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Eben wurde das Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie von der Zeitschrift »Opernwelt« als erstes nicht deutschsprachiges zum »Opernhaus des Jahres 2011« gewählt. In den Achtzigern legte hier Gerard Mortier die Lunte für seine Salzburger Ästhetik-Eruptionen. Sein Nachfolger Bernard Foccroulle zimmerte weiter am Ruhm des Hauses. Dem jetzt der aus Amsterdam kommende Flame Peter de Caluwe in der fünften Spielzeit vor allem eine neue Regiestoßrichtung gibt.
Mit dem 1936 uraufgeführten »Oedipe« von George Enescu ereignet sich eine seltene Begegnung mit einem spröden, dennoch klangprächtigen Opus. Enescu, genialer Violinvirtuose und Komponist, kämpfte lange mit und um das Stück. Er und sein Librettist Edmond Fleg haben aus den Sophokles- Vorlagen einen den ganzen Lebensradius dieses heillosen Identitätssuchers auszirkelnden Vierakter geschaffen, der ihn nach Geburt, Aussetzung, Vatermord, Rätsellösung, Inzest und Blendung bei den Erinnyen seinen Seelenfrieden finden lässt. Schon der dunkle Auftakt im Kontrafagott stimmt ein auf eine außergewöhnliche Klangreise, auf der das Monnaie-Orchester unter dem kräftig zupackenden Leo Hussain bester Begleiter ist. Enescu mischt Bukolik mit altertümlichen Harmonien, moldavische Heterophonie, Vierteltöne und vielschichtige Stimmbehandlung, Saxofon, Harmonium und sogar singende Säge finden Verwendung. Die um den Regisseur Alex Ollé und den Bühnenbildner Alfons Florez gebildete La Fura dels Baus-Truppe hat nicht viel eingegriffen, bietet klug reduzierte Personenführung und einfache, starke Bilder. Zum Fest zur Geburt des Oedipus stehen die Massen in einem vierstöckigen Regalkonstrukt wie im Genter Altar. Im zweiten Akt liegt Oedipus (der intensive, stimmlich in der fordernden Rolle fortlaufend flacher werdende Dietrich Henschel) auf der Freud-Couch. Die mörderische Sphinx (pathossatt: Marie-Nicole Lemieux) ist zur Pilotin eines Nazi-Kampffliegers mutiert. Die Pest als Strafe der wütenden Götter dezimiert die Stadt. Zwischen Plastikplanen und farbigem Rauch liegen Särge und Tote als apokalyptisches Arrangement. Als die Herkunft des neuen Königs ans Licht gebracht ist, sticht sich dieser die Augen aus – und wird trotzdem sehend. Der letzte Akt mit seinem Rhythmussog über impressionistischen Klängen hat »Parsifal«-Dimensionen: Der einstige Erlöser sucht selbst Erlösung.
Matthias Siehler, 30.11.1999, RONDO Ausgabe 6 / 2011
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