörte Kaschau von 1938 bis 1945 wiederum zu Ungarn.
1945 wurde die Stadt von der Roten Armee erobert und fungierte bis zur Befreiung Prags als provisorische Hauptstadt der Tschechoslowakei. Unter der Herrschaft der Kommunistischen Partei begann eine massive Industrialisierung der Stadt, durch den massenhaften Bau von Wohnplattenbauten wuchs die Stadt schnell und war bis 1993 fünftgrößte der Tschechoslowakei. 2013 war Košice Europäische Kulturhauptstadt.

Eines der schönsten Theater Europas

Und das zu Recht. Neben diversen Museen gibt es auch einige Theater in Košice. Das 1899 von dem Siebenbürger Architekten Adolf Láng erbaute Staatstheater Košice (Štátne divadlo Košice) wurde im Jahr 1945 neu gegründet, und vereint Drama, Oper und Ballett. Die Oper, als eine von drei Musikbühnen der Slowakei (neben Bratislava und Banská Bystrica) wird auch international wahrgenommen. Nicht nur weil hier die slowakische Nachtigall Edita Gruberová im Herbst 2020 ihren endgültigen Bühnenabschied in der Heimat nehmen wollte – was leider Corona verhinderte.
Unlängst kam eine schmissige Neuinszenierung der Emmerich-Kálmán-Rarität „Die Herzogin von Chicago“ heraus, die sogar dessen in Mexiko lebende Tochter Yvonne gleich zweimal mit ihrem Besuch veredelte. Man gönnte sich sogar kürzlich einen Akt „Tristan“ mit dem Orchester auf der Bühne, denn eine Wagnerbesetzung passt kaum in den Graben des goldverziert schnuckeligen Hauses mit der großen Kuppel, eines der schönsten, wohlsanierten Theater Europas.
Operndirektor Roland Khern Tóth hat für die aktuelle Saison nach einer Peter-Dvorský-Gala zu dessen nachgeholtem 70. Geburtstag vier Premieren vorbereitet – Szymanowskis „König Roger“, Mozarts „Die Zauberflöte”, Kálmáns „Die Csárdásfürstin“ und Donizettis „Anna Bolena“ –; es gibt zudem zwei Ballette und fünfmal Schauspiel zu sehen.
Andere Theater sind das Marionettentheater (Bábkové divadlo) und das Altstadt-Theater (Staromestské divadlo). Für die ungarischen Roma-Minderheiten haben auch das ungarische Thália und das erste professionell betriebene Romatheater (Theater Romathan) hier ihren Sitz. Von überregionaler Bedeutung ist auch die 1968 gegründete Staatliche Slowakische Philharmonie Košice im Haus der Künste (der ehemaligen Synagoge). Konzertreisen haben das Orchester in viele Länder der Welt geführt, man hat zudem viele Raritäten für CD aufgenommen. Chefdirigent ist seit 2021 Robert Jindra.
Gegenüber dem stadtbilddominierenden Theater auf dem von schönen, alten Häuser umsäumten Hauptplatz sprudelt melodisch und farbenbunt der Musikbrunnen. Dahinter erhebt sich der östlichste gotische Dom Europas, der Ungarns Schutzpatronin, der Heiligen Elisabeth geweiht ist. Drinnen wurden 1906 die sterblichen Überreste des Freiheitskämpfers Franz II. Rákóczi beigesetzt, es findet sich aber auch eine historische gewundene Doppelwendeltreppe. 2013 wurden die alten Kasernen zum neuen Kulturzentrum umgebaut. Im Mai 2015 zogen ebenfalls in die ehemalige Tabakfabrik die schönen Künste ein.

Weitere Informationen:
www.sdke.sk/en

Matthias Siehler, 29.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



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