home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Startseite · Künstler · Gefragt

Sämtliche Haydnsinfonien

104 x Haydn

Es war eine der spektakulärsten und aufwendigsten Produktionen der Schallplattengeschichte: der Gesamtzyklus aller 104 Haydnsinfonien. Thomas Rübenacker sprach mit dem Produzenten James Mallinson, der damals zusammen mit dem Dirigenten Antal Doráti das Mammutprojekt auf den Weg brachte.

Es war einmal ein großer Musiker, der komponierte über 100 Sinfonien, einfach weil es ihm Spaß machte. Circa 200 Jahre später wurde die Schallplatte erfunden, und die Vielzahl der Sinfonien schrumpfte auf vier oder fünf »Greatest Hits«. Da kam ein genialer Verrückter und fragte: Warum nur vier oder fünf? Wo sie doch alle so gut sind?! Und zeigen sie nicht unnachahmlich eine Entwicklung auf ...? Er ging zu einem großen Label und schlug vor, ihnen alle Sinfonien des Großen einzuspielen – 104, um genau zu sein. Dort hielt man den Verrückten erst mal für verrückt. Wer sollte so was kaufen, das hatte es doch noch nie gegeben? Aber ein junger Produzent der Firma unterstützte den Verrückten, und bald begann die Produktion. Das alles klingt wie ein Märchen, aber so kam ein Jahrhundertprojekt der Schallplattengeschichte zustande, die Gesamtaufnahme der Sinfonien von Joseph Haydn, mit Antal Doráti und der Philharmonia Hungarica. Der junge Produzent hieß: James Mallinson.
Berichtet Mallinson: »Ich hatte gerade bei Decca angefangen als Produzent, da kam Antal Doráti mit seinem Herzenswunsch. Man fragte mich, was ich davon halte, und ich riet zu – ich war ja noch jung und unerfahren. Ich dachte: Hey, das wird ein Abenteuer! Und das wurde es dann auch.« Auf der Suche nach einem weniger bekannten, aber trotzdem sehr versierten Orchester, das genügend Zeit für ein solches Mammutprojekt hatte, fand man die Philharmonia Hungarica – ein Ensemble von Budapester Musikern, die vor dem Überfall der Sowjetunion auf ihr Land und vor dem nachfolgenden Steinzeit- Stalinismus geflohen waren. »Ihr Sponsor war die UNESCO«, sagt Mallinson, »und zuerst siedelte man das Orchester in Wien an. Das war aber zu nah an Budapest – die kommunistischen Machthaber versuchten immer wieder, das Ensemble zu destabilisieren, indem sie einzelne Mitglieder ›schanghaiten‹ (= kidnappten). Auf der Suche nach einem Standort möglichst weit weg vom ›Eisernen Vorhang‹ fand sich dann das Städtchen Marl, mitten im Herzen des Ruhrgebiets.«
Die Aufnahmen zur »Probeserie« der Sturm-und- Drang-Sinfonien fanden erst in Recklinghausen statt, dessen Festspielhaus aber keine gute Akustik hatte. So ging’s weiter in die Bielefelder Oetkerhalle – was sich akustisch als Segen erwies, transporttechnisch aber als Fluch. Schließlich schlug ein Fagottist des Orchesters die St.-Bonifatius- Kirche in Marl vor, gerade ums Eck vom Hauptquartier des Orchesters: Die hatte eine für Kirchen unüblich trockene Akustik, und fortan war das Riesenprojekt sozusagen »in trockenen Tüchern«. Die Probeserie wurde ein großer Erfolg, daher machte man weiter, bis auch die 104. Sinfonie Haydns im Kasten war. »Viereinhalb Jahre hat es gedauert«, resümiert Mallinson, »aber die Fluktuation im Orchester war auch sehr hoch.« Kein Wunder, wenn die Musiker immer wieder von den Kommunisten »schanghait« wurden. Mallinson lacht: »Nein, nein, jetzt waren es nicht mehr die Kommunisten – sondern andere Orchester, die gute Spieler brauchten!«

Wieder veröffentlicht:

Haydn

Sämtliche Sinfonien

Antal Doráti, Philharmonia Hungarica

Decca/Universal

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Thomas Rübenacker, RONDO Ausgabe 3 / 2009



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Gefragt

Víkingur Ólafsson

Meisterhaft unbefangen

Der isländische Pianist beleuchtet das ewige Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart im Kontext seiner […]
zum Artikel

Pasticcio

Popstar Ludwig van

Meldungen und Meinungen der Musikwelt

Wer noch bis zum 29. Januar durch die Pariser Metro-Gänge schlendern, irren oder hetzen sollte, […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top