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Andris Nelsons (c) Gert Mothes

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Keiner kennt mehr Henri Rabaud (1873 – 1949). Hörenswert ist freilich seine durchkomponierte Opéra comique „Mârouf, Savetier de Caire“ von 1914. Dieser ägyptische Schuster, der im Orient sein Liebes- und Lebensglück macht, stammt motivisch aus den Geschichten von 1001 Nacht, musikalisch aber mischt sich doch Spätwagnerismus mit Impressionismus, Exotismus mit einem guten Schuss Operette. Marc Minkowski hat das begeisternd an der Pariser Opéra Comique dirigiert, Jérôme Deschamps mit feinem Witz inszeniert.
Es beginnt mit einem schluchzend morgenländischen Oboenmelisma, dann klagt der sympathische Schuster Marouf (Riesenrolle für den unermüdlichen Jean-Sébastien Bou) über sein schlimmes Schicksal: Er ist mit einem zänkischen Weib verheiratet. Mârouf flieht und bekommt am Ende sogar die Tochter des örtlichen Sultans zur Frau – weil der pleite ist und Mârouf sich als reicher Kaufmann ausgibt. Alles löst sich in Wohlgefallen auf, und die liebreizende, als Pfirsichblüte entschleierte Sultanstochter (Vannina Santoni) ist eine dem nicht mehr mittellosen Mârouf zugetane Gefährtin.
Wir schauten mal wieder in der Hamburger Elbphilharmonie vorbei. Ein einziger Abend brachte dort das Leipziger Gewandhausorchester in seinem 275. Existenzjahr zusammen mit seinem frisch angetretenen 21. Gewandhauskapellmeister Andris Nelsons auf erster gemeinsamer Tournee in den neuen Saal – für beide das Debüt.
Man spürte ein seit 2011 gestärktes Band gemeinsamen Arbeitens, ein ruhiges Miteinander, durchaus risikobereit. Etwa wenn sich das Orchester bei Mozart so verstörend anders anhört als unter Nelsons Vorgänger Riccardo Chailly. Die große g-Moll-Sinfonie wurde mit samtwattierten Bögen, langsamen Tempi, abgefederten Kontrasten gegen den Strich gebürstet. Ganz stark war aber sofort das Urvertrauen in den nicht unumstrittenen Saal. Ein wirklich gutes Orchester, das selbst eine klanglich günstige Heimstätte hat, passt sich eben osmotisch den Umständen an.
Tschaikowskis „Pathétique“ wurde von Nelsons als beklemmende Bekenntnismusik gegeben, ohne zerberstende Innenspannung, den langgezogenen Melodien nachhorchend, in größtmöglicher Freiheit. So atmete diese oft malträtierte Musik Melancholie, nicht Larmoyanz, duftig zarte Allegro-con-grazia-Erinnerung, gerann zum nie krachigen, immer dichter werdenden Marsch. Atemraubend ehrlich.
Wir bleiben bei Riccardo Chailly: Eben gab es an der Mailänder Scala eine Neuproduktion, die Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ luxuriös ernst nahm. Am Pult stand Musikchef Chailly höchstselbst. Die blühenden, verplappert keckernden, aber eben auch melancholischen Melodien lassen das farbenreiche, knusprig, auch zärtlich aufspielende Orchester mit höchster Präzision agieren. Hier wird ein Sorbetto serviert, doch verharren die Personen reflektionshaft lyrisch nachsinnend über ihr nicht immer rechtes Betrügertum.
Ähnlich geht Regisseur Davide Livermore vor. Der sucht nach einem Grund, warum der alte Pasquale so vom Leben enttäuscht ist. Schuld ist die überdominante, sonst nicht auf der Besetzungsliste stehende Mama. Als Rückblende zeigt sich, wie dieser bis ans Opernende im Porträt präsente, filmisch höchstagile Mutterdrachen selbstsüchtig den Sohn demütigte. Seine römische Villa trägt schwer an der Tradition und ist längst baufällig. Dorthinein weht der Wind der Jugend und des italienischen Kinos der Fünfzigerjahre, das Livermore wonniglich zitiert. Sopranglitzernd ist die Norina Rosa Feolas. Ambrogio Maestris Pasquale schlägt nachdenklicher prachtbaritonale Töne an. René Barberas Ernesto verfügt über allerhöchste Tenorino-Nuancen. Doktor Malatesta (Mattia Olivieri) könnte man sich prägnanter vorstellen. Doch man merkt: Dieser „Pasquale“ wird psychologisch ernst genommen und soll trotzdem lachen oder zumindest lächeln lassen.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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