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N° 1219
18. - 24.09.2021

nächste Aktualisierung
am 25.09.2021



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Diverse

Virtuose Klavier-Transkriptionen

Earl Wild

Ivory Classics/Naxos 64405-70907
(67 Min., 5/1995) 1 CD

Wild ist gar kein Ausdruck. „Alterswild“ wäre passender – Earl Wild, der üppig weißhaarige Klavierfex aus den USA, war zur Zeit dieser Aufnahmen ein Jahr von den achtzig entfernt. Dabei ist sein manueller Stil immer noch glasklar, egal wie heftig das aufrauscht, man hört geradezu die glitzernden Tropfen der Lisztschen Wasserspiele perlen – nichts Verschmiertes oder Verhuschtes, nur blütenreine Virtuosität!
Der Vergleich mit Liszt endet allerdings nicht bei Wilds Klaviertechnik, auch bedienen sich seine Transkriptionen aller Tricks aus der lisztigen Kiste. Saint-Saëns’ „Spinnrad der Omphale“, ein hypnotisierendes Perpetuum mobile, kommt dem größten Klaviervirtuosen des 19. Jahrhunderts am nächsten, aber auch eine Paraphrase wie die über Tschaikowskis „Dornröschen“. Anderes, wie das Larghetto aus dem zweiten Klavierkonzert von Chopin (mit zart eingewobenen Orchesterstimmen), ist einfach nur berückend schönes Klavierspiel, wieder anderes, die „Hommage à Poulenc“ von Johann Sebastian Bach (!) und Earl Wild, eine schalkhafte Verneigung vor gleich zweien seiner Lieblingskomponisten: die Sarabande aus der Partita Nr. 1 auf „Poulencsch“, mit elegant gewürzten Dissonanzen.
Der Höhepunkt US-amerikanischer Exzentrizität auf dieser CD allerdings wird sich nur Kennern des ersten abendfüllenden Zeichentrickfilms erschließen, Walt Disneys „Schneewittchen“ von 1938. Als ich einmal den Dirigenten Michael Tilson Thomas interviewte und die Rede auf Wild kam, erwähnte ich, dass er „Reminiszenzen an ‚Schneewittchen’“ in der lisztschen Manier verfasst habe. Darauf der Dirigent, selbst ein exzellenter Pianist: „Earl Wild? Dem traue ich alles zu.“ Worin ein Quäntchen Ironie mitschwang. Und eine Menge Bewunderung.

Thomas Rübenacker, 05.07.2001



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