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Jazz sous l’occupation

Diverse

Gitanes/Universal 018 431-2
(67 Min., 3/1940 - 2/1944) 1 CD

Natürlich wurde trotzdem gejazzt, auch im besetzten Frankreich. Die Nazi-Zeit kannte nicht nur die deutsche „Swing-Jugend", die in der ständigen Gefahr lebte, in KZs verfrachtet zu werden. Sie fanden in den Zazous, im besetzten Frankreich, ihre Parallelerscheinung. Mit Hören des „entarteten" Jazz, der von Nazis als „niggerisch und verjudet" gebrandmarkt wurde, drückten Jugendliche ihren Protest aus: die lebensbejahende, von der Improvisation lebende Musik, stand auch bei unseren Nachbarn für Freiheit und Demokratie, gegen Militarismus und Rassismus. Und ihr Lebenselixier tönte nicht etwa nur von importierten Platten aus den Vereinigten Staaten, sondern wurde von leibhaftigen Meisterswingern gespielt. Einige von ihnen – etwa der geniale Django Reinhardt – gehörten schon aus „rassischen Gründen“ für die Nazis zu den „Untermenschen“, doch wurde Djangos Musik auch von Wehrmachtsoffizieren und deutschen Kommandanten geschätzt, die sogar mal beide Augen zudrücken konnten.
Während Djangos Stern bis heute in alle Welt leuchtet, ist die Vielzahl der Franzosen, die in den Jahren der „occupation“ dem braunen Ungeist zum Trotz swingten, fast vergessen. Diese Django-lose Zusammenstellung – acht vollständige Aufnahmeserien statt eines Querschnitts - setzt ihnen ein ehrenvolles Denkmal. Viele Musiker stammen auch aus Djangos Umfeld: Der Klarinettist Hubert Rostaing ist hier vielleicht am häufigsten zu hören, auch mit Aufnahmen unter eigenem Namen, die 1943 entstanden, nachdem er sich mit Django aus finanziellen Grünen überworfen hatte. Djangos Geist atmen natürlich vor allem die Aufnahmen seines Bruders Joseph Reinhardt. Als hervorragender Gitarrist des Gipsy Swing (dessen Band sich freilich an das Hot-Club-Quintett anlehnte) stand er allzu sehr im Schatten Djangos. Auch seine Sidemen ringen Respekt ab: Was André Hodeir - später ein angesehener Jazzschriftsteller und Komponist eher intellektuell-kühler Jazzabstraktionen - bei Joseph Reinhardt für eine hotte Jazzgeige gespielt hat!
Um während der Besetzung eine Chance zu haben, musste der Jazz freilich besonders französisch auftreten. Man merkt dies an den französischen Texten und an der „unamerikanischen“ Besetzung: Eher „europäische“ Instrumente wie Akkordeon (hier der legendäre Gus Viseur) und Mundharmonika (ein vorzüglicher, an Larry Adler erinnernder Dany Kane), Klarinette und Geige wurden bevorzugt, obgleich die Aufnahmen zeigen, dass der Standard, der sich an amerikanischen Vorbildern orientierenden Saxofonisten wie André Ekyan, sehr hoch war. Und wenn man partout nicht auf die Schlachtrösser verbotener amerikanischer oder jüdischer Komponisten verzichten wollte, wurde eben „Sweet Georgia Brown“ zu „Douce Georgette“, „Night and Day“ zu „Nuit et jour“ und „I Got Rhythm“ bei Day Kane gar zu „Agatha Rhythm“. Viele dieser Aufnahmen waren bislang große Schellack-Raritäten. Abgesehen von ihrem historischen Wert, bereiten sie auch weit mehr Lebensfreude als man Zeugnissen einer eher düsteren Zeit zutrauen würde.

Marcus A. Woelfle, 15.02.2003



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