Ein Kindheitstrauma. Das böse Mädchen in schwarz betrachtet sich selbstverliebt im Spiegel und stößt ihre im weißen Tutu Spitze tanzende kleine Schwester eifersüchtig zu Boden. Die Szene könnte von Hans Neuenfels sein. Ist sie aber nicht. Günter Krämer erklärt so an der Wiener Staatsoper, warum sich Abigaille, Nabuccos vermeintliche Tochter, auf einen Rachefeldzug der Vernichtung begibt. Warum Hass, Aggression und Gewalt sie motivieren. Und warum sie immer so laut singt. Weil sie als kleines Mädchen nicht Vatis süße Lieblingsballerina war. Weil sie kein weißes Tutu hatte. Dieser "Nabucco" trägt von Anfang bis Ende den Krämer-Stempel. Hochprofessionell gemacht, genaue Personenführung, beeindruckende Bilder vornehmlich in Schwarzweiß. Dreißiger bis vierziger Jahre. Juden tragen Koffer, weil sie das immer tun bei Krämer. Und zum Gefangenenchor hält jeder das Schwarzweißfoto eines vermissten, verlorenen, geliebten, vielleicht gemordeten Menschen vor sich her.
Maria Guleghina manövriert ihre Riesenstimme sicher durch die mörderischen Höhen und Tiefen Abigailles. Leo Nucci, bei Krämer ein markanter Charakterkopf, überrascht mit immer noch starken Reserven als Nabucco. Keine Schwächen bei den übrigen Partien. Und Fabio Luisi prescht mit Verve durch Verdis Melodienschwall.

Jochen Breiholz, 09.06.2006



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Ein paar vorgegebene Noten, aber auch viel frei Improvisiertes – fast wie im Jazz. Beschrieb Nils Mönkemeyer seinen neuen diskografischen Ausflug nach Italien jüngst im Radio. Und ja, wer sich etwa erinnert, was Patricia Kopatchinskaja dem Konzerte wie am Fließband produzierenden Antonio Vivaldi unlängst auf der Geige andichtete – zugeben deutlich radikaler, als Mönkemeyer hier vorgeht – fühlt sich darin bestätigt. Es gibt Spielraum. Nun ist Mönkemeyer Bratscher, begegnet also […] mehr »


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