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N° 1281
26.11. - 02.12.2022

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am 03.12.2022



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Im Dioden­Gewitter, von der KI schlumpfisch verquakt umjodelt: Angus Lees „Chasing Waterfalls“ an der Dresdner Semperoper (hier: Inderhaug) (c) Ludwig Olah/Semperoper Dresden

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

In der Dresdner Semperoper wird man bei der Oper „Chasing Waterfalls“ für 70 Minuten klangsediert. Das Studio for Sonic Experiences kling klang klong lässt es öde synthesizern, dazu beschäftigt Ko-Komponist und Dirigent Angus Lee neun Musiker. Dabei wird der erstmalige Einsatz einer Künstlichen Intelligenz bei Komposition und Gesang in einer Oper versprochen. Deshalb dürfen die Eventmacher phase7 performing.arts wie auf einer Werbeplattform ihre technisch-ästhetischen Fähigkeiten vorführen.
„Jag’ nicht den Wasserfällen nach, bleib’ bei den Flüssen und Seen, die du kennst“, lautet das passende amerikanische Sprichwort. Man hat bei „Chasing Waterfalls“ das Gefühl, die Wassermetaphorik dient der reinen Dekorationsdemonstration. Inhaltlich geht es um eine Frau, die sich erst nicht in ihren Computer einloggen kann, weil er die Gesichtserkennung verweigert, der sie aber dann einsaugt.
Sie geht sich selbst verloren, dafür wird sie von sechs Egos fluens umjodelt. Oben leuchten die Dioden, vier Würfel dienen zudem als Projektionsflächen. Diese Identitätskrisenanalyse sieht so lässig wie leer aus. Die Ästhetik ist schick, aber austauschbar. Die Emotionalisierung des Technischen – Pustekuchen. Ob die real und live per Algorithmus Klänge ausspuckende KI schlumpfisch verquakt singt – geschenkt.

Wie bedeutsam geht es hingegen am Genfer Grand Théâtre zu, wo Marc Minkowski eine Grand Opéra dirigiert, die sich mit Ausgrenzung und religiösem Fanatismus beschäftigt: Halévys „La Juive“. Krude aber schlagkräftig ist der Plot von Eugène Scribe um die Jüdin Rachel, die keine ist, sondern die totgeglaubte Tochter des Kardinals Brogni, vom Goldschmied Éléazar aus einem Feuer gerettet. Sie alle treffen beim Konzil von Konstanz 1414 zusammen. Religion ist zunächst eine Sache der Väter. Dem ungleichen Liebespaar Rachel und Prinz Léopold ist sie egal. Was sich als tödlicher Fehler erweist.
Zunächst ist da David Aldens zupackend deutliche, auch die Überzeichnung nicht scheuende, knallige Effekte setzende Regie. Prinz Léopold (höhensicher gesungen von Ioan Hotea) verwandelt sich in eine sich von Rachel (die lyrisch intensive Ruzan Mantashyan) entfernende goldene Fantasiegestalt. Dessen Gattin Prinzessin Eudoxie der hell trillernden Elena Tsallagova wird hier ernstgenommen. Der starke Chor wird zu einem den Tod der Juden fordernden Handlungsträger. Und der tolle John Osborn als Éléazar singt nicht nur seine Szene „Rachel, quand du Seigneur“ als Moment gebrochener Verzweiflung, sondern auch die oft gestrichene, wilde Cabaletta. Das ist Grand Opéra und höchste Wahrhaftigkeit – auch weil Minkowski für ein rauschhaftes, auch brutales Klangbild sorgt. Man ist ergriffen. Und plattgemacht. Gleichzeitig.

In der Schweiz sind wir noch einmal positiv gestimmt aus der Oper gekommen. Eine Überraschung war es nicht. Aber eine Bestätigung der helvetisch-verschmunzelten Art. Seit Anfang seiner Musiktheaterkarriere 1994 inszeniert Christoph Marthaler eigentlich immer wieder und vor allem Webers „Der Freischütz“. Die Vereinsmeierei, die herabfallenden Bilder, die Vereinsamung und Isolation mittelalter Menschen, die irgendwie und irgendwann den Probeschuss verpasst haben, untermalt vom gemeinsamen Singen populärer, hier verfremdeter Volkslieder, das Totschießen, das Misstrauen in Heilsversprechen jeglicher, vor allem christlicher Art, das zieht sich schließlich wie ein stilistischer Cantus firmus durch fast alle Marthaler-Arbeiten. Und solches fand nun am Ursprungsort, am Theater Basel endlich seine Weber-Werk­erfüllung. Natürlich auf marthalerisch.
Es fing an mit der Leere dieser Endlosschleifen, wo Worte und Töne ins Nichts fallen. Es endet im langsamer werdenden Finale, wo alle ihre Ticks am Boden zuckend austragen. Marthaler haut dabei nichts kaputt, er räumt nur anders auf – in schönster Kakofonie.

Matthias Siehler, 15.10.2022, RONDO Ausgabe 5 / 2022



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