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N° 1236
15. - 21.01.2022

nächste Aktualisierung
am 22.01.2022



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Liebermanns „Leonore 40/45“ in Bonn (hier: Sanchez, Senator, Goltz) (c) Thilo Beu

Fanfare

Proben, Pleiten und Premieren: Höhepunkte in Oper und Konzert

Gut gemacht, Oper Bonn! Die Wiederentdeckung der auf Beethoven anspielenden ersten Oper von Rolf Liebermann (1910-1999), der gemeinsam mit dem rigiden Neue-Musik-Papst Heinrich Strobel als Librettisten verfassten „Leonore 40/45“ – herausgekommen 1952, zuletzt gespielt 1959, sie war ein Treffer. Dabei war das Werk trotz des aufklärerischen Hoffnungsappells einst ein Flop. Diese Oper kam kurz nach dem Krieg offenbar zu früh, um eine neue deutsch-französische Freundschaft zu feiern. Wo das bisweilen pathetische deutsch-französische Libretto heute veraltet wirkt, da überrascht die polystilistisch unbekümmerte Musik. Da gibt es einen fledermausflügeligen Herrn (pointiert: Joachim Goltz), der als Schutzengel durch die Handlung führt und auch mal alles zum Guten wendend dramaturgisch eingreift. Denn der oboespielende Wehrmachtsoldat Albert (etwas eng: Santiago Sánchez) hat sich 1940 im besetzten Paris in die Pianistin Yvette (mit Fidelio-Stärke, aber zart: Barbara Senator) verliebt. Beider Herzen gehören also passenderweise auch der Musik, das deutet schon die „Fidelio“-Radioübertragung zu Anfang an. Liebermann füllt genussvoll sprudelnden neuen Klangwein in einen alten Schlauch, kann zwölftönen, zitiert gern Beethovens Attitüde, spielt mit romantisch säuselnden Operngeschichtsversatzstücken, mit Satire und Grand Guignol. Wofür Daniel Johannes Mayrs kraftvolles Dirigat steht. Jürgen R. Weber stellt eine flotte, dichte Inszenierung auf die schräge Brettlbühne– sogar mit Hitler und Churchill als Schießbudenfigur-Popanzen.

Wir machten endlich mal wieder einen Ausflug an die Mailänder Scala. Zu einer Neuproduktion von Rossinis Meisterwerk „Il barbiere di Siviglia“, bei dem bereits zum dritten Mal Riccardo Chailly am Pult stand, diesmal als Musikchef. So sitzt das bestens aufgelegte Scala-Orchester Geigenbogen bei Fuß, hat einen frischen Buffa-Sound drauf, mit trockenen Holzspitzen und feinzartem Streicherteppich. Was man von der wenig inspirierten Regie Leo Muscatos nicht sagen kann. Der machte aus dem tollen Tag in Sevilla eine dünne Backstage-Story in düsterbraven Kulissen. Alle arbeiten an einem Theater, Doktor Bartolo (mit wohligem Witz: Marco Filippo Romano) könnte der Impresario sein, Rosina (blässliches Rosinchen: Svetlina Stoyanova) die Primaballerina – weshalb dauernd Statistenherren im Tütü Ballett-Tuntenklischees vorzuführen hatten. Nicola Ulivieri erledigt mit stoischer Basssteifheit seinen Basilio. Leider dröge: Antonino Siragusa als Almaviva, weder besonders spiel- noch stimm-viv. Wirklich stark als Barbier, mit vitaler Gestik und vollsaftig durch die Koloraturen hüpfenden Bariton: Mattia Olivieri. Den wünschte man sich öfters auch außerhalb Italiens.

Italo-Vergnügen auch in Genf mit Donizettis „Anna Bolena“: Belcanto wurde hier geschmackvoll packendes Menschentheater. Mariame Clément inszeniert personengeschickt in einem Bühnenbild, das einer Edel-Magazin-Fotostrecke zum Thema Landadel ähnelt. Kein Belcanto-Konzert in steifer Robe also, echte Menschen, wirkliche Konflikte, aufgelöst und zusammengehalten von der Grammatik der romantischen Oper des 19. Jahrhunderts, die Stefano Montanari fesselnd musikalisch ausformt. Die Tudor-Königin Anna sang die junge Elsa Dreisig. Gut gesetzt sind die Spitzen, flüssig die Koloraturen, wohlüberlegt die dramatischen Ausbrüche. Diese Anna ist verletzlich, das ist ihre große Stärke. Ihre Gegenspielerin ist Giovanna Seymour, in Gestalt von Stéphanie d’Oustrac als reifere Interpretin. Edgardo Rocha macht als Jugendliebe Percy aus dem hier undankbaren Dritten mit etwas isolierten Spitzentönen das Tenorbeste,Lena Belkina als fatal verliebter Page Smeton setzt flackernde Mezzoglanzlichter. Und Alex Esposito, als wohltönend nobler Enrico VIII. optimiert ein wenig den schlechten Ruf der historischen Figur.

Matthias Siehler, RONDO Ausgabe 6 / 2021



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