Kein lebender Dirigent von Rang hat so viel und so Ausgefallenes aufgenommen wie Neeme Järvi. Natürlich bedingt das eine das andere, aber der große Este ist schon auch immer sehr neugierig, so wie auch seine treue Plattenfirma Chandos. Und mit dem wohlklingend vielseitigen Estonian National Orchestra hat Järvi zudem einen ihm lange verbundenen, ebenfalls entdeckungswilligen Klangkörper an der Hand. Besonders gerne treibt sich Neeme Järvi in der französischen Romantik herum. Und er ist einmal mehr bei sonst eher vernachlässigten Bühnenmusiken bekannter Namen fündig geworden, die er zu einem abwechslungsreichen, bunt schillernden Album verschiedener Temperamentszonen gebündelt hat. Es beginnt blechsatt mit der pompösen Ouvertüre zum 1851 uraufgeführten Dreiakter „Raymond“ von Ambroise Thomas. Bekannter tönen dann die italienisch prickelnden Rhythmen von Daniel-François-Esprit Aubers bekanntester Oper „Frau Diavolo“. Zwei weitere, unterhaltsame Vorspiele aus dem Bereich der Opéra comique folgen, beide von François-Adrien Boieldieu: der frühe Einakter „Le Calife de Bagdad“ (1800) mit noch sehr vorsichtiger Musiktheater-Exotik sowie die vergnüglich swingende „La dame blanche“ von 1825 – auch dies das bekannteste Werk jenes Tonsetzers. Es folgen zwei ausführlichere Werke, die als gelungene Stilkopie bewusst renaissancehaft altertümlich sich gebende Zwischenaktmusik und das „alte Lied“ mit Cello und Mandoline von Leo Delibesʼ Schauspielpartitur für Victor Hugos „Der König amüsiert sich“ von 1882 – Grundlage zuvor für Verdis „Rigoletto“. Am wirkungsvollen Ende steht die halbstündige, eigenständige Ballettmusik „Espada“ von 1908, für die Baron Henri de Rothschild das Libretto schrieb. Dieses „Schwert“ dokumentiert einmal mehr Jules Massenets Vorliebe für pikant spanische Klänge. Er ist ein Meister iberischer Imitation, Neeme Järvi kostet das so begeistert wie klangfüllig aus.

Matthias Siehler, 27.03.2021



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