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N° 1272
24. - 30.09.2022

nächste Aktualisierung
am 01.10.2022



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Bescheidener Großmeister: Herbert Blomstedt wird 95 Jahre alt © Martin U.K. Lengemann

Pasticcio

Musik hält jung

Am 5. Mai 2016 warf sich das musikalische Dresden besonders in Schale. Denn das für diesen Abend anberaumte Sinfoniekonzert war zugleich als feierlicher Festakt geplant. Ausgezeichnet wurde mit Herbert Blomstedt eine Musikerpersönlichkeit, zu der die Staatskapelle Dresden bis heute ein außergewöhnlich enges freundschaftliches Verhältnis besitzt. Immerhin stand Blomstedt bereits 1969 zum ersten Mal am Pult dieses Traditionsorchesters. Und im Laufe der nächsten Jahrzehnte prägte er auch als Chefdirigent das Orchester und die Musikstadt Dresden. Im Rahmen des von ihm geleiteten Konzertabends wurde Blomstedt also nun an jenem Mai-Abend zum Ehrendirigenten ernannt. Und in seiner Laudatio erinnerte sich Bernward Gruner – seines Zeichens Orchestervorstand und seit 1979 Cellist der Staatskapelle – an die fruchtbare Zusammenarbeit mit Blomstedt: „In großer Gründlichkeit, mit überschäumender Liebe zur Musik und stets sehr achtungsvoll im Umgang mit den Musikern und dem Publikum gingen Sie zu Werke. Sie setzten künstlerisch und menschlich Maßstäbe, die unter keinen Umständen unterschritten werden konnten.“ Und der Geehrte? Sichtlich gerührt bedankte er sich für diese Auszeichnung: „Mein Herz hat zwei Kammern, es sind zu wenige. Ich möchte im meinem Herzen viel Platz für die Freunde und Erinnerungen in Dresden haben.“
Zu jenem Zeitpunkt herrschte in Blomstedts Herzen aber bereits ganz schönes Gedränge. Denn was die Anzahl der musikalischen Freunde und die Erinnerungen an zahllose Konzerte angeht, ist im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte einiges zusammengekommen. Seit seinem offiziellen Pult-Debüt, das er 1954 beim Royal Stockholm Philharmonic Orchestra gab, hat er nicht nur wichtige Chefposten inne gehabt. Neben seiner Leitung u.a. des Oslo Philharmonic Orchestra und des San Francisco Symphony ist Blomstedt immer wieder auch bei den Wiener und Berliner Philharmonikern zu Gast gewesen.
Der scheinbar mit einem gutmütigen Dauerlächeln auf die Welt gekommene Blomstedt war aber nie ein auf Showeffekte setzender Stardirigent. Dem Amerikaner mit schwedischen Wurzeln waren stattdessen Disziplin und Partiturtreue wichtig. Und auch im Aufnahmestudio hat er immer große Erzählkraft bewiesen, wenn er sich vor allem mit dem deutsch-österreichischen sowie dem skandinavischen Erbe beschäftigte. Seine Gesamteinspielungen etwa der Sinfonien von Beethoven und des Dänen Carl Nielsen haben bis heute nichts an Farbigkeit und Intensität eingebüsst. Dass Blomstedt gleichermaßen ein großer Bruckner-Dirigent ist, hat er während seiner Zeit als Chefdirigent des Leipziger Gewandhausorchesters bewiesen (1998-2005).
Von den Leipzigern ist Blomstedt mittlerweile ebenfalls zum Ehrendirigenten ernannt worden. Und dass auch dieses Verhältnis zwischen Orchester und Dirigent weiterhin harmonisch und befruchtend ist, dokumentiert eine gerade veröffentlichte, im zweifachen Sinne besondere Aufnahme. Denn Schuberts Große C-Dur-Sinfonie hat Blomstedt nicht nur bereits Ende der 1970er Jahre mit der Staatskapelle eingespielt. Mit diesem sinfonischen Klassiker hat er jetzt tatsächlich sein überfälliges Debüt bei der Deutschen Grammophon gegeben – pünktlich zum 95. Geburtstag, den dieser (wahrscheinlich) dienstälteste Dirigent nun am 11. Juli feiert.

Guido Fischer



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