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N° 1259
25.06. - 01.07.2022

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am 02.07.2022



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(c) Monika Rittershaus

Da Capo

Frankfurt, Oper – Nielsen: ­„Maskarade“

Vergnüglich, großartig, ­klangsüffig

Nachdem sich zuletzt vor 16 Jahren in Bregenz David Pountney um Carl Nielsens „Maskarade“ bemühte, hat jetzt die Oper Frankfurt diese reizvolle Spät-Buffa neuentdeckt. Immerhin ist mit Tobias Kratzer einer der besten deutschen Opernregisseure am Start, zudem hat man eine neue deutsche Übersetzung bei dem Regisseur Martin G. Berger in Auftrag gegeben. Der endreimt-oder-ich-fress‘-dich kalauerresistent auch über zehn Verszeilen hinweg; was beständig für zusätzliche Lacher sorgt (und für ein paar spießige Buhs am Schluss).
Kratzer hingegen nimmt sich konzeptuell zurück, gibt großzügig wie gekonnt dem Witzaffen Gagzucker und lässt sein spielfreudiges Personal höchst effizient am langen, virtuos manipulierten Puppenspielerfaden baumeln. Handwerklich ist das ganz groß, weil er auf quasi leerer Bühne beständig aufs Tempo drückt, ohne zu hetzen, seine typisierten Figuren wie im Rausch dem Traum nach der Maskenverwandlung als Flucht aus ihrem vorhersehbar getakteten Bürger- und Familienleben hinterherrennen lässt. Und nicht nur die beiden Liebenden Leander (Tenordrückeberger: Michael Porter) und Leonora (süßer Sopran: Monika Buczkowska) entdecken auf der ewigen Party vor allem sich selbst als verhasste, längst von den Vätern Verlobte. Obwohl jeder ein anderer sein möchte.
Leanders agiler Diener Henrik, der eigentliche Spielmacher (vorzüglich: Liviu Holender) wechselt seine Identität in Richtung Plateausohlen-Popstar. Ganz vorn an der Moralfront agiert Papa Jeronimus (kontrolliertes HB-Männchen: Alfred Reiter), in steingrau, aber mit Pappnase. Auch er verliert sich im Taumel der identitätsbefreiten Ballnacht. Niemand wird hier denunziert, alle aber sind entlarvt.
Dabei unterstützt sie aufs Schönste klangsüffig Titus Engel am Pult des pralltönenden Opern- und Museumsorchesters. Das blinkt und funkelt, keckert, brummt und summt, gleitet sämig süffig streicherzart dahin. Ein herrlich leichtgewichtiger, vergnüglich komischer, trotzdem substanzreich talentvoller Opernabend über Spaß, Freiheit, Autorität und Identität. Hierzulande eine Seltenheit!

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2021



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Eva Jagun stammt aus einer Kölner Musikerfamilie und lernte zunächst Geige, Flöte, Gitarre und Klavier. Ihre ersten Erfahrungen sammelte sie in diversen Chören und Bands, später studierte sie in Hamburg Musik, seit einigen Jahren lebt sie in Berlin. Dort arbeitet sie als Sängerin wie auch als Geigerin im Studio und auf der Bühne mit einer Vielzahl von Künstlern zusammen, unter anderen mit Nina Hagen oder Dieter Hallervorden. Wichtige Impulse erhielt sie vom kanadischen Jazzbassisten […] mehr


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