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Johannes Brahms

Klavierstücke

Stefan Vladar

harmonia mundi HMC 901844
(74 Min., 12/2003) 1 CD

Man darf diese Frage durchaus einmal stellen: Was eigentlich treibt einen Mann von knapp sechzig Jahren dazu, sich seinem in jungen Jahren angestammten Instrument nach einer halben Ewigkeit der Absenz wieder zuzuwenden? Ist es pure Angst, in anderen Gattungen nichts mehr sagen zu können? Oder sogar: zu wollen? Alte, nun neu entflammte Liebe? Eine Form des melancholischen Lebensrückblicks? Betrachtet man den Kasus Johannes Brahms, dann liegt die Antwort auf all diese Fragen wohl ziemlich genau in der Mitte. Ganz gewiss war der Komponist müde - und ebenso sicher enttäuscht vom Lauf des Lebens (weniger von dem, was er in diesem Leben musikalisch erreicht hatte; was fürwahr nicht wenig war). Und das Klavier, es bedeutete ihm eben das persönlichste Mittel, um seine Gedanken, seine Gefühle frank und frei ausdrücken zu können. Hier, bei diesem Instrument, fühlte er sich, trotz der hohen Meisterschaft, die er in fast ausnahmslos allen Gattungen (die Oper selbstredend ausgenommen) erzielt hatte, daheim. Das Klavier war des alten Mannes intimer Spiegel.
Die siebzehn Klavierstücke, die Brahms in den Jahren 1892 und 1893 verfasste und unter den Opuszahlen 116, 117, 118 und 119 versammelt hat, blicken ihn jedoch nicht nur traurig, gar verbittert an. Vor allem - beredte Beispiele sind die "Intermezzi", die jeden der Zyklen gewissermaßen lebensleitmotivisch durchziehen - eine Wesensart des Komponisten zeigt sich in diesen Stücken: Es ist die Melancholie. Glenn Gould, der Genius, hat sie philosophisch ausgedeutet, Lars Vogt hingegen hat sie in ihrer ganzen germanischen Schwere erfasst. Stefan Vladar, dieser ausgezeichnete Pianist, spielt nun diese Stücke wie ein Impromptu von Schubert oder wie ein Nocturne von Chopin; so transparent, so wenig pathetisch. Sein Tonfall ist zurückhaltend, eher deskriptiv als herausfordernd. Und eines macht Vladar, was dieser Aufnahme ihren hohen Rang zumisst: Vladar singt. Die ganze, mal bittere, mal hoffende, emphatische Melancholie des Lebens liegt in seinen expressiv ausgestalteten Melodien. In Anlehnung an Schubert könnte man sie durchaus mit "Leise fliehen meine Lieder" übertiteln. Das Schöne: Nie gerät diese Interpretation in den Verdacht, kitschig oder sentimental zu werden. Was auch daran liegt, dass Vladar in den aufwallenden Stücken eine angenehm unprätentiöse Plastizität erzielt, die jeglichen Überdruck aus dem jeweiligen Klangbild verweist. Paradox genug ist es: Doch ein solch fülliges und zugleich schlankes Brahms-Forte hört man nur sehr selten. Und ebenso eine so tief empfundene Einsamkeit. Dem Pianisten ist hier ein sinnenreicher, sensualistischer, ja nachgerade poetischer Rückblick geglückt.

Tom Persich, 29.01.2005



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