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N° 1229
27.11. - 03.12.2021

nächste Aktualisierung
am 04.12.2021



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(c) Caroline Doutre

Ophélie Gaillard

Luxusabenteuer Strauss

Auf ihrem neuen Album zeigt die Musikerin, dass der „Rosenkavalier“-Schöpfer nicht nur Opern, sondern auch Cello-Musik komponieren konnte.

Jeder Instrumentalist hat seine Lieblingsstücke, die Musik, in der er sich besonders zu Hause fühlt. Für Ophélie Gaillard sind es die Solosuiten von Bach und Britten: „Ich liebe es, alleine auf der Bühne zu sitzen und zu spielen. Nirgendwo sonst kann ich einen so intensiven Kontakt mit dem Publikum aufbauen wie in einem Solo-Rezital.“ Da aber das Künstlerleben lang und das Repertoire groß und vielfältig ist, reiht sich die Cellistin zur Abwechslung auch mal in die orchestrale Schlachtordnung von Richard Strauss’ „Don Quixote“ ein. Hier übernimmt sie zehn Variationen und einen Epilog lang die Rolle des Titelhelden, kämpft inmitten einer Hundertschaft von Musikern polternd und tapfer gegen Windmühlen, befreit holde Jungfrauen aus der Gefangenschaft und saust, getragen von Windmaschinengeräuschen, durch die Luft. Begleitet vom Tschechischen Nationalen Symphonieorchester hat Ophélie Gaillard das 1898 uraufgeführte Meisterwerk ins Zentrum ihres neuen Albums gestellt – eine CD, die ausschließlich Werken von Richard Strauss gewidmet ist.
„Natürlich verkauft sich Bach auf dem Plattenmarkt besser“, sagt Ophélie Gaillard. Da sie diesen Teil des diskografischen Katalogs aber schon abgeschlossen hat und nach 16 erfolgreichen Veröffentlichungen das Vertrauen ihrer Plattenfirma Aparté genießt, kann sie sich nun voll und ganz dem Luxusabenteuer Strauss zuwenden. Die Tondichtung um den Ritter von der traurigen Gestalt – kein auftrumpfendes Virtuosenkonzert im eigentlichen Sinne, eher der Soloauftritt eines herausgehobenen Orchesterinstruments – flankiert Ophélie Gaillard mit der unbekannten Cellosonate des damals 19-Jährigen sowie mit der noch unbekannteren, orchesterbegleiteten Romanze op. 13. „Die Romanze ist eine echte Wiederentdeckung. Soweit ich weiß, ist es gerade einmal wenige Jahre her, dass das Stück zum ersten Mal eingespielt wurde“, berichtet die Cellistin. Die war noch in jungen Jahren, als Strauss erstmals ihren Weg kreuzte. „Ich war 15 Jahre alt und Mitglied im European Union Youth Orchestra, wo wir ‚Also sprach Zarathustra‘ spielten. Ich war sofort fasziniert.“

Schwieriges Genie

Aus Faszination wurde Leidenschaft, aus Leidenschaft Liebe, die jedoch ausschließlich der Musik und nicht ihrem Schöpfer gilt. „Toscanini hat einmal über ihn gesagt: ‚Vor dem Komponisten Richard Strauss ziehe ich den Hut. Vor dem Menschen Strauss setze ich ihn wieder auf‘, und so ähnlich geht es mir auch“, sagt Ophélie Gaillard. Seit Jahrzehnten diskutiert man öffentlich über die Rolle, die Strauss im Musikleben während der Nazi-Zeit spielte. Auch wenn er politisch nicht besonders verstrickt gewesen sei, so Ophélie Gaillard, die auf ihrem vorangegangenen Album Musik jüdischer Exilkomponisten eingespielt hat, habe er doch niemals etwas gesagt, als er es hätte tun können. Viele Jahre habe es gedauert, bis sie sich mit dem Zwiespalt zwischen Werk und Komponist arrangiert habe. Eingesetzt hat sie sich trotzdem für ihn, vor allem für seine Sonate, die sie spielt, seitdem sie 19 Jahre alt ist.
„Das Stück ist viel schwieriger, als es sich anhört. Es ist nicht gerade ideal geschrieben für das Cello, und auch der Klavierpart hat seine Tücken.“ In der Aufnahme hört man davon freilich nichts. Mit betörendem Schmelz und saftigem, rundem Ton klingt das Frühwerk unter ihren Händen wie der Inbegriff spätromantischer Celloekstase. Hinzu kommt, dass sie mit Vassilis Varvaresos den idealen Kammermusikpartner an ihrer Seite hat. „Man braucht einen Pianisten, der Orchesterklänge auf das Klavier übertragen kann“, sagt sie, „einen, der sich auch mit den späteren Opern von Strauss bestens auskennt.“ In der Tat schwingt – wenn man es herauskitzelt – in dieser so gesanglich komponierten Sonate viel Opernhaftes mit; Ophélie Gaillard, die das Musiktheater liebt, nimmt diese Inspiration dankbar auf. Auch für ihre Interpretation des Don Quixote hat sie sich Anregungen aus dem Opernfach geholt: „Zum Beispiel das große Solo in der fünften Variation: Hier spricht Don Quixote mit sich selbst wie in einem Rezitativ. Man entwickelt ein viel besseres Verständnis für diese Musik, wenn man ihr einen fiktiven Text unterlegt.“ Am besten auf Deutsch, das die nicht nur musikalisch, sondern auch intellektuell sehr umtriebige Künstlerin hervorragend beherrscht. Bei aller Liebe zum Kernrepertoire möchte sie von der barocken Musik eines Vivaldi oder Bach bis zu zeitgenössischen Komponisten möglichst unterschiedliche Facetten ihres Fachs bedienen. Die Richard- Strauss-Aufnahme war ein großer Traum von ihr – nicht nur zu ihrer eigenen Beglückung ist er nun in Erfüllung gegangen.

Neu erschienen:

Richard Strauss

„Don Quixote“ op. 35, Romanze für Cello und Orchester F-Dur op. 13, Cello- Sonate F-Dur op. 6 u.a

Ophélie Gaillard, Tschechisches Nationales Symphonieorchester, Julien Masmondet

Aparté

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Ganovenjagd per facebook

Ophélie Gaillard treibt ihre Karriere erfolgreich voran – auch wenn das Jahr 2018 mit Schrecken für sie begonnen hat. Mit vorgehaltenem Messer entwendete man der 1974 geborenen Musikerin im Februar in Paris das Goffriller- Cello, auf dem sie seit Jahren spielt. Glück im Unglück: Zwei Tage und einen verzweifelten öffentlichen Aufruf bei facebook später tauchte das 1,3 Millionen teure Instrument wieder auf. Der Räuber, dem die Geschichte allmählich zu heiß wurde, hatte es im Inneren eines fremden Wagens deponiert und der Künstlerin anonym mitgeteilt, wo sie es finden könne. Mittlerweile sind Cello und Cellistin wieder fröhlich vereint – und bereisen gemeinsam die Welt.

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 3 / 2018



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