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Sentimental Journey

Nils Landgren

ACT/Edel contraire 9409-2
(60 Min., 6/2002) 1 CD

Es scheint, als habe die deutsche Jazzgemeinde ein Nils-Landgren-Taumel ergriffen. Auf den großen Festivals ist der schwedische Posaunist und Sänger omnipräsent, sein CD-Schaffen ist beträchtlich, und von den Gazetten wird er überschwänglich gefeiert. Was machen eigentlich die Landgren-Skeptiker? Man sieht sie nicht mehr in der ihnen zugewiesenen Ecke der Jazzpolizei.
Landgrens neueste CD "Sentimental Journey" lässt einen Verdacht aufkeimen, der dies Rätsel lösen könnte: die gesamte auf Landgren angesetzte Abteilung hat sich heimlich zur blauen Stunde ins stille Kämmerlein verzogen und entdeckt den Charme der herben Wehmut der großen Balladen des Great American Songbook ganz neu. Seit Chet Baker in ein Mikrofon sang, haben diese herrlichen Songs wie "Speak Low", "This Masquerade" oder "My Foolish Heart" den Hörer nicht mehr so direkt berührt.
Bei singenden Ladies schwingt da immer die laszive Nightclub-Pose mit, die baritönernen Balladeers können das Knödeln nicht lassen, und oft legen Streicher noch ihren Sirup über den Vortrag. Nicht so bei Nils Landgren - mit seiner Chet-Baker-Stimme ist sein Geang schlicht die Essenz von Wort und Musik der Songs, und seine kurzen samtenen Posaunensoli bestätigen diese Essenz in warmem Licht. Paradoxerweise sorgen bei Landgren gerade die Streicher des Fleshquartet für die sich im Herzen so anrührend verhakende aufgerauhte Textur des Materials.
Das Rhythmus-Team aus Anders Widmark am Klavier sowie Lars Danielsson und Wolfgang Haffner an Kontrabass und Schlagzeug spielt mit zurückhaltender, stimmiger Präsenz. Gönnen wir der Jazzpolizei dieses Erlebnis von Schönheit.

Thomas Fitterling, 22.08.2002



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