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(c) Ester Haase

Khatia Buniatishivili

Alles in Fluss

Da möchte sie am liebsten Mitsingen: Die weiblichen Anteile in Schuberts Musik findet die Pianistin besonders spannend. Ein Interview.

RONDO: Fein, Sie wieder sicher und trocken zu sehen – nach diesem Coverfoto!

Khatia Buniatishvili: Ja, es ist schräg, ich weiß, es gab auch einigen Aufruhr in den sozialen Medien, aber ich finden es gelungen und geglückt. Nein, trotz Schleierkraut, roten Lippen und viel Wasser, ich bin nicht die ertrunkene Ophelia, auch wenn man durchaus eine Verbindung ziehen könnte. Das Bild soll den „Tod und das Mädchen“ symbolisieren, eine mystische Heirat durch das Sterben, die sich als immerwährendes Thema durch Schuberts kurzes Leben wie durch seine Musik zieht. Auch wenn ich nun auf diesem, ihm ganz allein gewidmeten Album gar keine der musikalisch direkt darauf verweisenden Stücke eingespielt habe.

RONDO: Sondern die späte, die letzte Klaviersonate B-Dur D. 960.

Buniatishvili: Ja und zwar auch mit allen Wiederholungen, was ich sonst nicht mache, weil es mir oft langweilig und repetitiv vorkommt, aber bei diesem atemraubenden Werk ergibt das einfach Sinn. Bei Schubert startet alles immer mit einem Lied. Er hat so viele davon geschrieben, und auch seine Instrumentalmusik hat so viele Melodien, die atmen, die man mitsingen möchte. In seiner Musik höre ich immer die menschliche Stimme mitschwingen. Das ist so schön, so genial, so einfach. Und so unnachahmlich. Besonders in seinen Dur-Kompositionen, da kann oft eine auch traurige Geschichte mitschwingen, besonders etwa in den Intermezzi, die ja auch auf dem Album sind, aber das ist dann wie ein wunderbar ruhiger Fluss der Töne. Dieser Fluss, der ist also auf dem Titelfoto. Und des Liedthemas wegen höre ich mit dem „Ständchen“ auf.

RONDO: Sie haben Schubert zudem im Booklet einen Brief als Feministin geschrieben …

Buniatishvili: Ja, aber nicht kämpferisch, im Gegenteil, sehr liebevoll. Ich finde nämlich, was sehr ungewöhnlich ist für einen Komponisten, seine Musik sehr weiblich, sensibel, sensitiv, zart. Er ist so offen, lässt Gefühle zu, gleitet aber nie ab ins Sentimentale. Gerade in dieser letzten Sonate habe ich diese großartige Balance erspürt. Man drückt diesen Zug an ihm oft beiseite, wirft ihn quasi in den Fluss und lässt ihn wegschwimmen. Auch das eine fotografische Anspielung! Das darf man nicht tun. Wenn Schubert aber im Umkehrschluss sentimental klingen sollte, dann hat einzig der Interpret etwas falsch gemacht!

RONDO: Sind Sie denn eine Feministin?

Buniatishivili: Ich mag nichts mit „-ist“. Das ist immer gleich radikal. Aber ich habe immer schon für Gleichheit gekämpft, schon als neunjähriges Mädchen wollte ich auch das machen, was angeblich nur für Jungs ist. Da wusste ich gar nicht, was Feminismus ist. Umgekehrt ziehe ich mich gern sehr weiblich an. Ich spiele also mit meiner Rolle. Ich kämpfe lächelnd. Und ich bin stark, nicht schwach. Deshalb aber fühle ich mich so zu Schuberts Verletzlichkeit hingezogen. Und ich habe versucht, diesen Fluss hinzubekommen. Ich wollte andeuten, wieviel da auf dem Grund liegt. Bei Schubert muss man immer unter die Oberfläche blicken.

RONDO: Auch weil es eine Zeit der Zensur, der Polizeiüberwachung war, in der er komponierte?

Buniatishivili: Wohlmöglich, wobei ich zugebe, mit der Geschichte dieser Zeit muss ich mich noch ein wenig mehr beschäftigen.

Neu erschienen:

Schubert

Sonate D. 960, Impromptus D. 899

Khatia Buniatishvili

Sony

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 2 / 2019



Kommentare

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gemihaus
Dank für diese Interview-Offenbarungen mit all den weiblichen Anteilen in Schuberts Musik, man möchte nach diesem Khatia-Hörerlebnis der B-Dur-Sonate doch noch umher-gendern, womöglich zu spät ... man müsste nochmal zwanzig sein, oder?


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