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Tuesday Wonderland

e.s.t.

ACT/Edel contraire ACT 9016-2
(68 Min.) 1 CD

Ist es typisch deutsch blasierte Kritikasterei, dass erst das letzte Album des Esbjörn-Svensson-Trios noch als ein Phänomen gefeiert wurde, dem das Unvorstellbare gelinge, Jazz authentisch zu spielen und ihn gleichzeitig so zu präsentieren, dass er die Akzeptanz von Popmusik erreiche, und jetzt beim neuen Album herumgemäkelt wird, dass der einst so organische Einsatz von elektronischen Effekten hier durch die regelmäßig sich wiederholenden Abläufe zum ermüdenden Manierismus werde? Der Schreiber dieser Zeilen sitzt da in der selbst gestellten Fragefalle, hat er doch von der unbändigen Spielfreude geschwärmt, vom Sinn für deklamatorische Melodik, von der vertrackten Rhythmik, und hört er doch all dies auch auf Tuesday Wonderland. Während er sich dabei zudem an sensiblen Momenten des intensiv verhaltenen, gegenseitig sich zuhörenden Interagierens erfreut und begeistert bereit ist, e.s.t. unumwunden zu einem der größten Jazztrios neben Keith Jarretts’ Band zu erklären, reißt ihn aus seiner Verzückung, was er in diesem Wunderland-Artefakt als kalkuliert aufgesetzten Effekt empfindet: den unorganischen Übergang von delikater deklamatorischer Geste ins elektronisch grob vergrößerte deklamatorische Gestikulieren. Ausgerechnet in dem versteckten Zugabegag (drei Minuten nachdem der letzte Akkord verklungen zu sein scheint) findet das Gestikulieren zirkulär minimalistisch zu vier Minuten Sinnhaftigkeit. Doch so oder so ist zu sagen, dass Tuesday Wonderland e.s.t.-Musik satt bietet, und jedenfalls passiert da mehr Musik als auf vielen ähnlichen Produktionen.

Thomas Fitterling, 29.09.2006



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