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N° 1224
23. - 29.10.2021

nächste Aktualisierung
am 30.10.2021



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(c) Gregor Hohenberg

Felix Klieser

Lippenbekenntnis

Barocke Arien auf dem Horn? Auf seinem neuen Album „Beyond Words“ zeigt der Solist, wie gut das funktioniert.

In seiner Urform gehört das Horn zu den ältesten Instrumenten der Musikgeschichte. So richtig darin Einzug gehalten hat es aber erst ab Mitte des 18. Jahrhundert, als bautechnische Veränderungen dem Spieler die Möglichkeit gaben, auch virtuosere Partien in Angriff zu nehmen. Prominente Zeugen für diese Entwicklung sind die vier Hornkonzerte, die Wolfgang Amadeus Mozart in den1780er-Jahren dem Hornistenfreund Joseph Leutgeb auf den Leib schrieb, aber auch das romantische Rauschen, das spätestens seit Carl Maria von Webers Freischütz (1821) so unüberhörbar aus dem Orchester dringt, dass man das Horn schon fast automatisch als Bewohner des deutschen Waldes ansehen möchte.
Als Hornist kennt Felix Klieser die großen Konzerte von Joseph Haydn bis Richard Strauss aus dem Effeff. Sie gehören zu seinem täglichen Künstler-Brot wie die einschlägige Kammermusik von Johannes Brahms oder Robert Schumann, und vieles davon hat er bereits auf CD eingespielt. Nun geht er neue Wege. Auf seinem aktuellen Album widmet sich Klieser einer Epoche, die bei Hornisten mangels Repertoires kaum Beachtung findet: die Barockzeit. „Beyond Words“, ein Gemeinschaftsprojekt mit den Chaarts Chamber Artists aus der Schweiz, enthält eine sehr persönliche Auswahl von Vokalwerken, Arien von Vivaldi, Bach, Händel und Gluck, die Klieser für sein Instrument bearbeitet hat.
„Vor ein paar Wintern habe ich durch Zufall das ‚Cum dederit‘ von Vivaldi gehört und kam auf die Idee, dass man das gut auf dem Horn spielen könnte“, berichtet er über die Anfänge seines Projekts. Er besorgte sich die Noten, und was er vermutet hatte, bestätigte sich im praktischen Versuch. Zu der Alt-Arie des venezianischen Meisters aus dessen „Nisi Dominus“ gesellten sich nach und nach weitere Stücke, darunter die Bach-Arien „Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust“ aus der gleichnamigen Kantate oder „Erbarme dich, mein Gott“ aus der Matthäuspassion. „Ich liebe das Repertoire, das ich spiele. Aber hier hatte ich endlich wieder einmal das Gefühl, wieder etwas Neues entdecken zu können.“ Bald hatte er genug Material für sein Aufnahme-Vorhaben beisammen – das nach coronabedingten Verzögerungen im August 2020 in die Tat umgesetzt wurde.
„Auch wenn alle Stücke auf der CD ihren Ursprung in der Vokalmusik haben, geht es mir nicht darum, ein bestimmtes Gesangsideal umzusetzen oder die Singstimme auf dem Horn zu imitieren“, sagt Klieser, der seine musikalische Kernkompetenz selbst nicht im Singen sieht. „Natürlich lässt sich vieles übertragen, technische Aspekte wie Luftführung, Atmung oder Stütze sind beim Horn und beim Gesang identisch.“ Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings bei der Bindung ans Wort, die auf rein instrumentaler Ebene entfällt. „Da musste ich mich fragen, was die Musik erzählt, wenn man den Text weglässt“, sagt Klieser, und machte sich auf die Suche nach dem, was – gemäß dem Album-Titel – „hinter den Worten“ liegt.
„Ich habe bei der Stückauswahl darauf geachtet, wo die Stärken und Charaktereigenschaften des Instruments gut zum Tragen kommen.“ Ruhige, melodiensatte Arien wie die Händel-Schmachtfetzen „Lascia ch’io pianga“ oder „Ombra mai fù“ waren besonders gut geeignet, um die vielfältigen Artikulations- und Farbgebungsmöglichkeiten des Horns gewinnbringend einzusetzen. Auch ohne den im Text angesprochenen Affekt zu benennen, hat es dank seiner direkten emotionalen Ansprache die Kraft, Bilder im Inneren des Hörers entstehen zu lassen. „Das kenne ich von mir“, sagt Felix Klieser, „auch wenn es wahrscheinlich ganz andere Bilder sind als bei anderen.“ Kein Zufall dürfte es sein, dass ein Großteil der Arien geistlichen Ursprungs ist, wo es weniger um konkret motivierte Gefühlssituationen geht als um abstrakte Zustände und Ausdrucksgesten, etwa der Kontemplation oder der Lobpreisung. Wenngleich sich Klieser auch hier nicht vom Text beeinflussen lässt, bieten diese Stücke doch einen besonders großen Raum für Interpretationsfreiheit.
Die Gesangsstimme hat Felix Klieser eins zu eins auf das Horn übertragen. Die Originallage, und damit die Originaltonart, konnte er allerdings nicht immer beibehalten. „Das hatte meist weniger mit der Spieltechnik zu tun als mit den Emotionen, die ich transportieren wollte.“ Schon zu Beginn des Albums, dem Anfang von Vivaldis „Gloria“, kann man hören, wie harmonisch sich das Horn in den Ensemble-Klang der begleitenden Chaarts Chamber Artists einbettet. Weit weg von vordergründigem Virtuosentum ist es hier eher als „primus inter pares“ – als „Erster unter Gleichen“ – im Einsatz.
Felix Klieser und seinen Mitmusikern kann man zu einem gelungenen Einstand gratulieren. Denn diese Aufnahme ist die erste Zusammenarbeit. „Mir war es wichtig, ein Ensemble zu finden, das historisch informiert ist, aber auf modernen Instrumenten spielt.“ Denn auch wenn er mit „Beyond Words“ die Musik des Barock für sich erobert: Auf dem zu Bach- und Händel-Zeiten gängigen Naturhorn spielt Klieser keineswegs. Während seines Studiums hatte er zwar damit Bekanntschaft gemacht, sein Leben als Musiker bestreitet er aber nach wie vor auf dem Instrument, das ihm ans Herz gewachsen ist. „Ich sammle keine Hörner. Ich spiele auf dem Horn, das ich schon immer spiele.“ Und wie man sieht, eignet es sich nicht nur für das Übliche, sondern auch für ausgefallene Projekte wie „Beyond Words“.

Ausreißer

„Beyond Words“ ist bereits das fünfte Album, das Felix Klieser für Berlin Classics aufgenommen hat. Seine 2013 erschienene Debüt-CD „reveries“ mit romantischer Kammermusik von Schumann, Rheinberger und anderen machte den jungen niedersächsischen Hornisten schlagartig berühmt. Seitdem hat er jeweils im Abstand von zwei Jahren eine neue Platte veröffentlicht: 2015 die Hornkonzerte der Haydn-Brüder Joseph und Michael, 2017 Horntrios von Brahms und anderen, zusammen mit Andrej Bielow und Herbert Schuch, und 2019 Mozarts berühmte Hornkonzerte mit der Camerata Salzburg. Auf „Beyond Words“ ist Felix Klieser erstmals nicht mit originaler Horn-Literatur auf CD zu hören.

Stephan Schwarz-Peters, RONDO Ausgabe 1 / 2021, Online



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