Stellen wir uns vor: Jemand, der noch nie in seinem Leben in der Oper war, der denkt, Oper sei langweilig, statuarisch, unglaubwürdig, nichts sagend, wird von einem, der's besser weiß, sanft belehrt: Oper kann aufregend, spannend, faszinierend und Glück pur sein. Und dann bekommt dieser Jemand "Moise et Pharaon" aus der Scala in die Hände, sieht alle seine Vorurteile bestätigt und ist für die Oper auf immer verloren!
Das Klischee vom Stehtheater, von den singenden Kostümständern, hier wird es grausame Wirklichkeit: Bühnenbildner Gianni Quaranta hat auf die Scala-Bühne eine opulente, felsige Wüstenlandschaft gewuchtet, in deren Mitte eine gigantische Orgel thront. Regisseur Luca Ronconi hat festgelegt, wer wann wo auftritt und nach gesungener Arbeit wieder abgeht. Man steht, umarmt, kniet, hebt Arm, dunkelt Stirn und singt, das ist alles. Die Gesichter sind fast durchweg leer. Ein Ausdruck, eine Haltung, eine Figurenzeichnung existieren schlichtweg nicht, nicht einmal in Ansätzen. Den Tiefpunkt markiert der Chor, ein spannungsloses, tönendes Kollektiv, eine Gruppe von desinteressierten Privatleuten in Kostüm, die über das absolute Minimum an "Wir verlassen uns auf zwei Standardgesten und einen Blick" nie hinauskommen.
Aber dies ist Mutis Scala, da geht's nur um den Gesang, und der kann sich in Rossinis Bearbeitung seines früheren "Mosé in Egitto" hören lassen. Barbara Frittoli schmelzt süßen Wohllaut, Giuseppe Filianoti empfiehlt sich für die engere internationale Tenorauswahl (sein Met-Debüt im letzten Herbst war ein mittelschwerer Triumph), Ildar Abdrazakov und Erwin Schrott liefern sich als Moses und Pharao zumindest vokal einen Machtkampf, und im Graben waltet der inzwischen verstoßene Scala-Herrscher mit der ihm eigenen Penibilität. Klingt gut. Al dente ist es nicht. Augen zu und durch.

Jochen Breiholz, 01.04.2006



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