Mit Gesamtaufnahmen, in denen einfach alles stimmt, wurden Opernfans in den letzten Jahren nicht gerade verwöhnt. Ein exklusiv unter Vertrag stehender Star war einer Firma oft schon Anlass genug, eine Oper komplett neu aufzunehmen, selbst wenn um den Star herum keine angemessene Besetzung zur Verfügung stand.
Möglicherweise zeichnet sich nun eine Trendwende ab. Zumindest gibt die Neuaufnahme von Dvořáks “Rusalka” zu dieser Hoffnung Anlass. Denn der Decca ist damit eine der schönsten Operngesamtaufnahmen aller Zeiten geglückt. Goldrichtig war die Entscheidung, die Hauptrollen mit internationalen Stars zu besetzen, denn dadurch ist die Chance gegeben, dass “Rusalka” aus der nationalen Enge befreit wird und endlich Eingang ins Weltrepertoire findet, wohin sie auch gehört. Andererseits garantiert die Tschechische Philharmonie ein stilsicheres Musizieren, liegt diesem Orchester doch wie keinem anderen Dvořáks Sprache im Blut; und mit Charles Mackerras steht ein großer Experte tschechischer Musik am Pult. Das Wissen um all die Geheimnisse hinter den Noten hat sich der australische Dirigent als Schüler Vaclav Tálichs in Prag angeeignet. Mackerras bringt die Melodiebögen zum Erblühen, ohne vergessen zu machen, wie sehr sie in der motivischen Substanz verwurzelt sind.
Nicht minder hell als die Instrumente leuchten die Stimmen. Renée Flemings runder, warmer Sopran verfügt über genügend Leuchtkraft, um die Sehnsucht der Rusalka nach Liebe emphatisch spürbar zu machen. Ben Heppner als untreuer Prinz prunkt nicht einfach mit seinem höhensicheren Zwischenfachtenor, sondern demonstriert, wie viel an Ausdruck und Profilierung eines Charakters durch meisterhafte Phrasierung vermittelt werden kann. Der junge Bass Franz Hawlata, dessen Stimme zu den schönsten seines Faches zählt, singt einen berührenden Wassermann. Für die kleineren Rollen wurden tschechische Sänger verpflichtet, von denen besonders Zdena Kloubová als Küchenjunge aufhorchen lässt. Die ausnehmend schöne Stimme der jungen Sopranistin erinnert entfernt an die junge Lucia Popp - möglicherweise wächst da bereits die Rusalka der Zukunft heran.

Peter Blaha, 30.06.1998



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