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N° 1236
15. - 21.01.2022

nächste Aktualisierung
am 22.01.2022



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(c) Patrick Hürlimann

Luzerner Sinfonieorchester

Aufbruch zu Größerem

Unter seinem neuen Chefdirigenten Michael Sanderling erweitert der Schweizer Klang­körper sein Repertoire um die ­spätromantische Sinfonik.

Michael Sanderling und das Luzerner Sinfonieorchester haben Großes vor, im wahrsten Sinne. Während man am Vierwaldstättersee bisher besonders mit Repertoire aus Klassik und Frühromantik auftrumpfte, nimmt das Orchester mit seinem neuen Chefdirigenten künftig auch das spätromantische Repertoire in Angriff. Michael Sanderling, zuletzt Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, kennt das Orchester seit zehn Jahren. In Luzern folgt er auf den Briten Jonathan Nott und den Amerikaner James Gaffigan. „Es war eine einfache Entscheidung, da es eine Herzensentscheidung war. Die berühmte ‚Chemie‘ hat gestimmt. Mein Herz als Musiker schlägt dort, wo ich glaube, dass ich Musik mit einem Orchester, das genauso tickt wie ich, am besten ans Publikum vermitteln kann“, sagt Sanderling zu seiner neuen Aufgabe – und findet für das Orchester nur Worte des Lobes. „Ich spüre hier diesen unbedingten Musizierwillen und den Drang dazu, die Emotionen so freizulegen, dass die Zuhörer gar nicht anders können, als sich in diesen Sog mit hineinzubegeben.“ Das sollte zwar eine Grund­voraussetzung bei jedem Orchester sein, stelle sich in dieser Form aber eben nicht immer so selbstverständlich ein. „Auf der einen Seite bedarf es dazu einer spieltechnischen Qualität, darüber hinaus bedarf es aber noch viel mehr eines gewissen Intellekts“, beschreibt es Sanderling. „Die Frage ist: Wie kann ich das, was ich intellektuell verstanden habe, bestmöglich ausdrücken? Dieser Mix ist im Luzerner Sinfonieorchester auf glückliche Art und Weise gegeben.“
Mit dem Aufbruch zu den Ufern der Spätromantik setzt das Orchester einen neuen Kurs. „Der spätromantische Stil ist eine Sprache, die das Orchester aufgrund seiner bisherigen kammersinfonischen Aufstellung weniger erfahren konnte“, sagt Sanderling. „Meine Aufgabe sehe ich darin, dem Orchester diese Spielweise abzuverlangen, ohne dass dabei etwas von der hart erarbeiteten und hervorragend funktionierenden Spielweise für die vorangegangen Epochen verlorengeht. Ich möchte ergänzen, nicht ersetzen.“ Neben dem rein numerischen Aspekt – die Musikerzahl des Orchesters soll beständig wachsen – geht es vor allem darum, ein anderes Klangbild zu realisieren. „Während wir für Klassik und die Frühromantik von der Welt der Gedanken ausgehen, entspricht der spätromantische Stil der Welt der Gefühle“, erläutert der neue Orchesterchef und benennt auch, welche spieltechnischen Veränderungen nun erforderlich sind. „Für die Welt der Gefühle braucht es weniger vertikale Aktionen im Klangbild als horizontale, was mehr Legato, dichtere (Ver-)Bindungen, anderes Vibrato und lineare Dynamiken meint. Wenn man etwa an Mozarts Tonsprache denkt, würde man mit Vibrato und Tonverbindungen dort genau das Falsche tun.“

Mut und Meilensteine

Die neue Ausrichtung zeigt sich denn auch direkt im Repertoire des Orchesters. Als nächstes, auch diskografisches Großprojekt steht die Gesamteinspielung der Sinfonien von Johannes Brahms bevor. Die zählen bekanntlich zwar nicht zur Spätromantik, sollen dem Orchester aber als wichtiges Etappenziel zur größer besetzten Sinfonik dienen. „Aufgrund der Gesamtaufgabe in der Orchesterentwicklung ist es für uns ein Meilenstein, gerade weil Brahms eine entscheidende Schaltstelle zwischen der deutschen Frühromantik und der Tondichtungssprache von Wagner und Strauss ist“, sagt Sanderling. „Es ist für jedes Orchester eine Visitenkarte, einen solchen Zyklus gespielt und auch dokumentiert zu haben.“ Und doch: Schon zu Saisonbeginn hielt man sich auch mit dem ganz großen Repertoire nicht zurück. So eröffnete man die Spielzeit direkt mit Anton Bruckners siebter Sinfonie, die den Auftakt für einen Luzerner Bruckner-Zyklus markieren soll.
Auf ein bestimmtes Repertoire festlegen will sich das Orchester aber nicht. Man setzt stattdessen auf Bandbreite. So lockt die kommende Spielzeit mit einem vielfältigen Programm und besonderen Projekten. Ins Auge fällt eine filmische Inszenierung der 10. Sinfonie Dmitri Schostakowitschs, für die der weltbekannte südafrikanische Künstler William Kentridge verantwortlich zeichnet. Es ist ein Experiment, das Michael Sanderling, der als Sohn des führenden Schostakowitsch-Exegeten Kurt Sanderling zu dieser Musik ein spezielles Verhältnis hat, sofort überzeugte.
„Die Musik Schostakowitschs spielt in meinem Leben eine besondere Rolle. Schostakowitsch und mein Vater Kurt Sanderling waren sehr eng verbunden, auch wenn er längst nicht alle Sinfonien von ihm aufgeführt hat“, erzählt Michael Sanderling. Auf einen größeren Schostakowitsch-Schwerpunkt wollte er in Luzern zunächst aber bewusst verzichten. „Es geht mir überhaupt nicht darum, in die Fußstapfen meines Vaters zu treten, sondern darum, Musik meinem Publikum nahzubringen, die mich selbst enorm beschäftigt, fasziniert und emotional angreift“, sagt der Dirigent.
Neben Brahms und Schostakowitsch wird beim traditionellen „Zaubersee-Festival“ (18.5. – 22.5.) wieder der Blick nach Russland gerichtet. Mit dem „Le piano symphonique“ füllt man zudem die programmatische Lücke, die durch den Wegfall des früheren Piano-Festivals entstanden ist. Die Annäherung an Klavierkomponisten soll hier aus sinfonischer Perspektive erfolgen. Im November zunächst mit Camille Saint-Saëns und dessen Klavierkonzerten, im Februar (9.2. – 13.2.) dann mit Johannes Brahms. Eine besondere Ehre ist überdies die erstmalige Einladung des Orchesters in den Wiener Musikverein (am 1.12.).
Mit dem Beginn der Ära Sanderling und nach den hoffentlich überstandenen dunkelsten Zeiten der Corona-Pandemie herrscht in Luzern nun doppelte Aufbruchsstimmung. „Im Gegensatz zu Deutschland sind wir in der Schweiz nahezu wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie“, beschreibt Sanderling die aktuelle Lage. „Ich kann mir nicht wirklich erklären, woran das liegt. Ich glaube aber, es hat auch etwas mit der Mentalität zu tun. Man war oder ist hier mutiger – ob das richtig oder falsch ist, will ich nicht bewerten. Ich glaube, dass die Sorge vor von der Natur geschaffenen Dingen in Ländern etwas kleiner ist, in denen man tagtäglich mit Naturgewalten umzugehen hat.“ Wie auch immer sich die pandemische Lage entwickeln wird – in Luzern hat man guten Grund, mit Optimismus in die Zukunft zu blicken. Und zumindest einen positiven Aspekt habe die Pandemie dann doch. „Das Einzige, was ich der Pandemie Positives abgewinnen kann, ist die Erkenntnis, dass wir Menschen das Bedürfnis nach gemeinsamen Erlebnissen haben“, sagt Sanderling. Auf die darf man sich in Luzern freuen.

Tickets und weitere Infos unter:
www.sinfonieorchester.ch

Mit Seeblick

Gegründet im Jahr 1805, blickt das Luzerner Sinfonieorchester auf eine lange Geschichte zurück. Mit Beginn der Intendanz von Numa ­Bischof Ullmann wurde das Orchester kontinuierlich vergrößert.
2005 verfügte das Luzerner Sinfonieorchester lediglich über 50 Planstellen, heute sind es deren 70. Sämtliche dazugekommene Stellen werden bis heute vollständig über eine vom Intendanten gegründete private Stiftung finanziert, was in Europa einzigartig ist. Neben der Sinfonik prägte man in den vergangenen Jahrzehnten in Luzern auch die zeitgenössische Musik mit Wirkung, wie namhafte Kompositionsaufträge an Sofia Gubaidulina, Rodion Schtschedrin oder Wolfgang Rihm belegen. Im Popularbereich punktet man nun mit der Welt­premiere einer Herbert-Grönemeyer-Suite (28.11.).

Jesper Klein, RONDO Ausgabe 6 / 2021



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