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N° 1230
04. - 10.12.2021

nächste Aktualisierung
am 11.12.2021



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Richard Wagner

Märsche und Festouvertüren

Philharmonisches Orchester Hongkong, Varujan Kojian

Naxos 8.555386
(46 Min., 1/1983) 1 CD

Zeit seines Lebens war Richard Wagner klamm. Das lateinische Wort „clam“ heißt „heimlich“, aber wenn Wagner schnorrte, geschah das nie klammheimlich – sondern in aller Öffentlichkeit und in ganz großem Stil. Der zweite Ludwig musste die Regierungsgeschäfte abtreten, weil er für Wagner die bayerische Staatskasse geplündert hatte, und noch zur Zeit des „Parsifal“ (also seines letzten Bühnenwerks) war Wagner sich nicht zu schade, einen „American Centennial March“ für die Stadt Philadelphia zu komponieren. Das brachte ihm 5.000 Dollar ein, etwa so viel wie heute 120.000!
Heraus kam dabei natürlich weniger Sousa als Wagner, ein Festmarsch so zirka für die Lohnhäuser/Tannengrin-Welt, „Stars and Swans Forever“, hier vom Orchester Hong-Kong fast zu diskret gespielt – King-Kong wäre richtiger gewesen.
Die CD bündelt Auftragsarbeiten und Liebedienereien (mit Blick auf mögliche Aufträge), etwa den echt wagnerianischen Orchester-Blowup der relativ simplen Melodie „Rule Britannia!“ von Thomas Augustin Arne, dritte englische Nationalhymne nach „God Save ...“ und „Land of Hope and Glory“. Das war 1836, Wagner damals nicht nur klamm, sondern abgebrannt, und natürlich schickte er die „Rule“-Ouvertüre Sir George Smart, dem Präsidenten der Königlich-Philharmonischen Gesellschaft London. Hörte aber nie wieder was davon.
Dafür umso mehr beim „Kaisermarsch“ von 1871, als Wilhelm I. von Preußen Kaiser eines geeinten Deutschland wurde – ein Stück typisch wagnerschen Opportunismus, denn der Stern seines Gönners Ludwig war längst am Sinken. Große Musik ist das alles nicht, aber faszinierend rar – und ein klingendes Charakterporträt der dunkleren Seiten unseres Gralsritters.

Thomas Rübenacker, 17.05.2001



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