Ein weiterer Schub von 20 Opern-Gesamtaufnahmen aus der alten Fonit-Cetra-Serie, neu aufgelegt und, so gut und recht es ging, digital aufpoliert bei Warner Fonit. (Fonit-Cetra hatte nie den Ehrgeiz, Ruhmesblätter der Aufnahmetechnik in die Welt zu streuen.). Die Informationsbeilagen sind auf ein spartanisches Minimum abgespeckt: Besetzung, Tracks, Aufnahmejahr, Spieldauer. Aber mehr hat der Kenner eh nicht nötig. Jetzt also: Verdi (8 mal), Donizetti (4), Bellini ( 2), Puccini ( 2), dazu Spontini, Boito, Giordano und Mascagni. Der Gedanke an Teambildung beherrschte die Reihe, die Sänger/Innen Pagliughi (4), Mancini (4), Tagliavini ( 7) und Taddei ( 4) behaupten auch diesmal das Feld: Tagliavini wie immer betörend mit Stil, Legato und Voix mixte, Taddei mit der glücklichen Balance von Charakterisierung und schöner Stimme, Mancini ermüdend mit ihrem - zudem inakkuraten - vokalen Dauer-Powerplay, Pagliughi (schon 1927 Gilda komplett) auch noch 1954 eine Lehrmeisterin par excellence, ganz zu schweigen von ihren früher entstandenen Aufnahmen (hier: Lucia, Amina, Regimentstochter). Auch die Dirigenten sammeln sich um einen stabilen Kern, gebildet von Previtali und Questa (je 4), jeder auf seine Weise zuverlässig-kompetent. Niemand würde von ihnen das Furioso eines Toscanini oder die charismatische Agogik eines de Sabata erwarten. Auch nicht von den unanfechtbaren Maestri Gui, Capuana und Rossi, die jeder zweimal am Pult erscheinen. Besonderheiten: Mascagni höchstpersönlich leitet, wie früher schon seine "Cavalleria", so 1942 seinen "Amico Fritz": mit liebenswürdiger Gelassenheit und, wo Brio gefordert ist, ohne Hektik; mit von der Partie in dieser Aufnahme: das Ehepaar Tassinari - Tagliavini, ein gutes Match. Eine andere Auffälligkeit leistet sich - paradox genug- Dirigent Basile ("Tosca" und "Chenier"), der die von ihm betreuten Partituren zur Schlafdroge erklärt.
Andere Höhepunkte der Serie: Pasero als Oroveso, 1937 in "Norma" (neben Stignani at her best und der eigentlich berühmten hochdramatischen Cigna in einer harsch zurechtgehauenen Titelpartie). Der metallisch-flexible Penno als Ernani (1950), Bruscantini (Sulpizio 1950, Pasquale 1952), der der Komik zu vollem Recht verhilft, ohne den Wohlklang zu verzerren, Valletti als einer der seltenen feinfühligen Ausnahme-Tenöre (Tonio 1950, Ernesto 1952), die anrührende Petrella als Butterfly (1951). Hier und da im Einzelfall auch ein Weltstar, mit dem ansonsten nicht der öffentlich-rechtliche Kulturauftrag der RAI Glanz und Glorie zu teilen pflegte, sondern die kommerziellen Big Labels: Maria Callas als Traviata (1953), Simionato als Amneris (1951), der gelernte Bariton Bergonzi erstmals auf Schallplatte als Tenor, 1951 als Adorno in "Simon Boccanegra". Last not least Slepi, 1952 als Rodolfo in "La Sonnambula".
Zwiespältig: Guichandut als zum Heldentenor hochgetriebener ehemaliger Bass (!) folgt in "Otello" der Spur des größeren Vorbildes Ramón Vinay - für ihn ein gefährliches Unternehmen. Der imponierende Stimmbulle Tagliabue (Luna, Alfonso in "La Favorita") lässt auf der Zielgeraden seiner Karriere die Frage dringlicher werden, ob er jemals auch der feineren Töne mächtig war. Der massive Schmettertenor Filippeschi (Radames) scheitert kläglich bei gelegentlichen Versuchen, etwas anderes als Fortissimi zu stemmen. Und Lauri Volpi als Manrico exhibiert mit den - immer noch eindrucksvollen - Resten seiner Stimmkapazität unbedenklich den Abglanz einstiger Größe.
Es entspräche nicht dem Sinn dieser aufs Enzyklopädische zielenden Dokumentation einer halb noch im Erinnern gesicherten, halb schon vergessenen Opernkultur, eine Lieblingsaufnahme zu nennen - so stark die Neigung zu "Rigoletto" von 1954 tendiert. Aber es ist in diesem Panorama phonographischer Wahrzeichen die Verteilung von Licht und Schatten, die das komplette und vergleichende Hören so spannend macht.

Karl Dietrich Gräwe, 19.03.2005



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es generierte durchaus Schlagzeilen, als der Musikwissenschaftler Timo Juoko Herrmann vor gut vier Jahren eine bisher unentdeckte, womöglich gemeinschaftlich entstandene Komposition von Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Salieri und einem gewissen Cornetti im Prager Nationalmuseum wiederentdeckte – es handelte sich um die Kantate zur Genesung der Sängerin Nancy Storace „Per la ricuperata salute di Ofelia“ KV 477a auf ein Libretto von Lorenzo da Ponte. Dass sie ausgerechnet Timo Juoko […] mehr »


Top