Nachdem Opera Rara Jahrzehnte lang unbekannte Belcanto-Schätze geborgen hat, kümmert sich das britische Label mittlerweile auch um Werke, von denen zumindest die Eingeweihten schon die eine oder andere Aufnahme im CD-Regal stehen haben. Dennoch bieten die Produktionen stets etwas Neues, im vorliegenden Fall das dreiminütige Finale, das gewöhnlich unterschlagen wird, um die Oper mit der großen Szene der Imogene zu beenden. (Was allerdings die effektvollere Lösung ist.)
Ludovic Tézier macht als Ernesto eine wirklich gute Figur, sein dunkel timbrierter Bariton mit der selbstverständlichen Höhe erinnert an Piero Cappuccilli, klingt aber kultivierter und ist vor allem beweglicher. Auch über José Bros und seinen Gualtiero gibt es nur Gutes zu berichten. Der Spanier verfügt über einen angenehmen, sicheren Tenor, den man gewiss nicht zu den üppigsten und farbenreichsten zählen kann, der aber stets geschmackvoll und stilsicher eingesetzt wird.
Vervollständigt wird das Protagonisten-Trio durch Carmen Giannattasio. Ihr leicht abgedunkelter, etwas gaumiger Sopran hinterlässt in Imogenes Auftrittskavatine einen sehr guten Eindruck, zeigt aber – besonders in der Finalarie – auch seine Grenzen auf. In der obersten Lage mitunter strähnig, in der Tiefe nicht substanzreich genug, ist die Stimme nicht so dramatisch und belastbar, wie es ihre Besitzerin wohl gerne hätte (und glauben lassen möchte). Das soll aber nicht zu negativ klingen, insgesamt liefert die Sängerin nämlich eine sehr ansprechende, respektable Leistung ab. David Parry sorgt am Pult für Schwung, ohne aufs Gaspedal zu drücken.

Michael Blümke, 30.06.2012



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