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N° 1260
02. - 08.07.2022

nächste Aktualisierung
am 09.07.2022



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(c) Willi Pleschberger

Musiktage Mondsee

Von Herz zu Herzen

Das Festival im herrlichen Salzkammergut stellt dieses Jahr Felix Mendelssohn Bartholdy in den Mittelpunkt.

András Schiff hatte es noch nie so mit der glamourösen Pranke. Und auch das Blitzlichtgewitter meidet der ungarische Pianist, wo es nur geht. Kein Wunder, dass Schiff daher selbst kein Mann für großes PR-Geklingel ist. Was er schon 1989 unter Beweis stellte: In jenem Jahr fand in der ersten September-Woche das von ihm gegründete Kammermusikfestival „Musiktage Mondsee“ statt. Und im flankierenden Programmbuch gehörte das Vorwort natürlich Schiff. Doch statt eben nun den bevorstehenden Konzertreigen mit den obligatorischen Superlativen anzupreisen wie „Das haben Sie, liebes Publikum, so noch nie gehört“, verkündete er die Festival-Idee geradezu nüchtern und trocken. „Wir wollen weder besonders originell, noch modern, einmalig oder ‚interessant‘ sein“, konnte man da lesen. „Vielmehr möchten wir Meisterwerke der Musik in ungewöhnlichen Programmzusammenstellungen möglichst ideal vorbereiten und aufführen.“ So unspektakulär sich dieses Credo auch heute liest – der darin formulierte Grundgedanke sollte von Beginn an der Erfolgsgarant für dieses eher familiär angelegte statt großspurig daherkommende Festival sein. Entlang jährlich wechselnder Schwerpunkte setzt man hier ausschließlich auf den Geist des kammermusikalischen Dialogs und Gesprächs. Und auch wenn für jeden Jahrgang stets namhafte Musiker wie Gidon Kremer, Swjatoslaw Richter und Cecilia Bartoli eingeladen wurden, stand nie die Promi-Dichte im Vordergrund, sondern allein die Neugier und Lust am musikalischen Miteinander. Zu einer der vielen Attraktionen der Musiktage gehört dabei, dass die eingeladenen Musiker nicht etwa mit fertigen Programmen kommen, sondern die für den Themenschwerpunkt ausgewählten Werke vor Ort erarbeiten.
Abseits des großen Salzburger Festspieltrubels, im benachbarten Salzkammergut, erfüllte sich András Schiff mit diesem Festival einen kleinen Traum. Wobei er mit dem Mondseeland, der Landschaft rund um Mondsee und Irrsee, eine Gegend auswählte, in der selbst der gestresste Klassik-Star endlich die wahren Wonnen der Musik für sich wiederentdecken kann. Zehn Jahre lang war Schiff hier Spiritus Rector und Teamplayer in einer Person. Und gleich bei seiner ersten Festival-Ausgabe bildeten Musikerfreunde wie Robert Holl, Steven Isserlis, Aurèle Nicolet und Tabea Zimmermann Ad-Hoc-Ensembles, um vor allem die Kammermusik-Komponisten Johann Sebastian Bach und Johannes Brahms zu feiern.
Als András Schiff sich dann nach zehn Jahren von der Künstlerischen Leitung zurückzog, setzte Cellist Heinrich Schiff das Festival ganz im Sinne des Gründers fort. 2010 übernahm sodann das Auryn Quartett die Leitung der Musiktage Mondsee. Bis 2021 waren die vier Musiker des in aller Welt gastierenden Streichquartetts verantwortlich für die Planung, für das Programm und die Musikergästeliste, die von Nicolas Altstaedt bis Ruth Ziesak und von Julian Bliss bis Carolin Widmann reichte. Im letzten Jahr gab es aber gleich zwei Abschiede. Mit der Auflösung des Auryn Quartetts nach einer immerhin 40-jährigen Karriere waren nun auch die Musiktage Mondsee ohne Leitung.
Das Gute liegt nah
Doch die Zukunft des Festivals stand nur einen Wimperschlag lang in den Sternen. Denn die Nachfolge war zum Glück längst geregelt. So debütiert in diesem Jahr mit dem Künstlerischen Leiter Matthias Lingenfelder ein alter Bekannter. Lingenfelder war schließlich einer der beiden Geiger des Auryn Quartetts! Und da für ihn, seit dem ersten Gastspiel vor über 20 Jahren, die Musiktage Mondsee auch dank der sehr entspannten Atmosphäre zu einer Art zweiten Heimat geworden sind, bleibt er dem Festival nun in neuer Funktion treu. „Am bewährten Konzept und Programmschema, das in den letzten Jahren so erfolgreich war, wird sich nichts ändern“, so Lingenfelder. Das schließt dementsprechend einen Komponistenschwerpunkt ein, der diesmal auf Felix Mendelssohn Bartholdy liegt.
Das entsprechende Festivalmotto „Musik von Herz zu Herzen“ ist denn auch einem Zitat Mendelssohn Bartholdys entnommen. So schrieb dieser einmal seinem alten Lehrer Carl Friedrich Zelter: „Nur das gilt, was im tiefsten Ernst aus der innersten Seele geflossen ist. Wenn nicht der Gegenstand allein das Werk hervorgerufen hat, so wird es nie ‚Herz zu Herzen‘ schaffen.“
Mendelssohn Bartholdys Herzensmusiken finden nun in spannend konzipierten Konzerten ihr entsprechendes Echo. Die russische Klavier-Grande Dame Elisabeth Leonskaja stellt Mendelssohns „Variations sèrieuses“ der 3. Sonate von Brahms und der Schönberg-Suite gegenüber. Robert Schumann und seinem Freund Mendelssohn Bartholdy widmen sich das Schumann Quartett und Pianist Herbert Schuch. An die Geschwister Fanny & Felix erinnert auch Matthias Lingenfelder mit einem musikliterarischen Programm. Und während Khatia Buniatishvili nach Paris entführt, wo sich Franz Liszt, Frédéric Chopin und Mendelssohn Bartholdy begegneten, erzählt der Abend „Judaica“ auch anhand von Prokofjews „Ouvertüre über hebräische Themen“ und einem Streichquartett von Viktor Ullmann von der Rezeptionsgeschichte Mendelssohn Bartholdys während des Nationalsozialismus.
„Diesmal ist besonders viel Klaviermusik dabei“, so Matthias Lingenfelder. „Zum einen, weil Mendelssohn viel für dieses Instrument geschrieben hat.“ Zum andern, weil eben mit Khatia Buniatishvili, Elisabeth Leonskaja, Ariane Haering und Herbert Schuch vier ganz herausragende Pianistinnen und Pianisten ihr Kommen zugesagt haben. „Und ja, eine Neuerung ergibt sich zwangsläufig: Da das Auryn Quartett nicht mehr spielt, werde ich nun jedes Jahr ein ‚Quartet in residence‘ einladen. Heuer wird dies das junge, ausgezeichnete Schumann Quartett rund um den Geiger Erik Schumann sein, der bereits 2020 bei den Musiktagen Mondsee zu Gast war.“ Und auch die vom Schumann Quartett gespielten Werke gehen dann ohne Umwege direkt ins Herz – dorthin, wo man die Seele vermutet.

Musiktage Mondsee

26. August–3. September:
Felix Mendelssohn Bartholdy – Musik von „Herz zu Herzen“
www.musiktage-mondsee.at

Guido Fischer, RONDO Ausgabe 3 / 2022



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