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Peter Iljitsch Tschaikowski, Camille Saint-Saëns

Sinfonie Nr. 4 f-Moll op. 36, Klavierkonzert Nr. 4 c-Moll op. 44

RIAS Symphonieorchester Berlin, Eugene Ormandy, Robert Casadesus

Audite/Edel 1095589ADT
(68 Min., 9/1954 u. 9/1952) 1 CD

Früher war alles besser? Natürlich ist derjenige, der solches behauptet, ein Reaktionär oder ein Satiriker. Beschreitet man nun aber das Feld der klassischen Musik, so beschleicht den geneigten Sucher nach der verlorenen Glorie das klamme Gefühl, es könnte vielleicht doch etwas dran sein an diesem Apodiktum. Ein Beispiel? Bitte schön, hier haben wir es. Eugene Ormandy dirigiert das RIAS-Symphonie-Orchester, das heutige Deutsche Symphonie-Orchester, mit der vierten Sinfonie von Peter Tschaikowski, und der RIAS schneidet mit. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1954, der Ort des Geschehens ist der große Saal der Musikhochschule in der Berliner Hardenbergstraße, also jener Saal, in dem auch die Berliner Philharmoniker einige Jahre auftraten, als schon Karajan ihr Chef war. Akustisch ist der Saal eine Zumutung. Aber was ist das für eine Interpretation! Was für ein immenses Orchester! Was für eine Wucht, eine Emphase, eine Empathie! Was für eine tiefe Grundsätzlichkeit der musikalischen Empfindung! Dies zusammengenommen, führt uns in die Abgründe unserer Seele und beschert uns ein Hörvergnügen der besonderen Art. Aber, um nicht falsch verstanden zu werden: nicht der sentimentalen! Alles ist ungemein trennscharf formuliert, mit messerkantenspitzer Phrasierung und Artikulation. Die viel beschworene Soße, die in den Fünfzigerjahren über so viele Stücke gegossen wurde, hier besteht sie aus 99 Prozent Pfeffer. Einfach herrlich, das Ganze. Mitreißend.
Kaum hat man sich davon erholt, fegt schon der nächste Sturm ins Ohr hinein. Die gleichen Beteiligten, diesmal ergänzt durch den unvergleichlich guten Robert Casadesus: gute alte Schule des Klavierspiels, einfach fantastisch. Das Stück, diesmal im Titania-Palast aufgenommen, im September 1952, zählt nicht unbedingt zu den Großen. So wie es aber Casadesus und Ormandy förmlich durchgeistern und durchgeistigen (kleine orchestrale Schwächen verzeiht der liebe Gott), gewinnt es ungemein an Poesie und Energie, wird gewissermaßen nobilitiert. Man hört es und weiß: Manches war früher wirklich besser. Zum Beispiel solche Dirigenten und solche Pianisten.

Tom Persich, 21.01.2009



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