"Händel alla turca" nennen L'arte del mondo und das Pera Ensemble ihr Pasticcio um die Vermählung von Orient und Okzident, von Sufi-Musik und Barockarien, versinnbildlicht in der Beziehung zwischen Armida, der Königin von Damaskus, und dem Kreuzritter Rinaldo. (Weshalb auch die meisten Musiknummern aus "Rinaldo" stammen, mit zusätzlichen An- bzw. Ausleihen bei "Alcina" und "Giulio Cesare".) Die beiden Ensembleleiter Werner Ehrhardt und Mehmet Cemal Yeşilçay haben bei der Konzeption und ihrer Umsetzung ganze Arbeit geleistet und ein rundum stimmiges Programm arrangiert, das den Zuhörer ganz neue Facetten an Händels Musik entdecken lässt. Dessen Arien mit orientalischen Instrumenten durchwoben zu hören, wirkt nämlich verblüffend natürlich, gar nicht als Fremdkörper, sondern vielmehr so passend, als müsste es so klingen – man braucht nur einmal Serses "Ombra mai fu" mit Kanun-Begleitung zu hören oder das Duett "Son nata a lagrimar", von der Kemençe eingeleitet. Dieses türkische Streichinstrument kommt auch beim Höhepunkt des Programmes "No, no, ch'io non apprezzo" zum Einsatz, einem Duett aus "Agrippina", das dank der orientalischen 'Verstärkung' eine wunderbare Sogwirkung entfaltet.
Die weibliche Rolle in "Amor oriental" hat Juanita Lascarro übernommen, eine den Kölnern und Frankfurtern bestens bekannte (stil)sichere Sopranistin, die allerdings gelegentlich ("Se pietà") ihre Stimme nicht ruhig genug führen kann. Als männlicher Gegenpart steht bei diesem Live-Mitschnitt aus der Berliner Philharmonie der Rumäne Florin Cezar Ouatu auf dem Konzertpodium, dessen Countertenor über ein sehr schnelles Vibrato und eine gute Geläufigkeit verfügt, wenn er auch nicht immer hundertprozentig sauber singt. Mit Ahmet Özhan steht den beiden einer der bekanntesten türkischen Sufisänger als Derwisch zur Seite, auf dessen Mitwirkung im schon erwähnten "Son nata a lagrimar" man allerdings besser verzichtet hätte. Dennoch: ein kurzweiliger und höchst anregender Abend.

Michael Blümke, 09.04.2011



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