In Strauss' Spätwerk "Capriccio" streiten die Protagonisten darüber, was in der Oper bedeutender sei, Worte oder Töne. Der Diskurs ist eine Flucht ins Theoretische und hat einen handfesten Auslöser: Die Gräfin Madeleine kann sich nicht entscheiden - liebt sie den Dichter Olivier oder den Komponisten Flamand? Das Ende bleibt offen. Eine hübsche Petitesse mit traumhaft schöner Musik und einem Libretto, das Theaterbesessenheit mit einem unverfänglichen Konversationston zu zähmen versucht. Robert Carsen hat das in Paris inszeniert: Besser geht's kaum. Wie so oft in seinen Arbeiten spielt der Regisseur mit Theatermetaphern, mit der Grenze zwischen Spiel und (Bühnen-)Wirklichkeit. Sein "Capriccio" ist eine Liebeserklärung an die Oper.
Im Mittelpunkt steht Renée Flemings Gräfin: elegant, mit leichten Händen und leichtem Herzen, sanft dominierend, charismatisch, glamourös. Um sie herum ein glänzendes Ensemble: Anne Sofie von Otters exzentrische Clairon, Franz Hawlatas Theaterdirektor La Roche, Rainer Trost und Gerald Finley als potenzielle Liebhaber, Dietrich Henschel als ironischer Graf und Robert Tear in der Comprimario-Rolle des Souffleurs Monsieur Taupe sind schwer zu übertreffen. Wenn nur Carsen für die Film-Fassung nicht die Idee gehabt hatte, dass La Fleming ihren eigenen Schlussmonolog auf der Bühne des Palais Garnier von der Loge aus beobachten muss. Ohne die doppelte Diva wär's einfach besseres Theater gewesen. Noch besser.

Jochen Breiholz, 26.11.2005



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