home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Startseite · Künstler · Gefragt

Max Raabe

Fahrt ins Blaue

Ganz ohne Palastorchester: Max Raabe gibt mit »Übers Meer« sein Solo-Debüt.

Tadelloser Frack, Fliege, glatt gegeltes Haar: Wie diese unverzichtbaren Attribute gehört zu Max Raabe das Palastorchester, das seiner typischen, an frühe Tonfilmzeiten erinnernde Stimme den gewohnten Rahmen verleiht. Auf seiner neuen CD nun wendet sich der Sänger sozusagen der Kammermusik zu. Ganz allein mit dem Pianisten Christoph Israel an der Seite präsentiert Raabe ein hochkonzentriertes Programm klassischer Tonfilmschlager, das in seiner Verdichtung fast wie ein Klavierliedzyklus wirkt. Das vom Flügel angeschlagene gemessene, schlendernde Foxtrott- Tempo setzt hier den Hintergrund für die melancholische Nachdenklichkeit der Zwischenkriegszeit. Und es ist gerade Max Raabes Abkehr von aller Show und von allem Süßlichen, es ist die auf das Wesentliche reduzierte Bescheidenheit, die diese sogenannte Unterhaltungmusik zu etwas Tiefernstem macht. Die Metapher im Titel »Übers Meer« deutet das Grundthema an: Die Sehnsucht nach Ferne, die sich aber nicht nach Schlagerart in der Beschreibung fremder Länder äußert, sondern die scheinbar so kleinen Dinge des alltäglichen Gefühlslebens zum Gegenstand hat: Nie hat Max Raabe so radikal auf das Augenzwinkern verzichtet, dafür spürt er in den Liedern »seiner« Zeit ganz neue Qualitäten auf. Das Programm vereint Berühmtes wie »Irgendwo auf der Welt« oder den Comedian-Harmonists- Hit »Lebe wohl, gute Reise« mit Unbekannterem. Einer der größten Hits »Ein Lied geht um die Welt« zeigt sich in einer geradezu innigen Interpretation jenseits von zackigem Marschrhythmus als melancholische Reminiszenz, als Erinnerung. Raabe singt es, als glaube er selbst nicht, dass ein Lied die Menschheit einen könnte, aber als sei das immerhin eine Hoffnung. Dass der Titel untrennbar mit der Lebensgeschichte des verfolgten Tenors Joseph Schmidt verbunden ist, sorgt für einen stark resonierenden doppelten Boden.

Neu erschienen:

Übers Meer

Max Raabe, Christoph Israel

Edge Music/Universal

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.

Oliver Buslau, RONDO Ausgabe 1 / 2010



Kommentare

Kommentar posten

Für diesen Artikel gibt es noch keine Kommentare.


Das könnte Sie auch interessieren

Musikstadt

Sachsen

Trotz Elbphilharmonie, Berliner Opern-Trias oder Festivals allerorten: Deutsches Reiseziel Nr. 1 […]
zum Artikel

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Lausitz macht’s möglich: Elīna Garanča war bei einem neuen Musikfestival in der Dorfkirche zu […]
zum Artikel


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top