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N° 1266
13. - 19.08.2022

nächste Aktualisierung
am 20.08.2022



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(c) Anna-Kristina Bauer

Capella de la Torre

Playlist des Frühbarock

Bei Monteverdi geht die Sonne auf – endlich, aber nur bei Katharina Bäuml und ihrem Ensemble. Das beglückt.

Spricht eigentlich irgendwas gegen die Renaissance?! Raffael- und Leonardo-Ausstellungen werden von aller Welt regelmäßig überrannt. Ein Ensemble für Renaissance-Musik aber, so wie die Capella de la Torre, muss sich immer wieder die Frage gefallen lassen, „warum wir nicht mal in historischen Kostümen auftreten?“ So Dirigentin Katharina Bäuml. Seit Jahren in Berlin ansässig, ist das Ensemble international einzigartig. Und klingt umso origineller.
Worin besteht der Unterschied zum Barock? „Wir benutzen ältere Instrumente, ich selber etwa die Schalmei, eine Vorläuferin der Oboe“, so Bäuml. „Größere Bögen, längere Wellen, mehr Klarheit, darauf kommt es uns an.“ Der Klang der Renaissance war durchlässiger, heller, freier. Das klingt noch gar nicht danach, was wir später von Orchestern her gewohnt sind. Diese nämlich, im Sinne eines auf Konsonanz und Fülle angelegten Ensemblegeistes, gab es im 15. und 16. Jahrhundert noch gar nicht. Selbst Claudio Monteverdi, dem man sich auf dem neuesten Album widmet, schrieb für kleine, spontan zusammengestellte Grüppchen von Instrumentalisten. Orchester kannte er noch nicht.
Also klingen die Instrumentalsätze aus der „Marienvesper“ oder den „Madrigali guerrieri et amorosi“ hier anders als gewohnt. „Wir blicken nicht aus der Zukunft auf Monteverdi zurück, so wie die Barock-Ensembles“, so Bäuml. Dieser Monteverdi ist poröser, sprunghafter, heiterer. Letzteres freilich hat auch mit der gutgelaunten Herangehensweise der Leiterin zu tun.
„Ich finde es schön, wenn die Musik Optimismus verbreitet. Ich will ein Lächeln auf die Gesichter der Menschen zaubern“, so Bäuml. Das gelingt ihr auch. Dieses Album verströmt den lässigen Eindruck einer Monteverdi-Playlist, eben weil hier mit Laune und scheinbarer Unbedenklichkeit zu Werke gegangen wird. „Die Stücke sind ja auch relativ kurz“, wiegelt Bäuml ab. „Ich will nichts verniedlichen. Die Daumenschrauben, während wir das spielen, sitzen fest.“
Ob man Monteverdis sogenannte „Seconda pratica“ so in den Blick bekommt, von der Silke Leopold im Booklet spricht, wäre eine andere Frage. Monteverdis Neuigkeit bestand darin, Erschütterungswerte, also ein Maß empfundener Negativität in die Musik einzuführen. Das eben markiert die Eintrittsstelle ins Barockzeitalter. Dieser pathetische Aspekt wird von Bäuml erfrischend kurzgehalten. Genau darin besteht ihre Originalität.
Das macht alles hier einen relativ weltlichen Eindruck, egal ob „Beatus vir“ aus den „Selva morale et spirituale“ oder „Giovinetta ritrosetta“ aus den „Scherzi musicali“ gesungen wird. Die Vokalisten, voran Sopranistin Margaret Hunter und Tenor Martin Logar, sind licht und gerade. Dieser helle Blick auf das sich verdüsternde Barockzeitalter wird hoffentlich auch das Renommee der älteren Renaissance-Musik heben. Denn diese hat hier den Blick spendiert.
Warum nur bei Renaissance-Musik immer noch gern an Mittelaltermärkte gedacht wird, und derlei Unsinn, fragt man sich verwundert. „Es liegt auch an der Ausbildung“, so Katharina Bäuml. „Schalmei kann man noch heute nicht studieren. Barockoboe schon.“ Derlei Feinheiten können zumindest dem Hörer dieser herrlichen „Memories“ egal sein: Bei Monteverdi geht hier die Sonne auf.

Neu erschienen:

Monteverdi

„Monteverdi Memories“

mit Capella de la Torre, Bäuml

dhm/Sony

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Robert Fraunholzer, 04.06.2022, RONDO Ausgabe 3 / 2022



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