Responsive image

Lineage

Pablo Held Trio

Pirouet/NRW PIT3094
(46 Min., 1/2016)

Das neue Album des Pablo Held Trios ist gewissermaßen der direkte Antipode der letzte Woche an dieser Stelle besprochenen CD „It’s Hard“ der Amerikaner von The Bad Plus. Die Held-Einspielung enthält ausschließlich Kompositionen des 29-jährigen Pianisten, und in diesem Fall bedeutet „Kompositonen“ weit mehr als die sonst im Jazz üblichen Themenvorlagen. Was auf „Lineage“ erklingt, ist weitgehend ausgeschrieben, aber in der besonders inniglichen Magie des Held-Trios wird eine suchend interaktive Musik daraus, die diesen besonderen Touch des prozesshaften De- und Rekonstruierens hat. Allerdings sind die acht sehr stark persönlich motivierten Stücke von einer durchgängigen Logik der verzahnten Stimmenführung und der harmonischen und rhythmischen Abschattierung. Dem Trio ist hier quasi die Quadratur des Kreises gelungen, die Suggestion einer aus der Freiheit von drei Beteiligten heraus improvisierten Stimmigkeit des Gesamtdiskurses aus dem Willen und der Vorstellung des Komponisten. Der höre, wie er selber sagt, beim Komponieren ganz klar die persönlichen Stimmen seiner beiden Mitmusiker. Seit zehn Jahren bereits arbeitet er mit diesen engen Freunden zusammen, dem Kontrabassisten Robert Landfermann und dem Schlagzeuger Jonas Burgwinkel. Was einst von Bill Evans mit Scott LaFaro und dann Paul Bley mit Gary Peacock und Paul Motian bzw. Bill Elgart begonnen wurde, ist hier in eine reflektive, nie schwelgerische europäische Idiomatik überführt und findet, von den Formzwängen des klassischen modernen Jazz befreit, zu einer organischen Freiheit aus verlaufs-changierender Harmonie und höchst komplex spannender Rhythmik. Das hervorragend abgemischte Schlagzeug stößt mal metrisch variierend an, mal unterfüttert es pointillistisch pulsierend die melancholische Lakonik des Klaviers. Alles ist geerdet im warmtönenden Klang des Kontrabasses, der immer wieder motivische Bewegung anstößt. „Lineage“ ist eine Apotheose der Neuen Innerlichkeit und ein Meisterwerk der Heldschen Triomusik.

Thomas Fitterling, 10.09.2016



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Es liegt etwas Flirrendes, Sommerliches, ungemein Modernes in der französischen Musik zwischen 1900 und dem Erstem Weltkrieg, ein Aufbruch, der erst recht vollzogen werden konnte, als sich ein paar Komponisten gegen die Übermacht der Tonsprache Richard Wagners zu stemmen begannen. Doch was könnte man einer so perfekt ausgearbeiteten, fließenden Romantik entgegenstellen? Diese Frage führte Claude Debussy und Maurice Ravel dazu, sich im spielerischen Umgang mit der Vergangenheit neue […] mehr »


Top