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Ludwig van Beethoven

Klaviersonaten op. 10 Nr. 3, op. 14 Nr. 1, op. 27 Nr. 2 u. op. 57

Igor Kamenz

Oehms Classics/harmonia mundi OC 587
(73 Min., 4/2005) 1 CD

Ein Titan des Klaviers, so hat ihn vor Jahren eine Musikfachzeitschrift gelorbeert. Und eine seriöse Zeitung nachgelegt, indem sie von fast unbegreiflicher Virtuosität raunte. Da auch andere Kritiker in den Chor der Jubilierenden einstimmten, musste man gespannt sein auf die neue Tat des russischen Pianisten (und Dirigenten) Igor Kamenz. Und er macht es sich diesmal nicht einfach. Nach zwei weithin belobigten Aufnahmen mit spätromantisch-virtuosem Repertoire (Liszt zumal) misst er sein Können an einem anderen Titanen: an Ludwig van Beethoven. Will sagen: Die Wahrheit ruft. Wer Beethoven bezwingt, wer ihn zugleich zähmt und sich seiner Wildheit und humanistischen Unbedingtheit hingibt, der zählt zu den Großen, der darf im Olymp Platz nehmen. Kamenz, dies das Fazit der Auseinandersetzung mit seinen Interpretationen, muss betrüblicherweise vor der Tür verharren. Man könnte auch sagen: Er ist an Beethoven gescheitert. Interessant: Kamenz scheitert letztlich an seiner Präzision, an seiner Akkuratesse. Er scheitert, weil er Beethoven blind vertraut. Jeden Buchstaben, den Beethoven ihm hinbuchstabiert, buchstabiert er nach. Jeden Akzent. Jedes Sforzato. Jede Phrasierung. Jeden Bogen. Jedes Staccato. Kurzum: jedes Detail. Und da liegt der Hase im Pfeffer. Im Falle der D-Dur-Sonate op. 10/3 führt diese in allem (auch klanglich) übertriebene Texttreue zu einer Verschleppung der Handlung, wie sie der Sonate nicht gut bekommt. Takt folgt auf Takt, ein größerer Bogen ist kaum erkennbar. Alles stimmt, jeder Ton, aber nichts atmet. Besonders fatal ist dies im Largo e mesto, einem der abgründigsten langsamen Sätze des frühen Beethoven. Bei Kamenz ahnt man den Abgrund nicht einmal. Kein Geheimnis wohnt dieser Lesart inne, keine Verschattung, nichts. Auch das Menuett will sich nicht von der Stelle bewegen, geschweige denn galant sein. Das gleiche Schicksal ereilt die "Mondscheinsonate" in den ersten beiden Sätzen. Wobei das Adagio sostenuto in seiner dahinplätschernden Langeweile noch angehen mag; da wussten sich viele Pianisten nicht zu helfen. Doch wie Kamenz das Allegretto aus seiner Anmut befreit, ist schlicht erschütternd. Die Phrasenenden sind zum Teil derart ruppig abgetrennt, als würde man einem anderen Menschen den Arm abhacken. Nein, lieber Herr Kamenz, möchte man ihm zurufen, das geht zu weit. Um dann zwei Sätze lang, für eine Viertelstunde, einen starken Hoffnungsschimmer zu erhaschen. Leidenschaftlich, fast enthemmt stürmt der Pianist durch den Kopfsatz der "Appassionata" und stürmt er auch durchs Finale mit einer urgewaltigen und ursprünglichen Wucht. Endlich, denkt man. Endlich streitet er mit Beethoven. Endlich begreift er dessen Radikalität und Modernität. Aber dazwischen, im langsamen Satz, da fällt er wieder zurück in seine apathische Grundhaltung. Und buchstabiert wieder. Schade. Schade um den einen Titanen – und mehr noch um den anderen.

Tom Persich, 23.06.2007



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