Responsive image
Sergei Prokofjew

Violinkonzerte Nr. 1 und 2

Graf Mourja, Tschaikowsky Sinfonieorchester Moskau, Wladimir Ponkin

Le Chant Du Monde/Harmonia Mundi RUS 288177
(47 Min., 4/2001) 1 CD

Was bedeutet "Lyrismus"? Mit diesem Etikett wird eine immer wiederkehrende Phase in Prokofjews Schaffen beklebt, in deren Mitte zum Beispiel das Ballett "Romeo und Julia" steht. Wer sich aber mal die Mühe macht, das ganze Werk anzuhören (oder auch "Cinderella"), der wird mehr Fußangeln und Tellerminen finden als in ganz Afghanistan.
Auch die beiden Violinkonzerte von 1917 und 1935 werden unter dieser Aktennotiz abgelegt: lyrisch. Natürlich sind sie das auch. Was aber selbst das bedeutet, fragt man sich, wenn man diese Einspielung hört: Graf Mourja, der ukrainische Geiger ungarischer Herkunft (nicht von Adel), spielt technisch so souverän, dass er sich sogar Kessheiten erlauben kann. Es klingt manchmal, als wolle er sagen: "Na, wie hab' ich diese Passage hingelegt, hm? Wartet auf die übernächste, die wird noch besser!"
Was aber einzig von A bis Z stattfindet, ist hochgediegenes Geigenspiel ohne jede Bedeutung. Prokofjews Konzerte, um die Oistrach und Kogan und auch der junge Repin mit sehr unterschiedlichen Resultaten gerungen haben, verlieren hier jedes Relief - nicht einmal das Orchester, immerhin das älteste Russlands, noch aus der frühen Sowjetunion, bietet irgendeine Reibfläche, irgendeinen Widerstand. Man muss nicht in jedem Fall die ganze Geschichte eines Werkes mitspielen, kann oft sein, dass man sie gar nicht kennt. Aber dass gerade diese beiden Violinkonzerte Schwellenwerke in der Biografie Prokofjews sind, das "Lyrische" als ein trotziges "Dennoch!" der jeweiligen Krise entgegengeschleudert, das zumindest sollte man doch heraushören.
Graf Mourja und das Orchester bringen es fertig, auf hohem Niveau völlig harmlos zu bleiben. Ich muss, wie so oft, an meinen alten Deutschlehrer denken: Ziemlich brillant, pflegte der zu sagen. Aber leider Thema verfehlt.

Thomas Rübenacker, 28.02.2002



Diese CD können Sie kaufen bei:


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.




CD zum Sonntag:

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

13 Sekunden! Keine Sekunde mehr oder weniger erfreut sich der Hörer an Ludwig van Beethovens Bagatelle op. 119 Nr. 10. Und diese Episode deutet schon auf das entscheidende Schlagwort der neuen Beethoven-CD von Kilian Herold (Klarinette), Peter-Philipp Staemmler (Violoncello) und Hansjacob Staemmler (Klavier) hin, das da lautet: Kurzweiligkeit. „Composing Beethoven“ präsentiert freilich keine Stangenware, sondern ein klug konzipiertes Album, das originale Werke des Geburtstagskindes mit […] mehr »


Top