Responsive image

Vitoria Suite

Wynton Marsalis

Emarcy/Universal 2737863
(95 Min., 7/2009) 2 CDs

Mag sich Wynton Marsalis auch als der umstrittene Lordsiegelbewahrer der Jazz-Orthodoxie gerieren, so darf das doch nicht die Wahrnehmung dafür trüben, dass er ein ebenso begnadeter Trompeter wie Komponist und Orchesterleiter ist. Diese Qualitäten gibt es auf seinem neuesten Album, einer Doppel-CD, ausführlich zu bewundern. Eingespielt hat er es mit seinem Jazz at Lincoln Center Orchestra, Amerikas wohl bester Großformation. Die Musik dafür entstand auf Anregung von Iñaki Añua, dem Leiter des Jazzfestivals von Vitoria-Gasteiz, der Hauptstadt der spanischen Autonomen Gemeinschaft Baskenland. Der nämlich bat den Maestro zum Festivaljubiläum um einen kleinen Blues und bekam dann statt eines Zwölftakters eine zwölfsätzige Suite. Wie schon bei so vielen Musikern vor ihm verfehlten auch bei Marsalis die iberischen Formen nicht ihre fruchtbringenden Reize, und so gerieten diese zwölf Sätze quasi zu Wynton Marsalis' "Sketches of Spain". Dabei wollte der Trompeter sich nicht an etwas versuchen, was er für unmöglich hält, nämlich als Außenseiter spanische Musik spanisch zu spielen, vielmehr ging es ihm darum, Elemente dieser Musik aufzugreifen und in das Klangbild des Jazz zu übertragen. Damit das aber auch authentisch gelinge, hat er das Orchester mit Flamenco-Perkussionisten und Steptänzern verstärkt und für zwei Sätze den Gitarristen Paco de Lucía eingeladen. Auf einem dieser Sätze hat er ihm noch den Pianisten Chano Dominguez zur Seite gestellt. Das Ganze hat allerdings wenig mit Miles Davis und Gil Evans zu tun. Referenzen für Marsalis' ganz und gar eigenständige, raffinierte Klangkombinationen findet man eher bei Duke Ellington, den Großformationen von Charles Mingus (natürlich ohne dessen Furor) und bei Thad Jones/Mel Lewis. Alle Mitglieder des Orchesters sind bestechende Solisten. Neben dem Leader verdient besonders der Baritonsaxofonist Joe Temperley besondere Erwähnung. Zwölf abwechslungsreiche und immer wieder rhythmisch ausgebuffte Tracks sind so entstanden, und wie Marsalis zum Schluss eine baskische Fiesta mit einem "New Orleans Second Line"-Rhythmus feiert, ist eine Klasse für sich.

Thomas Fitterling, 11.09.2010



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Das ging fix! In Schumanns „Haushaltsbuch“ kann man nachlesen, wenn auch gewohnt kryptisch, wie rasch er mit der Arbeit an seinem Klaviertrio op. 110 vorankam: „1. Okt. 1851 Kompositionsgedanken, 2. Okt. Triogedanken, 3. Okt. 1. Satz fertig, 4. Okt. 2. Satz, 5. Okt. 3. Satz, Freude, 27. Okt. Probe zum Trio zum ersten Mal, Freude.“ Dabei war Schumann sonst nicht unbedingt ein Schnellschreiber wie etwa Mozart. Doch die vier Sätze wirken wie aus einem Guss, wie in einem Schaffensrausch zu […] mehr »


Top