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(c) Paolo Conserva

Musikstadt

Martina Franca

Beim Opernraritäten-Festival im apulischen Martina Franca ist alles lecker – das Bergamotte-Eis und das Musiktheater-Sorbetto.

Wer im für gewöhnlich heißen Sommer weit unten in Apulien in die überschaubare Innenstadt dieses je nach Tageszeit mal rosa, mal weiß leuchtenden Ortes kommt, der tut es oftmals wegen der Oper. Aber nicht wegen jenen Komponisten des italienischen Musiktheaters, die wie Rossini, Bellini, Donizetti, Verdi oder Puccini zum internationalen Exportartikel wurden. Hier sind Ende Juli und Anfang August stets Trüffelsucher und Raritätensammler unterwegs. Sie finden etwa eine Seria des angeblich mit einem Fluch belegten Saverio Mercadante (1795–1870), dessen Namen man nur hinter vorgehaltener Hand sagen darf. Oder „Crispino e la comare“, eine Buffa des einst beliebten, inzwischen vergessenen Brüder-Duos Luigi und Federico Ricci. Oder die Tragödie „Ekuba“ des 1813 erst 22-jährig gestorbenen, als neuer Mozart gehandelten Nicola Antonio Manfroce. Oder eine apokryphe Version von Georg Friedrich Händels „Rinaldo“. Solches liegt hier alles im Repertoirekörbchen.

Nackenschläge

Aber selbst beim Festival della Valle d’Itria, das diesen Sommer in die 47. Runde geht, gibt es Theater außerhalb der Oper. Typisch italienisch eben. Wie zum Beispiel 2019: Der junge Dirigent Sesto Quatrini, der für den erkrankten Musikchef Fabio Luisi eingesprungen war, litt schon länger unter einer japanischen Stalkerin. Die Gesangstudentin war im Jahr zuvor bei der dem Festival angeschlossenen Nachwuchsakademie „Rodolfo Celletti“ dabei gewesen – und auch Zweitbesetzung bei einer der Festspielopern, die Quatrini dirigierte. Seither verfolgte sie ihn. Er hatte einen Polizeibeschluss erwirkt, dass sie nicht mehr als 500 Meter an ihn herandürfe; sie hatte auch bereits Polizisten mit einer Schere bedroht. Dann aber war sie plötzlich höchstpersönlich in Apulien hinter dem Objekt ihrer abstrusen Anbetung her. Auf den sozialen Medien beschimpfte sie Festivalchef Alberto Triola, zeigte Tote und Verstümmelte. In Martina Franca bewegten sich die Verantwortlichen nur noch mit Leibwächtern, weil die Polizei die wirre Dame nur kurzzeitig festsetzte, wenn sie wieder öffentlich ausfällig wurde, sie aber nicht des Landes verwies. Eine Provinzgroteske. Aber in sehr schöner Provinz! Martina Franca ist eine faszinierende Stadt, die einer Werbung für das Urlaubsland Italien entsprungen zu sein scheint. Inmitten des Valle dʼItria ist der Ort eines der wichtigsten Handelszentren im südlichen Teil Apuliens. Einst zog er Kaufleute und Adelige an, wovon die prunkvollen Paläste in der wunderschönen Altstadt zeugen. Auch zahlreiche Barockkirchen wurden damals erbaut. Umgeben von einer herrlichen Landschaft thront Martina Franca über dem Itria-Tal und bietet einen fantastischen Rundumblick. Dank der erhöhten Lage kann man auf Olivenplantagen, Obstgärten und Weinberge schauen. Bis 1861 war Martina Franca von einer Stadtmauer mit vier Toren und 24 Wachtürmen umgeben. Lediglich die vier barocken Tore erinnern heute noch an diese Zeit. Bei einem Bummel durch die engen Gassen kann man die kulinarischen Köstlichkeiten in einem der leckeren Restaurants oder Cafés genießen. Eine Spezialität des Ortes ist die deftig-marmorierte Schweinenacken-Wurst „Capocollo“. Direkt an die Altstadt schließt eine schöne Parkanlage mit schattigen Plätzchen zum Verweilen an. Wenn man von der gegenüberliegenden Piazza XX Settembre durch die Porta di Santo Stefano aus dem 14. Jahrhundert schreitet, erreicht man die Piazza Roma. Hier steht einer der schönsten Paläste von Martina Franca, der Palazzo Ducale aus dem 17. Jahrhundert. Auffällig sind hier vor allem die eisernen Balkone und die barocke Fassade. Sein Innenhof ist der Hauptspielort des Festivals. Weiter geht es zur Piazza Plebiscito, wo man das schönste Bauwerk der Stadt erblickt: Die sandfarbene Fassade der 1747 errichteten Basilica di San Martino ist sehr aufwändig gestaltet. Geweiht wurde sie damals dem Schutzpatron St. Martin, der auch auf einem Relief am Eingang dargestellt ist. Wer sich für Barock interessiert, findet in Martina Franca noch weitere schöne Sakralbauten. Neben der Kirche Maria Carmine sind dies die Kirche der Madonna della Sanità, die des heiligen Domenicus und die des heiligen Antonius von Padua.

Ländliche Intermezzi

Das Festival, das sich zwar selten Gespieltem widmet, aber immer wieder seine Ausrichtung änderte und auch finanziell schlingerte, scheint augenblicklich in ruhigem Fahrwasser unterwegs. 2010 übernahm Alberto Triola die künstlerische Leitung und legte den Schwerpunkt auf Barockoper und Belcanto, vorzugsweise der neapolitanischen Schule. Zum 41. Festival kam Fabio Luisi hinzu, inzwischen ist mit dem Orchester des Teatro Petruzzelli in Bari sowie mit dem Opernchor aus Piacenza ein gleichbleibendes musikalisches Niveau gewährleistet. Gern sorgt zudem Regiealtmeister Pier Luigi Pizzi für zumindest geschmackvolle Professionalität. Meist gibt es drei Opern, dazu nette musikalische Kleinigkeiten und Konzerte, verteilt auf die diversen Kirchen und Klöster der in der grellen Sonne honigfarben strahlenden Stadt. Eine Spezialität des Festivals von Martina Franca, das eine verschworene Gemeinde von Fans und Raritätensuchern aus der ganze Welt anlockt, sind zudem die kleinen Opern in diversen Masserie, den apulischen Bauernhäusern (meist zu Hotels oder B&Bs ausgebaut und veredelt) im Unesco-Welterbe des Itria-Tals der Trulli. Dazu gehören auch die Intermezzi, die komischen Pauseneinlagen in ernsten Opern teilweise derselben Komponisten. Schließlich war Oper im 17. und 18. Jahrhundert ein stundenlanges, abend- und nachtfüllendes Vergnügen, bei dem es laut und hell zuging, bei dem man während der kurzen Karnevalsaison jeden Abend neu zusammenkam, sich mit den Mitwirkenden auf die eine oder andere Weise vergnügte. Ein soziales Ereignis eben. Ebenfalls ein soziales Ereignis, mit viel Volk, ist zur Festivalabendeinstimmung das kostenlose „Concerto per il Spirito“. Während draußen die Leute auf dem abendlichen Giro durch die Hauptstraße flanieren, ist die Basilica schon früh übervoll. Alte Damen unterhalten sich ungeniert weiter, während längst gesungen wird. Amorph bleibt die Stimmenmasse in dem halligen Barockschiff. Nach jedem Satz wird geklatscht, viel Andacht, gar „spirito“ ist nicht, man spielt weiter auf dem Handy. „Silenzio“, das ist in Süditalien, wo überall der Fernseher in Dauerschleife läuft, kaum möglich. Trotzdem: Im italienischen Süden ist alles viel lässiger. Auch deshalb hat das Festival von Martina Franca gegenüber der sommerlichen Festspielkonkurrenz, den Mainstream und Rossini beackernden Festivals in Macerata und Pesaro ein sympathisches Alleinstellungsmerkmal. Und übrigens: Salzige Pistazie, Bergamotte mit Basilikum, Maracuja-Käsekuchen. So exotisch wie die Opern sind in Martina Franca bisweilen auch die Gelato-Sorten. Yummi!

www.festivaldellavalleditria.it


Das Festivalprogramm 2021

1Zwischen dem 17. Juli und dem 4. August 2021 führt uns das Programm des 47. Festival della Valle d’Itria durch den neapolitanischen Barock von Alessandro Scarlatti und Nicola Porpora – der auch dank des stimmlichen Ruhms von Farinelli und seiner Rivalen europaweit Fuß gefasst hat – bis zum Wiener Klassizismus. „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn, Scarlattis „La Griselda“, „L’Angelica“ von Porpora und Schuberts „Winterreise“ stehen jeweils in szenischen Aufführungen auf dem Programm. „Nach den Erfolgen der drastisch adaptierten Ausgabe 2020“, so Präsident Franco Punzi, „die stattgefunden hat, obwohl viele andere Festivals ausfallen mussten, möchten wir mit dem Optimismus, der uns begleitet und geprägt hat, in die Zukunft blicken.“


Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 1 / 2021



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