Längst haftet Projekten, die Formen der Klassik und des Jazz zusammenführen, nichts Sensationelles mehr an. Beargwöhnt werden sie weiterhin - und das oft zu Recht - denn häufig entstehen nur kalkulierte additive Stilmischungen, bei denen in den erfreulicheren Fällen der eine Musikstil die reizvolle Folie zur Ornamentik des anderen abgibt; man kennt die Ergebnisse, wenn improvisierende Holzbläser auf reproduzierende Vokalensembles treffen.
Im Falle des Komponisten und Rohrblattbläsersolisten Michael Riessler liegen die Dinge etwas anders. Er ist Klarinettist und Saxofonist, der in seinem eigenen Œuvre schöpferische Reproduktion und Improvisation stets einheitlich gelebt hat. Dabei hat er sich immer wieder von Mythen und Elementen der Musik des späten Mittelalters und der Renaissance inspirieren lassen und sich dieser nach romantischer Hörgewohnheit manchmal noch spröde und ungelenk expressiv erscheinenden Harmonik der frühen Mehrstimmigkeit bedient.
Auf "Ahi Vita", zu übersetzen etwa als "Ach, das Leben", sind Klagegesänge das Thema. Intoniert werden sie von dem überragenden Regensburger Vokalsextett "Singer Pur". Die Gesänge stammen von Monteverdi, Gesualdo, Striggio, Phinot und Riessler selbst. Dabei erklingen die alten Werke im Original, zum Teil a cappella, zum Teil mit Riesslers Bassklarinette und dem Cellospiel von Vincent Courtois unterlegt, oder es legt sich eine kontrastierende Riessler-Komposition im Overlayverfahren über das alte Original, das so jeweils streng respektiert wird. Bei der Hälfte der vierzehn Titel handelt es sich um reine Riessler-Kompositionen, die sich des Gestus der alten Musik bedienen und dessen Kühnheit mit der Tonsprache der Neuen Musik akzentuieren und zu Ergebnissen kommen, die an Minimalistisches vor allem aber auch an Arvo Pärt erinnern - von Gejazze oder Verjazzen jedenfalls zum Glück keine Spur. Die Frage, ob die Instrumentalparts nun auskomponiert oder improvisiert sind, ist obsolet: sie klingen betroffen vital (und natürlich denkt der Jazzhörer bei der Bassklarinette an Eric Dolphy). "Zwei Welten sollten gegenübergestellt werden, die sich nur teilweise mischen." Das Ergebnis jedenfalls ist ein äußerst spannend erlebbarer, sich gegenseitig erhellender Kontrast.

Thomas Fitterling, 01.12.1999



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