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Camille Saint-Saëns, Peter Iljitsch Tschaikowski, Max Bruch

Cellokonzert Nr. 1, Rokoko-Variationen, Andante cantabile, Kol nidrei

Pieter Wispelwey, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Daniel Sepec

Channel Classics/Helikon Harmonia Mundi CCS SA 16501
(56 Min., 6/2000) 1 CD

Wispelwey, der immer noch junge Holländer, bringt das Kunststück fertig, elegant Cello zu spielen, aber niemals glatt; die Wette, die man hörend mit sich selbst abschließt, wie eine bestimmte Phrase gelingen wird (oder auch nicht), bleibt spannend. Jedenfalls hat man hier nie das Gefühl, einer längst „fertigen“, einer in Bernstein gegossenen Interpretation beizuwohnen: Sie bleibt unfertig, im besten Sinne. Wispelweys Saint-Saëns überzeugt mich als eine sehr brauchbare, aber nicht überragende Deutung (auch agiert das Orchester hier manchmal grob). Dann aber gleich die erste „Zugabe“, Tschaikowskis in zig Arrangements ziemlich verschlissenes Andante cantabile – schön, wie es zwingend aus der Ruhe heraus aufgebaut wird, sogar das Orchester findet hier noblere, schattiertere Töne. Wispelwey kann dabei eine seiner Stärken wunderbar ausspielen, diese verführerische „mezza voce“ (gedämpfte Stimme), ein Trick vor allem der Bogenführung, aber auch des kontrollierten Vibratos. Manches Mal an der Grenze zur Manier, aber genau da spielt Größe sich ab: an der Grenze. Das gilt, mit Einschränkungen, sogar für Bruchs jiddelnden Schmachtfetzen "Kol nidrei".
Völlig unverständlich dann, warum Wispelwey, der Schüler Anner Bylsmas und inzwischen mit diesem konkurrierende Authentiker-Gegenpapst der Niederlande, warum er nicht die originalen „Rokoko-Variationen“ einspielte, sondern die von Tschaikowski gehasste und inzwischen von Steven Isserlis, von Raphael Wallfisch und anderen als unzulänglich entlarvte Fitzenhagen-Version! Der Cello-Virtuose Fitzenhagen ging mit Tschaikowskis Musik um wie Prokrustes mit den Wanderern, die seines Wegs kamen. Waren sie kleiner als sein „Bett“, streckte er sie; den Größeren hackte er die Beine ab. Sicher wird hier manches wieder äußerst raffiniert gespielt. Aber es ist nur ein halber, ein prokrusteshaft amputierter Tschaikowski.
Allerdings gibt es noch einen außermusikalischen Grund, warum diese Aufnahme Beachtung verdient: Es ist die erste Klassik-CD, die als „Super-Audio-CD“ (SACD) im Mehrkanal-Verfahren veröffentlicht wird. Sie wird nur als so genannte Hybrid-SACD angeboten, läuft also gleichermaßen auf SACD- wie auf normalen CD-Spielern, kostet aber nur so viel wie eine normale Hochpreis-CD (sonst werden für Hybrid-SACDs um die 70 Mark verlangt).
Ich hatte Gelegenheit, die Weiterentwicklung im Blindhörtest kennen zu lernen – allerdings nur in der Stereoversion. Der Redakteur schaltete von Klangquelle „A“ nach „B“ und wieder zurück, gefragt wurde, was denn besser klänge? Beziehungsweise, worin der Klangunterschied bestehe? Zuerst dachte ich, es geht um die gute alte Vinyl-oder-Silber-Debatte. Und in gewisser Weise tat es das: „A“, wie ich später erfuhr, die konventionelle CD, klang für mich exakt wie die alte LP – unschärfer, dumpfer, wärmer. Dagegen „B“, die neue SACD: Brillanter, „echter“, transparenter, aber auch kälter. So eben, wie damals die CD gegenüber der LP klang. (Gehört wurde mit dem Sony-Spieler SCD-555ES für 3800 Mark.)
Nun war ich zwar nie ein Verfechter des Vinyls über die Genauigkeit der CD, die wahrlich Fehler der Interpretation oder der Aufnahmetechnik nackter zu Tage treten ließ – und deshalb verpönt war und ist in den Kreisen, die’s lieber wohlig-diffus und schwammig haben. Aber ich konnte mir nicht helfen: Diesmal war auch mir manch „Dumpferes“ und vermeintlich „Wärmeres“ sympathischer als der unbarmherzig analytische Klang des neuen Mediums!
Wahrscheinlich muss diese Frage von Fall zu Fall entschieden werden. Zu welcher Musik passt SACD besser als die CD von dunnemals? Seltsam, dass man schon heute darüber so redet. Ich erinnere mich noch gut, als wär’s gestern, dass ebendiese CD das Nonplusultra des reinen, magischen, unübertreffbaren Hörgenusses war ...

Thomas Rübenacker, 14.06.2001



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