Mit den Worten "Die Handlung muss einfach, gefühlvoll und heldenhaft sein, römisch, griechisch oder auch persisch...", beschrieb Giuseppe Riva 1725 die Vorlieben des Londoner Publikums, und auch Händels "Siroe", hält sich daran, wenngleich "gefühlvoll und heldenhaft" durchaus als Euphemismus für "sex and crime" genommen werden kann, als Umschreibung für das ewig aktuelle Forschen in den finsteren Seelenabgründen, wo Liebe und Hass, Zärtlichkeit und Totschlag, Traurigkeit und Jubel unentwirrbar verwoben scheinen.
Die Premiere von Händels "Siroe" 1728 am Haymarket Theatre fiel in eine Zeit, da sich die glanzvolle Epoche der Londoner Opernhysterie langsam ihrem Ende zuneigte. Wie Perlen reihen sich die Meisterwerke Händels aneinander, die er für die Royal Academy of Music schrieb, und für die er die weltbesten Sänger zur Verfügung hatte. Obwohl heute eher unbekannt, macht "Siroe" hierin keine Ausnahme - mit 18 Aufführungen war die Geschichte des nicht fehlerlosen, aber menschliche Größe zeigenden Perserprinzen ein durchschlagender Erfolg. Das Libretto stammte von dem damals am Anfang seiner Karriere stehenden genialen Pietro Metastasio, mit dem sich Händel hier erstmals verband. Die neue (in den Rezitativen gekürzte!) Aufnahme vereint ein Ensemble von sehr guten Sängern, der Klang ist stets stilistisch sauber und angenehm, wenngleich man sich manchmal einen etwas dramatischeren Zugriff wünscht. Höhepunkte sind Ann Hallenberg als Siroe mit "Mi credi infedele" und in dem verzweifelten "Deggio morire", Johanna Stojkovic als Emira mit dem bewegten "Sgombra dell’anima" und auch Sebastian Noack mit der ergreifenden Arie "Gelido in ogni vena", in dem der alte König erkennt, dass er seinen Sohn unschuldig verurteilt hat.

Helga Utz, 08.05.2004



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