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Frédéric Chopin

Scherzi und Impromptus

Yundi Li

DG/Universal 474 516-2
(53 Min., 6/2004) 1 CD

Vernehmen wir, weil es so schön ist, das Lob des Kollegen: "In seinem Spiel gab der große Künstler in entzückender Weise jenes bewegte, schüchterne oder atemlose Erleben wieder, welches das Herz überkommt, wenn man sich in der Nähe übernatürlicher Wesen glaubt, die man nicht zu erraten, nicht zu erfassen, nicht festzuhalten weiß. Wie ein auf mächtiger Welle getragenes Boot ließ er die Melodie auf und ab wogen, oder er gab ihr eine unbestimmte Bewegung, als ob eine luftige Erscheinung unversehens einträte in diese greifbare und fühlbare Welt." So befand, anno 1852, mithin posthum, Franz Liszt über Frédéric Chopin. Und Yundi Li, der vor Jahren und Tagen strahlende Chopinist?
Der junge Mann hat, die meisten wissen es, anno 2000 den Chopin-Wettbewerb in Warschau gewonnen; eine hohe Weihe. Und wirklich: Man glaubte damals, es würde ein Chopin-Interpret von Rang heranwachsen, ja, fast man war sicher, er würde eines Tages wie der heilige Franziskus über die Wogen schreiten und ein neues Chopin-Imago mit sich führen. Wenn man aber nun die Aufnahme mit den vier Scherzi und den Impromptus einige Male hinter sich gebracht und sich mehrfach beim Abschweifen ertappt hat, dann erhebt sich die Frage noch einmal auf eine ganz andere Weise: Was möchte uns dieser technisch versierte Künstler mit seinen Interpretationen sagen? Was möchte er hinzufügen zur Weisheit, die über diese Stücke nun einmal in vielfältiger Ausformung existiert? Ja, und welche Sprache (musikalisch betrachtet) spricht er denn nun, um diese Musik für sich, für uns zu übersetzen? Fragen über Fragen. Antworten bietet die Aufnahme keine. Alles sehr schön. Ja, wirklich berührende Augenblicke, die man, für sich genommen, genießen kann. Sehr konturiert ein jedes Stück. In Form gehalten. Im Grunde also nichts, was es zu bemängeln gäbe. Nur warum langweilen wir uns so sehr? Die Antwort ist ein bisschen böse. Es ist eine Antwort, die mit Form und Inhalt zu tun hat. Und mit einer Haltung, die man hat. Oder eben nicht.

Tom Persich, 08.01.2005



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