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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

nächste Aktualisierung
am 02.07.2022



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Nachträge zum Karajan-Jahr

Aufkommendes Karajan-Chaos

»Hauptsache ist die Schönheit.« Konziser als Karajan selbst es auf einer Probe im Herbst 1962 in der Berliner Jesus-Christus-Kirche tat, kann man das Credo dieses Dirigenten kaum zusammenfassen. Schönheit, das war für Karajan eine fest umrissene Größe, zu der vor allem Gesanglichkeit, Legato und Klangfülle zählten. Auf dem jetzt erstmals bei DG zugänglichen Probenmitschnitt, auf dem Karajan diese Worte sagt, erfährt man auch, dass man wenig erfahren kann über die Zutaten zum Genie: »Düdadidadüdadumm« ist das meiste, was Karajan zur Erläuterung seiner Kunst den Musikern mitzuteilen weiß. So zottelig-unsystematisch wie die Beiträge zum 100. Geburtstag Karajans bleibt so nicht nur jeder Erklärungsversuch, sondern auch die im Anschluss an Karajans Jubeltag im April nachgereichte CD-Ausbeute. Mit einigen Glanzlichtern.
Viel gelobt wurde bereits das Dokument jenes Zusammentreffens Karajans mit Glenn Gould bei den Berliner Philharmonikern im Jahr 1957. Flexibilität und entspannte Sanglichkeit des Karajanfans Gould sind bestrickend. Auch zeigt Sibelius’ Fünfte mit einem noch furtwängleresk dunklen Philharmonikerklang, dass Karajan das Erbe seines Erzkontrahenten keineswegs rasch verschleuderte, sondern es sich langsam zu eigen gemacht hat. (Ein Jammer, dass die live vorangegangene »Mathis der Maler«-Sinfonie aus dem RBB-Archiv verschwunden ist.) Lobenswerterweise hat auch die BBC die beiden späten Gastspiele Karajans 1985 und 1988 in der Royal Festival Hall dokumentiert. Zwar bergen das leicht tönerne »Heldenleben« und die entkernt wirkende Vierte von Beethoven und Erste von Brahms kaum neue musikalische Erkenntnisse. Als Dokumente eines körperlich angeschlagenen Genies aber bleiben sie höchst sammelnswert.
Ein Juwel auch die Erstveröffentlichung des Klavierkonzertes Nr. 20 von Mozart am 21. Januar 1956 (aus dem Zehlendorfer Gemeindehaus) mit dem inspiriert entwickelnden Wilhelm Kempff – die wohl einzige Aufnahme mit dem Pianisten, den Karajan nur zwei Mal traf. Dagegen mutet es wie anachronistische Rechthaberei an, dass Labels wie Orfeo und Audite neuerdings Opern- und Konzertmitschnitte wiederveröffentlichen, die längst in billigeren (wenn auch unautorisierten Mitschnitten) greifbar waren. Wenig überraschend, wenn auch technisch verbessert wirken so die Zweit- und Dritt-Reissues von Karajans Salzburgdebüt mit Verdis »Requiem« (mit Hilde Zadek, Klose, Rosvaenge und Christoff 1949, sowohl bei Audite wie Orfeo), ebenso der Live-»Falstaff« (mit Gobbi und Simionato 1957, früher schon bei Walhall). Neu immerhin der (ungekürzte) Live-»Fidelio« mit Christel Goltz und Waldemar Kmentt (Salzburg 1957), Beethovens Neunte mit Elisabeth Grümmer (Berlin 1957) und das Verdirequiem der Wiener Symphoniker (mit Antonietta Stella, Wien 1954). Weil die Rechte an diesen Aufnahmen sämtlich frei sind, wirft hier die Überfülle künftiger Wiederwiederveröffentlichungen ihre Schatten voraus. Karajans Hundertster markiert den Beginn einer chaotischen Unübersichtlichkeit.
Noch eine rühmliche Ausnahme: Die Edition der »Salzburger Orchesterkonzerte 1957« (bei Orfeo) – mit Trouvaillen wie dem Klavierkonzert op. 20 von Gottfried von Einem (Solist: Géza Anda), Theodor Bergers »Sinfonia parabolica« und Honeggers Dritter (live). Werke, die bisher unter Karajan unbekannt waren. Mit Sammelboxen und »Karajansärgen« schließlich lässt sich billig Ordnung schaffen. Wer die »Karajan Symphony Edition« (38 CDs, DG) wählt, kann vieles Frühere ausmisten. So enzyklopädisch wie der Klotz anmutet, ist der Inhalt indes nicht. (Der Schubertzyklus sowie Dvorˇák, Mahler und Sibelius fehlen, stattdessen sind Ouvertüren, Konzertstücke und Schumanns Vierte in der späten Aufnahme mit den Wiener Philharmonikern ergänzt.) Immerhin: Die Box versammelt Karajans Siebzigerjahre-Aufnahmen auf einen Blick. Und verwesentlicht damit den Blick auf einen »Fall Karajan«, der durch das Jubiläumsjahr schwieriger, aber nicht klarer geworden scheint. Die Welt hat immer noch Probleme mit dem Maestro assoluto. An ihm selbst indes charmiert bis heute, dass er mit der Welt nicht die geringsten Schwierigkeiten hatte.

Neu erschienen:

Karajan Symphony Edition

DG

Diverse

Salzburger Orchesterkonzerte

Karajan

Orfeo

Beethoven

Fidelio

Karajan u.a.

Orfeo

Beethoven

Sinfonien Nr. 3 und 9

Karajan, Grümmer u.a.

Audite

Beethoven, Strauss

Sinfonie Nr. 4 und "Ein Heldenleben"

Karajan

Testament

Beethoven

Sinfonien Nr. 8 und 9

Karajan, Janowitz u.a.

DG

Beethoven

Sinfonie Nr. 9

Karajan, della Casa, Wiener Symphoniker u.a.

Orfeo

Brahms, Schönberg

Sinfonie Nr. 1 und "Verklärte Nacht"

Karajan

Testament

Mozart

Klavierkonzert Nr. 20, Sinfonie Nr. 41

Karajan, Kempff u.a.

Audite

Verdi

Falstaff

Karajan, Gobbi u.a.

Orfeo

Verdi

Requiem

Karajan, Zadek u.a.

Audite

Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 1 / 2009



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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