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(c) Julia Wesely

Chamber Orchestra of Europe

Unmöglich erfolgreich

Das legendäre Kammerorchester gräbt einen epochalen Schubert-Zyklus unter Nikolaus Harnoncourt für die Nachwelt aus.

Erstaunlich, aber wahr: Beim wohl wichtigsten Dirigenten seit Karajan, er hieß Nikolaus Harnoncourt, schauten die Musiker, wenn er dirigierte, eigentlich nicht hin! Harnoncourt selbst, so erzählt Enno Senft vom Chamber Orchestra of Europe, habe über seine mangelnden technischen Fähigkeiten Witze gemacht. „Wenn Ihr einen Taktschläger braucht, engagiert Euch einen Tambourmajor!“, so Harnoncourts übliche Reaktion. „Bei ihm gab es immer ein großes Risiko…!“, so Senft als Stimmführer der Kontrabässe. Genau damit aber verband Harnoncourt einen seiner großen Sätze: „Schönheit“, so Harnoncourt, „liegt immer am Rande der Katastrophe“. Da Harnoncourt kein Schlagtechniker, wohl aber ein gewiefter Prober war, erzielte er die besten Ergebnisse gerade mit solchen Ensembles, die keiner Schlagtechnik bedürfen. Daher entstanden die besten Aufnahmen von Mozarts drei späten Sinfonien – unter Harnoncourts Leitung – eben nicht mit dem Concentus Musicus Wien, sondern mit dem Chamber Orchestra of Europe. Ein Wunder an Wachheit, Aufgekratzheit und Spiellust! So kann man sich nur freuen, wenn das COE jetzt einen ganzen Schubert-Zyklus veröffentlicht, den Harnoncourt 1988 in Graz leitete. „Es war das erste Mal, dass er sich als Dirigent mit Schubert beschäftigte.“ „Weniger Sostenuto, keine künstliche Verlängerung der Töne!“, so lauteten Harnoncourts Ansagen. Ein zurückfedernder Schubert. „Das Schöne war auch, dass man bei Harnoncourt immer komplett eingerichtete Orchesterstimmen bekam – samt Bogenstrich-Vorschlägen.“ (Dies war das Werk der unvergleichlichen Alice Harnoncourt, die übrigens soeben ihren 90. Geburtstag feierte.) Nuancen und Dynamik-Wünsche des Dirigenten waren überaus radikal. Ein Pianissimo galt Harnoncourt erst dann als erreicht, wenn die Saite kaum noch ansprang. Es sind Forderungen des Unmöglichen. Nur sie führen zum Ziel. „Zur ‚Unvollendeten‘ vertrat Harnoncourt die These, das Werk sei gar nicht unvollendet.“ Schubert habe es vielmehr einem Traum nachgearbeitet, der an einer Stelle abriss. Im Jahr darauf nahm das COE Schubert übrigens gleich noch einmal auf: unter Claudio Abbado, für den Harnoncourt das Orchester indirekt vorbereitet hatte. „Harnoncourt brachte den Wiener Schubert-Geist, Abbado italienische Intuition mit“. Bei den Aufnahmen im sommerlichen Graz herrschten grundsätzlich 30 bis 35 Grad im Schatten. „Sie müssen die Hitze lieben lernen“, so Harnoncourt. Das Ergebnis hört man. „Wir haben geschwitzt wie die Affen.“ In der fast 40-jährigen Geschichte des COE kam Harnoncourt einer Chefdirigenten-Funktion so nahe wie möglich. Einen echten Chef wollen die 60 (de facto 40) Mitglieder nicht. „Ein Chef würde auf Probespiele Einfluss nehmen, das widerspricht unserer demokratischen Auffassung“, so Gründungsmitglied Senft. In London angesiedelt, bezieht das Orchester ab nächstem Jahr erstmals eine feste Basis in Kronberg (während man früher vagabundierte). Eine bessere Visitenkarte als diesen Schubert gibt es nicht.

Erscheint am 6. November:

Schubert

mit Chamber Orchestra of Europe, Harnoncourt

ICA Classics/Naxos

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Robert Fraunholzer, RONDO Ausgabe 5 / 2020



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