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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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(c) Marco Borggreve

Florian Uhlig

Zeit für Schumann

Wider den flüchtigen Zeitgeist: Über ein Jahrzehnt hat sich der Pianist mit ein und demselben Team Schumanns Klavierwerk gewidmet.

Nein, Liebe auf den ersten Blick war es nicht. „Mit den technischen Schwierigkeiten hatte ich sehr zu kämpfen und habe mir an seinen Abegg-Variationen ziemlich die Zähne ausgebissen“, erinnert sich Florian Uhlig schmunzelnd an seine erste Begegnung als Teenager mit Robert Schumann. Indes: „Am Ende war es für einen jungen Menschen dann auch eine bereichernde Erfahrung, so etwas hinbekommen zu haben.“ Und wer weiß, vielleicht ja insgeheim auch die Initialzündung für jene weit größere Herausforderung, die der Pianist nun 34 Jahre später erfolgreich bewältigt hat: sämtliche Tastenwerke des wohl bedeutendsten Klavierkomponisten des 19. Jahrhunderts einzuspielen. Seinerzeit im Vorfeld des 200. Geburtstags als Idee entstanden, hat Uhlig sich seit 2010 Werk für Werk durch Schumanns Leben und seinen Klangkosmos gearbeitet. Gearbeitet? Nein, weit mehr: „Mir ist dieser Mensch immer vertrauter geworden, ja so nah gekommen, als hätte ich in der Zeit gelebt“, sagt der gebürtige Düsseldorfer, der heute in London wohnt. „So ist eine Intimität wie auch Feinfühligkeit für ihn entstanden, die man sonst bei der Auseinandersetzung mit einem Werk nicht erfährt – und die manchmal auch an die Substanz gegangen ist.“ Eine Nähe und Innigkeit, die zu hören ist, ohne dass der Professor der Dresdner Musikhochschule nun in Träumereien oder gar romantisierende Verzärtelungen abglitte: Vielmehr verbindet der 46-Jährige Feuer mit Intellekt – und natürlich einer makellosen Technik. Sowie einem ebenso neugierigen wie fundierten Begleiter: dem Musikwissenschaftler Joachim Draheim. Kennengelernt hatten sich die beiden 1996 bei Uhligs Londoner Erstaufführung des Klavierkonzertes von Clara Schumann – seither sind der Künstler und der Schumann- Forscher freundschaftlich verbunden. Was sich im Fall dieser Gesamtaufnahme als ein wahrer Glücksfall erwies: Nicht allein ob der fundierten Booklet-Texte Draheims – nein, dank seiner intensiven Recherchen und der ungebremsten Neugier beider sind manche bislang unbekannte Stücke und Skizzen ans Tageslicht befördert und einige Fragmente sogar behutsam ergänzt worden. „Das kann er sehr gut, da er selbst vom Musizieren kommt, Schumann fast unter die Haut gekrochen ist und erspürt hat, wie diese Werke hätten sein können“, zollt Uhlig dem Wissenschaftler großen Respekt. Manch einem mag solch Noten-Tüftelei allzu akribisch dünken, doch spannend sind die Ergebnisse allemal: Hat der Pianist Schumanns Klavierschaffen doch nicht schlicht in chronologischer Reihenfolge eingespielt, sondern klug den Bezug gesucht: sei es nun bei den „Charakterstücken“, dem Album für „Schumann und seine Töchter“ oder nun in der 16. und letzten Aufnahme zu den „Frühen Werken in zweiter Ausgabe“. „Die Unterschiede sind zum Teil sehr subtil und doch lohnt sich diese Beschäftigung, denn die Stücke gewinnen in diesen Fassungen eine ganz andere atmosphärische Qualität.“ Und die Schumann-Welt durch diese archäologische Klangarbeit ganz neue Eindrücke: Denn für die noch ausstehende Bonus-CD der Gesamt- Box hat Uhlig all jene, oft gerade einmal 30 Takte langen „Bruchstücke“ zusammengetragen, die im Laufe der zwölfjährigen Recherchen entdeckt wurden. „Dies Album soll aufzeigen, wie die Werkstätte Schumann funktioniert.“ Eine tiefe Leidenschaft, die wohl nur die Liebe auf den zweiten Blick mit sich bringt.

Zuletzt erschienen:

Schumann

Frühe Werke in zweiter Ausgabe (Schumann-Edition Vol. 15)

mit Uhlig

hänssler CLASSIC/Profil

Christoph Forsthoff, RONDO Ausgabe 5 / 2021



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