home

N° 1223
16. - 22.10.2021

nächste Aktualisierung
am 23.10.2021



Responsive image
Modest Mussorgski, Maurice Ravel

Bilder einer Ausstellung, Valses nobles et sentimentales

Ivo Pogorelich

Deutsche Grammophon 437 667-2
(61 Min., 1996) 1 CD

Das nennt man Repertoire-Politik: Zum dritten Mal in vier Jahren Mussorgskis „Bilder“ bei der Deutschen Grammophon – und im Katalog fünfzig Konkurrenten. Doch Ivo Pogorelich ist nicht irgendwer, er ist der König aller Klavierexzentriker, und er unternimmt auch hier wieder alles, um seinen Ruf nicht zu gefährden. Anatol Ugorskis hausinterne Konkurrenzversion, ebenfalls recht freizügig, verblaßt zum braven Akademismus.
Vielleicht benützt Pogorelich eine eigene Ausgabe des (philologisch an sich unproblematischen) Notentextes, denn seine dynamischen, agogischen und vor allem rhythmisch-metrischen Eigenmächtigkeiten überschreiten (wieder einmal) bei weitem das Maß des Erträglichen. Im klingenden Resultat hat es den Anschein, als würde Pogorelich die Interpretationsgeschichte auf den Kopf stellen und Mussorgskis guten Ruf (als Realisten) nachträglich desavouieren wollen – so unverfroren und konsequent betreibt er hier die Rückverwandlung des Antiromantikers und Anti-Illusionisten Mussorgski zu einem auf Klangeffekte, schmachtende Rubati und morbid-süße Stimmungen ausgerichteten Spätromantiker, zu einem „somnambulen“ Vorläufer Skrjabins oder Rachmaninows.
Pogorelichs kunstvolle Verwischungen des Metrums und seine „zeitlosen“ Mysterienspiele erweisen sich freilich als sehr zeitraubend: Mit lähmenden 42 Minuten für den Zyklus peilt er die untere Rekordmarke an und verweist Horowitz’ fünfzig Jahre alte Referenz-Version (29’30) in die Kategorie olympischer Sprint-Leistungen. Statt knochentrockenen russischen Stationentheaters erleben wir hier die schwankenden Albträume eines müde und ausgebrannt wirkenden Museumsbesuchers. Mussorgski glaubt, Tschaikowsky zu sein, und Pogorelich, sein „Dr. Freud“, bringt’s an den Tag.

Attila Csampai, 28.02.1997



Diese CD können Sie kaufen bei:

Als JPC- und Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen


Kommentare

Kommentar posten

Für diese Rezension gibt es noch keine Kommentare.


CD zum Sonntag

Ihre Wochenempfehlung der RONDO-Redaktion

Externer Inhalt - Spotify

An dieser Stelle finden Sie Inhalte eines Drittanbieters, die Sie mit einem Klick anzeigen lassen können.

Mit dem Laden des Audioplayers können personenbezogene Daten an den Dienst Spotify übermittelt werden. Mehr Informationen finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Der Beginn ist bekanntlich eine sehr delikate Phase. Womit also fängt man an, als junges Klaviertrio, die ersten Schritte machend auf dem diskografischen Karriereweg? Das Silver Trio hat für sein Album-Debüt Beethoven, Rachmaninow und Bernstein ausgewählt. Eine durchaus merkwürdige Kombination, nicht weil man Musik verschiedener Epochen nicht auf einer CD vereinen dürfe – ganz im Gegenteil, so machen es viele Ensembles teils mit großem Erfolg. Da einem aber irgendwie keine Verbindung […] mehr


Abo

Top