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Clara Schumann

Sämtliche Klavierwerke

Susanne Grützmann

Profil Hänssler 07065
(10/1995) 4 CDs

Beschaut man die Angelegenheit, so stellt sich rasch eine Frage, unausweichlich in ihrer Gestalt: Wie, um Himmels Willen, hat diese Frau das nur geschafft? Wie konnte sie ein Kind nach dem anderen gebären, den Haushalt führen, ihren Mann besänftigen, seine Kunst beurteilen und fördern, die unzähligen Werke, die er ihr gleichsam auf die Tasten warf, interpretieren auf den Podien Europas, und, als wäre das nicht genug, wann fand sie dabei die Zeit, auch noch selbst zu Federkiel und Tinte zu greifen, um ihre kompositorischen Ideen auf Papier zu bannen? Zu erklären ist es nicht, es sei denn, man einigte sich auf die Vermutung, Clara Schumann, geborene Wieck, habe von ihrem Vater die Hartnäckigkeit geerbt, und ihre Wiege sei vom lieben Gott mit Manna bestreut worden.
Das alles hat indes wenig an der Tatsache geändert, dass Clara Schumann als Komponistin bis heute von weiten Kreisen der Fachwelt nicht besonders ernst genommen wird. Man attestiert Talent, um aber sogleich den Ehemann herbeizuzitieren als Beleg für die Konkretion wahrer Meisterschaft – was insofern einer schicksalhaften Ironie nicht entbehrt, da Robert seiner Clara das Komponieren zwar nicht gänzlich verbot, aber doch vieles daran setzte, dass sie nicht aus seinem Schatten zu treten vermochte. Gleichermaßen müßig und brisant ist die Frage, wovon die Musikgeschichtsschreibung heuer, in Zeiten von Gender Studies und angenommener Gleichberechtigung, berichten würde, hätte Robert die Kinder erzogen und wäre er der umjubelte Pianist gewesen, der ihre Werke der Welt gezeigt hätte, kurzum: wären die Rollen getauscht. Da Spekulationen nicht weiterhelfen, hilft nur eines: der Vergleich. Und allein deswegen kommt es einer Ruhmestat gleich, wenn sämtliche Klavierwerke von Clara Schumann gebündelt auf dem Plattenteller liegen zum Ziele der objektiven wie umfassenden Einschätzung, Einordnung. Zu danken ist es der Pianistin Susanne Grützmann, die sich die Mühe gemacht hat, einen eingehenden Blick auf das Oeuvre zu werfen. Die Ergebnisse sind wohl fruchtbar für die Erkenntnis, wie Clara komponierte, allerdings sind sie zugleich zwiespältig. Und wie man die Dinge auch im Licht und Schatten dreht und wendet, schwerlich kommt der wohlmeinende Hörer umhin, auf eine Wesenheit der Kompositionen immer wieder verwiesen zu werden: Im Grunde verfügt jedes Stück, sei es singulär, eine Caprice oder eine Romance, oder sei es Teil einer Sonate, eines Variationenzyklus’, über einen zwingenden poetischen Einfall, gründet auf diesen, vermag aber diesen Einfall nicht in einer bezwingenden Weise weiterzuentwickeln. Das Mosaik, es liegt in Scherben, wiewohl anmutigen Scherben. Dies Manko führt zumeist zu einer Redundanz des musikalischen Geschehens und einer formalen Unwucht, insbesondere dort, wo Clara Schumann aus dem Bereich der Miniatur heraustritt, wo sie sich an den großen Gattungen versucht. Besonders deutlich wird das bei der zweiten der vier CDs, auf der auf drei wundervoll ausbalancierte, innig-lyrische Romanzen die Sonate in g-Moll aus den Jahren 1841/42 folgt (die Tonart ist gewiss kein Zufall, Roberts Sonate op. 22 in g-Moll dürfte entschieden Pate gestanden haben). Derweil die Moments musicaux durch einen Klangzauber nachgerade betören, durch eine Augenblicksstimmung, die nicht anders als auratisch zu nennen ist, ermangelt es der Sonate an einer durchgreifenden Idee (wer hier protestieren möchte: Idee ist nicht gleich Einfall!), an einer Logik des Fortgangs, der man nicht zu entweichen gewillt ist. Salopp gesagt: Diese Musik klingt wie ein Bach, der träge vorbeifließt und aus dem hier und da ein Fisch in die Luft springt und uns verwundert. Ähnlich verhält es sich im Grunde mit der Kunst der Interpretin. Daran gibt es nichts zu mäkeln, ein jeder Takt, eine jede Phrase ist wohlgeformt und wohlgestaltet. Allein, das Klangbild ist ein kantiges, allzu karges, mitunter fast karstiges. Mag die Interpretin eine Klassizität im Sinne gehabt haben, es führt dieser Weg zumal aufgrund der genannten Schwächen in die Irre: Noch deutlicher als in einer romantisierenden Darstellung tritt so das Gerüst der Kompositionen hervor.

Tom Persich, 11.08.2007



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