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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Diverse

Vengerov und Virtuosi

Maxim Vengerov, Vag Papian, Virtuosi

EMI 5 57164 2
(69 Min., 4/2001) 1 CD

Wie lautet die Steigerung von "Schmalz"? "Salz"? Schön wär's. Bei dieser Aufnahme kommt irgend etwas wie Mascarpone mit Himbeersirup und Saccharin heraus. Noch ein Stück mehr, und der Hörer stirbt an klebriger Ablagerung im Hörkanal. Maxim Vengerow, ohnehin der Zuckerbäcker unter den noch jungen russischen Geigern, verbündet sich mit einem Ensemble, das die Werbung ein "Undezett" nennt, also zwei mehr als ein Nonett. "Unding" wäre richtiger, denn der Elferrat besteht nur aus Geigen, was im Beiheft so erklärt wird: Stalin, der sowjetische Hitler, habe einem Konzert die Ehre gegeben, bei dem ein Streichquartett spielte. Seine Kritik: "Warum nur so wenig, und warum sitzen die alle?" Flugs habe man ihm mehr Musiker beschafft ("... mindestens zehn!") und nur Geigen, Cello kann man nun mal nicht im Stehen spielen.
Was lehrt dies? Wenn das "Bing!" eines Triangels am Höhepunkt einer Musik so schön ist, müssen zwanzig Triangel an der Stelle noch viel schöner sein?! Diese Verdopplungsstrategie führt dazu, dass Schmachtfetzen wie Rachmaninows "Vocalise", Schuberts "Ave Maria" oder Massenets "Méditation" zu regelrechten Klangsümpfen werden, worin das Klavier redlich rackert und der Solist schmalzt, die zusätzlich hineinarrangierten elf Geigen zwar kontrapunktisch die Melodielinie aufspalten - aber nie wirklich ein Dialog "punctus contra punctum" entsteht, sondern eben nur vervielfältigt wird, die schiere Masse musikalische Intelligenz ersetzen muss.
Ist das noch "schön", oder ist das schon ein Horror? Die Frage kann nur jeder sich selber beantworten, bekanntermaßen ist ja des einen sin Uhl des andern Nachtigall. Aber das Ganze gerät doch stellenweise so honigsüß-verstrickt in Crossover-Gefilde, dass man es genau so gut mit dem Synthesizer hätte herstellen können, und das gibt doch zu denken. Falls bei der Weihnachtsumfrage nach der Dodo-Platte des vergangenen Jahres gefragt würde - "Vengerow & Virtuosi" wäre einer der aussichtsreichsten Kandidaten.

Thomas Rübenacker, 06.09.2001



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